Neulich beim Kiddusch

Rosa Röllchen

Lippenstift, Taschentücher, Kaugummi – mein Kiddusch-Survival-Kit ist fast fertig. Fast. »Hast du die Selleriestangen eingepackt, Schatz?«, brülle ich durch die Wohnung. »Und das Knäckebrot und meine Zellulose-Nuggets?« »Zellulose zum Essen?«, brüllt mein Mann zurück, »das kann nicht dein Ernst sein!«

Doch, das ist mein bitterer Ernst. Der Trick ist, sich bereits vor dem Kiddusch so mit Gemüse und anderem Grünzeug vollzustopfen, dass man den kalorienreichen Teilchen vom Buffet problemlos widerstehen kann. »Schaffst du es mit deinen Stilettoheels überhaupt bis zur Synagoge? Und bekommst du in dem engen Kostüm noch Luft?«, erkundigt sich mein Mann besorgt. »Klar«, keuche ich mit angehaltenem Atem und hervorquellenden Augen und stöckele mit zusammengebissenen Zähnen aus der Wohnungstür. »Ich muss dünn aussehen, denn Anouk wird da sein!«

Anouk ist meine beste Freundin. Meine beste Ex-Freundin, sollte ich wohl sagen, denn seit wir uns in dieselbe Weight-Watchers-Gruppe eingeschrieben haben, ist ein erbitterter Kalorien-Kleinkrieg entbrannt. Wir beide wollen rechtzeitig zur Bikini-Saison wieder in entsprechender Form sein. Aber im Moment hat Anouk einfach die besseren Karten, denn neben ihren ausladenden Formen verfügt sie auch über ein ausladendes Bankkonto. So hat sie einen hochpreisigen Fitness-Coach engagiert, einen Diät-Hypnose-Guru und ein ganzes Heer von Enährungsberatern, Vorkostern und Aufpassern, die ihr auf die Finger klopfen, wenn sie sich wieder mal mit Kanapees vollstopfen will.

Food-Coach »Was meinst du, wird sie wieder diesen schleimigen kleinen Franzosen zum Kiddusch mitbringen?«, fragt mich mein Mann auf dem Weg zur Synagoge. »Das ist kein Franzose, das ist Antoine, ihr Food-Coach«, erkläre ich. Und tatsächlich, als wir eintreffen, hat sich Antoine bereits vor dem Buffet positioniert und schaufelt Lachshäppchen und Artischockenherzen auf einen Teller. »Schon hungrig, Antoine?«, säusele ich. »Ceci ist eine Selection für Madame Anouk. Les Proteines, aber nisch ssuviel. Comprenez?«, säuselt er zurück, »et vous, Madame, immer noch dieselb Gewischt? Keine Gramme abgenomme seit die letzt Mal?« Bissiger, schnip- pischer, kleiner ... Mein Mann hält mich im letzten Moment zurück, damit ich Antoine nicht an die Gurgel gehe. Gerade noch rechtzeitig, denn da betritt Anouk den Plan, gefolgt von Latifa, ihrer Kalorien-Sklavin, die ein Fettanalysegerät und einen Kalorienrechner mit sich schleppt. »Latifa, Lachshäppchen!«, bellt Anouk, und Latifa tippt blitzschnell ein paar Zahlen in ihren Rechner, es folgt eine getuschelte Unterhaltung mit François, der die Häppchen auf einer silbernen Platte mit Petersilienbüscheln anrichtet und sie Anouk mit Grandezza kredenzt. »Fehlt nur noch, dass er sie füttert«, wispert mein Mann. »Schnell, meine Selleriestangen«, wispere ich zurück.

»Was ist, gehen wir noch auf einen Happen zu mir?«, flötet Anouk, »ich habe ein paar Rohkost-Hors d’Oeuvres vorbereitet, die müsst ihr mal probieren. Du vor allem, meine Süße«, sagt sie mit einem abschätzigem Blick auf meine Hüftpolster. Bevor ich ihr eine langen kann, hat mein stets diplomatischer Mann die Einladung bereits angenommen, und so sehe ich mich gezwungen, noch einige weitere Stunden in Anouks unerträglicher Gegenwart zu verbringen.

Wie immer ist Anouks mega-stylishes Loft aseptisch sauber und perfekt aufgeräumt, mein erster Gang gilt wie stets Anouks Hightech-Külschrank, ihrem ganzen Stolz: hochpoliertes Edelstahl, mit allen möglichen Gadgets, leuchtenden, summenden Knöpfen und Dioden auf einem Schaltpult versehen, innen herrscht wie immer frostig gähnende Leere, bis auf ein paar einsame Karotten und mageren Aufschnitt.

Sabotage Auf einem kleinen roten leuchtenden Knopf steht NOTFALL, aber wozu braucht ein Kühlschrank einen Notfallknopf, wundere ich mich laut und drücke auf den Knopf. »Nein! Nicht!«, kreischt Anouk und will sich dazwischenwerfen. Zu spät. Leise summend schiebt sich eine Geheimtür beiseite und gibt den Blick auf das Innere des Kühlschranks frei: gut ausgepolstert mit Sahnetörtchen, Petit Fours, einer ganzen Batterie von Snickers-Riegeln und Creme- schnitten. »Madame Anouk! C’est de la sabotage!«, kreischt Antoine hysterisch, »isch kündige!« Latifa schnaubt nur verächtlich und schmeißt Anouk ihr Fettanalysegerät vor die Füße, bevor sie auf dem Absatz kehrtmacht und Anouk als kleines Häufchen Elend zurücklässt.

»Macht nichts«, schnüffelt Anouk und greift tief ins Kühlfach, wo sich ganz hinten auch ein Fläschchen Nobel-Schampus verbirgt. »Ich hatte den ganzen Diät-Zirkus sowieso satt.« Wir stoßen auf das Ende unserer Diät-Tortur an und klauben ein paar Süßigkeiten aus dem Kühlschrank. »Magst du immer noch die rosafarbenen?«, schnieft Anouk und schiebt mir ein Marzipanröllchen zu. 357 rosa Kalorien zerschmelzen auf meiner Zunge. Ich seufze selig. Wie gut, eine beste Freundin zu haben, die sich an solche wichtigen Details erinnert.

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