Nachruf

Rabbiner Ovadia Josef gestorben

Ovadia Josef im September 2012 in Jerusalem Foto: Flash 90

Jahrzehntelang hat er für die Eigenständigkeit der sefardischen Tradition gekämpft – mit beträchtlichem Erfolg. Zehn Jahre stand er als Oberrabbiner an der Spitze der sefardischen Juden Israels (1973–1983). Am Montag ist Rabbiner Ovadia Josef im Alter von 93 Jahren in Jerusalem gestorben.

Geboren wurde Ovadia – wie er von allen genannt wurde – 1920 in Bagdad unter dem Namen Abdoullah Youssef. Schon als Kind kam er mit seinen Eltern nach Israel. Seine Begabung fiel früh auf. Bereits im Alter von 17 Jahren wurde Ovadia aufgefordert, einen täglichen Halacha-Vortrag zu halten. Rabbiner Ovadia kritisierte alle Abweichungen von den Positionen des sefardischen Rabbiners Josef Karo, dem Verfasser des »Schulchan Aruch«.

Von 1947 bis 1950 wirkte Ovadia in Kairo als Rabbiner, dann arbeitete er als Richter in Petach Tikwa, in Tel Aviv und in Jerusalem. Im Laufe der Jahre hat er unzählige halachische Fragen beantwortet und seine wichtigsten Responsa in mehreren Bänden vorgelegt. Sein Hauptwerk hat Rav Ovadia (nach Psalm 19,3) »Jabia Omer« genannt, eine Sammlung von populären halachischen Erörterungen nannte er »Jechawe Daat« (ebenfalls nach Psalm 19,3).

Einerseits hob er sich von der aschkenasischen Tradition ab – in erster Linie entschied er religiöse Fragen für sefardische Juden –, andererseits suchte er die unterschiedlichen Bräuche der marokkanischen, tunesischen, syrischen und irakischen Juden zu vereinheitlichen. Das von ihm herausgegebene Gebetbuch »Chason Ovadia« mit seinen halachischen Anmerkungen ist heute in fast allen sefardischen Synagogen zu finden.

Menschenleben
Von großer Wichtigkeit war sein Verdikt, dass die »Beta Israel« in Äthiopien als Juden anzuerkennen sind; diese Entscheidung hat mehr als 100 000 Menschen die Einwanderung nach Israel ermöglicht. In der Frage der Rückgabe von eroberten Gebieten hat Rav Ovadia eine klare Stellung bezogen: In seinen Augen hat die Rettung von Menschenleben Priorität vor dem Festhalten am Land.

Nach seiner Zeit als Oberrabiner profilierte sich Rav Ovadia auch als Politiker; er gründete und leitete die sefardische Schas-Partei, die sich 1984 von der aschkenasisch dominierten ultraorthodoxen Partei Agudat Israel abgespalten hatte. Lange Jahre war Schas als »Königsmacher« in fast jeder israelischen Regierung vertreten – ausgenommen dem 2003 vom Ariel Scharon begründeten Kabinett sowie dem dritten Kabinett von Benjamin Netanjahu, das seit März 2013 im Amt ist.

Wegen seiner provokanten Äußerungen gegen linksgerichtete israelische Politiker und arabische Führer war Owadia Josef nicht unumstritten. Die nationalreligiöse Partei »Habayit Hayehudi« nannte er zuletzt ein »Haus der Gojim«. Kritisiert wurden auch Äußerungen Josefs, Nichtjuden seien nur zu dem Zweck erschaffen worden, um Juden zu dienen.

In Reden bediente er sich mitunter einer blumigen, nicht sehr feinen Sprache, um seinen Standpunkt unmissverständlich klar zu machen. Doch ohne Zweifel hat Rav Owadia mehr als jeder andere für die Wiedererstarkung des sefardischen Judentums in unserer Zeit geleistet.

Kol Nidre

Alle Gelübde

Warum dem Versöhnungstag eine außergewöhnliche Zeremonie vorangeht

von Rabbiner Netanel Olhoeft  04.10.2022

G’ttesdienst

Plädoyer für Stille

Beim Kol Nidre sollten die Beter in der Synagoge nicht miteinander plaudern – denn viel zu viel hängt davon ab

von Bryan Wood  04.10.2022

Erzählung

»Eingeschrieben ins Buch des Lebens«

Eine Begebenheit in Krakau zu Jom Kippur aus dem Band »Jüdische Feiertagsgeschichten«

von Alexander Günsberg  04.10.2022

Wajelech

Eine eigene Rolle

Wie man die letzte der 613 Mizwot nicht nur richtig, sondern auch schön erfüllt

von Rabbiner Elischa Portnoy  29.09.2022

Vorwürfe gegen Geiger Kolleg

Zentralrat der Juden weitet Ermittlungen aus

Erste Ergebnisse werden Ende 2022 erwartet

 03.10.2022 Aktualisiert

Machsorim

Zum Mitlesen

Der Berliner Verlag »Jüdisches« bringt Gebetbücher für die Hohen Feiertage mit gleichwertiger Übersetzung heraus

von Chajm Guski  28.09.2022

Spiritualität

Königliche Hilfe

Was Queen Elizabeth II. mit dem Gebet »Awinu Malkenu« zu tun hat

von Dovid Gernetz  24.09.2022

Einheit

Gemeinsamer Nenner

An Rosch Haschana ist es besonders wichtig, Differenzen zu überwinden und zusammenzufinden

von Rabbiner Avichai Apel  23.09.2022

ORD

Auf ein besseres Jahr 5783

Angesichts des Krieges in der Ukraine ist der Wunsch nach Frieden immer und überall präsent

von Rabbiner Avichai Apel  23.09.2022