Essay

»Ich habe mein Baschert in einem weiblichen Körper gefunden«

Die Autorin (l., im roten Kleid) bei ihrer Chuppa mit Anna Adam. Elisa Klapheck (r., mit Talit) war als Rabbinerin dabei. Foto: Maartje Wildeman

Die Bilder vom Pride March in Budapest beeindrucken. Trotz des Verbotes durch die Orbán-Regierung waren 200.000 Menschen gekommen, um ihren Stolz als Regenbogencommunity auf die Straße zu tragen. Dieser Pride wurde zu einem Zeichen für Demokratie und eine pluralistische Gesellschaft.

Am 28. Juni 1969 gab es den ersten Aufstand der queeren Gemeinschaft gegen Polizeigewalt in der Christopher Street in New York. Der CSD, kurz für »Christopher Street Liberation Day«, findet in Erinnerung daran jährlich in den Sommermonaten statt, in vielen Ländern heißt dieser Tag Gay Pride. Die LGBTQ+-Community feiert sich selbst und ihre Errungenschaften, etwa die Anerkennung als gleichberechtigte Bürger demokratischer Länder.

Heute ist die so hart erkämpfte Demokratie in Gefahr – überall auf der Welt. Die Regenbogencommunity spürt diese Verschiebungen in der Gesellschaft sofort, genauso wie wir Juden. Umso mehr sollten wir einander unterstützen.

Das Gesetz des Landes ist Gesetz

»Dina Malchuta dina« lautet ein talmudisches Prinzip: Das Gesetz des Landes ist Gesetz. Was bedeutet das für uns? Sind Menschen der queeren Community in unseren Gemeinden willkommen? Können queere Menschen unter der Chuppa heiraten, so wie sie es heute auf den Standesämtern in unserem Land können? Sind ihre Kinder halachisch anerkannt?

Rabbi Eliezer Berkovits (1908–1992) lehrt, dass Halacha immer ein Prozess ist: »Halacha setzt sich mit den praktischen Herausforderungen menschlicher Existenz auseinander und lehrt die Anwendung ethischer Prinzipien im täglichen Leben der Juden.«

Als der Ewige am sechsten Tag Adam erschuf, kreierte er ihn männlich und weiblich: »Sachar wʼnekewa bara otam« (1. Buch Mose 1,27). Erst in der zweiten Schöpfungsgeschichte kommt Chawa, die Gefährtin, in die Welt. Der erste Adam war also androgyn. Heute wird viel über diverse Geschlechter diskutiert, in vielen Fragebögen finden wir die Option »männlich, weiblich, divers«. Dagegen wird polemisiert. Nun ja, der Talmud wusste schon von sechs bzw. sieben Geschlechtern (unter anderem Jevamot 64ab).

Wir sind alle »bʼzelem Elokim«, im Ebenbild des Ewigen erschaffen. Meine selige Mama erzählte mir die Geschichte, dass lange vor unserer Geburt im Himmel entschieden wird, welche Seele für welche Seele bestimmt ist. Wir sind »Baschert«, füreinander »min haschamajim«, also vom Himmel, bestimmt.

Wen hat Gott für uns vorherbestimmt?

Rabbi Jehuda sagte im Namen Raws, dass 40 Tage vor der Geburt eine Hallstimme ertöne und spreche: die Tochter von jenem für diesen, das Haus von jenem für diesen, das Feld von jenem für diesen (Talmud Sota 2a).

Wie findet man seinen Baschert? Jene Neschama, jene Seele, die der Ewige als Schadchen, als Heiratsvermittler, für uns bestimmt hat? Manchmal muss man lange suchen, manchmal hilft die moderne Technik, manchmal ist es ein Malʼach, ein Bote, oder Zufall oder doch einfach Baschert?

»Wir waren ein ›match made in heaven‹, davon bin ich überzeugt.«

Ich fand mein Baschert in einem weiblichen Körper, vor nun beinahe 32 Jahren – wir waren ein »match made in heaven«, davon bin ich überzeugt. Als unser gemeinsamer Sohn in der Synagoge Oranienburger Straße in Berlin Barmizwa wurde, war es heiß im sommerlichen Berlin, die kleine Synagoge war überfüllt, Rabbi Leo Trepp seligen Angedenkens legte dem Barmizwa am Donnerstag zum ersten Mal die Tefillin, am Schabbat gab er ihm den Segen. Kantor Itzik Scheffer hatte ihn wochenlang geduldig unterrichtet. Rabbi Rothschild hat mit ihm diskutiert, und Rabbi Mark Cohen aus New York forderte den Barmizwa mit anderen Perspektiven heraus. Ich las vor unserem Sohn aus der Tora, übergab ihm den Jad, und wir zwei Mamas waren stolz, wie nur jüdische Mütter stolz auf ihr Kind sein können. Wir waren eine völlig normale jüdische Familie.

Bund der Liebenden

Einige Jahre später wurde das weltliche Gesetz in Deutschland geändert, Partnerschaften wurden (fast) gleichgestellt. Nun wollten wir eine Chuppa. Rabbinerin Elisa Klapheck schlug uns einen »Brit Ahuwim«, einen Bund der Liebenden vor, ein Konzept, das Rabbinerin Rachel Adler in den 80er-Jahren entwickelt hatte. Unsere Chuppa in der Toskana unter Olivenbäumen war für alle Anwesenden ein unvergessliches Fest. Unsere Beziehung ist noch enger, heiliger geworden.

In vielen liberalen und konservativen Gemeinden ist eine Regenbogen-Chuppa inzwischen möglich.

Inzwischen sind LGBTQ+-Menschen Rabbiner und Kantoren, nicht nur in liberalen, sondern auch in konservativen Seminaren und Gemeinden. In vielen liberalen und konservativen Gemeinden ist eine Regenbogen-Chuppa inzwischen möglich, und die Kinder dieser Beziehungen sind herzlich willkommen.

Halachische Partnerschaft

Diesen Pride-Monat war ich zu einer ungewöhnlichen Chuppa nach Manchester eingeladen. Zwei jüdische Männer, die aus traditionellen Familien kommen, suchten nach einem modern-orthodoxen, mit den Religionsgesetzen zu vereinbarenden Weg, ihre Liebe, ihr Baschert-sein, unter der Chuppa zu heiligen. Statt Kidduschin haben sie sich für Schutafut, eine halachische Partnerschaft, entschieden. Darum wurde die Ketuba durch einen »Schtar Schutafut«, einen Partnerschaftsvertrag, ersetzt. Ihre Chuppa in Manchester war ein berührendes, wunderbares Fest.

Regenbogenfamilien gehören zur Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland, in manchen Staaten Europas, in Israel und in einigen anderen Ländern dieser Welt. Unser Leben ist bunter, diverser geworden. Der Talmud lehrt uns, völlig gegensätzliche Auffassungen und Meinungen zu respektieren. Wir nennen es gelebte Demokratie. In Budapest, auf dem von der Regierung verbotenen Pride March, ging es um den Erhalt jener Vielfalt unserer Gesellschaft. Unser »Baschert« oder das »match made in heaven« wird nun einmal im Himmel entschieden. Warum sollte man dies anfechten? Es ist an uns, dieses Glück »baʼArets«, auf der Erde, zu respektieren, zu leben und zu heiligen.

Die Autorin ist Kantorin und Studienleiterin der European Academy for Jewish Liturgy in London.

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