Gan Eden

Paradiesische Zustände

»Die Tagebücher von Adam und Eva – ein Musical«: Aufführung im Admiralspalast Berlin, 2012 Foto: imago

In den jüdischen Gemeinden der Sowjetunion erzählte man sich gern politische Witze. Einer ging so: Stalin ruft die Oberhäupter der drei wichtigsten Religionen seines Reiches zu sich: den Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, den Imam der islamischen Glaubensgemeinschaft und den Oberrabbiner von Moskau. Er fordert sie auf, bei ihrer nächsten Predigt zu verkünden, dass der Kommunismus bereits am Anfang der menschlichen Geschichte da war.

Die beiden ersten weisen dieses Ansinnen entrüstet zurück: Sie können eine solche Lüge nicht verkünden. Der Oberrabbiner hingegen akzeptiert die Forderung Stalins, ohne zu zögern. Als seine Kollegen ihn ungläubig anstarren, sagt er: »Der Stalin hat doch recht! Nehmen wir das 1. Buch Mose – was finden wir dort? Zwei arme Menschen, Adam und Eva, laufen ohne Kleidung und barfuß herum, streiten sich um eine Frucht, einer denunziert den anderen bei der Behörde, und das Ganze nennt man Paradies!«

Schuld Ins biblische Paradies, den Garten Eden, führt uns der aktuelle Wochenabschnitt Bereschit. Wie paradiesisch war es dort wirklich? Und wie sieht es mit der bekannten ersten Sünde da tatsächlich aus: Was ist vorgefallen, warum und mit welchen Absichten, und wer ist eigentlich schuld? Wenn davon die Rede ist, wird es oft kompliziert.

Es gibt sogar Interpretationen, wonach die Sünde in Wirklichkeit g’ttgewollt gewesen sei, da erst aus ihr dem Menschen die Möglichkeit gegeben wurde, »Gut und Böse zu erkennen«. Doch diese Lesart lässt sich schwer erklären: Wenn das Handeln g’ttgewollt gewesen ist, warum wurde der Mensch dann für sein Tun mit schweren Flüchen belastet?

Ursprung
Die erste Sünde erfährt besondere Aufmerksamkeit – eine weit größere als viele andere Begebenheiten, von denen wir in der Tora lesen –, vermutlich weil von ihr die gesamte Menschheit betroffen ist, da sich in den ersten Menschen Adam und Chawa der Ursprung und die Wurzel der Menschheit befinden. Doch so bekannt die Geschichte zu sein scheint, so erstaunlich ist es, dass die Geschichte hinter der Geschichte kaum bekannt ist – obwohl sie ausdrücklich im Text zu finden ist.

Als G’tt den Menschen erschuf, führte Er ihn durch den Garten Eden und gab ihm ein erstes Gebot. Viele werden sich denken: »Na klar, das Gebot, nicht von der verbotenen Frucht des Baumes der Erkenntnis zu essen.« Doch weit gefehlt! Das erste Gebot G’ttes an den Menschen im Garten Eden lautet: »Und G’tt befahl dem Menschen: ›Von allen Bäumen des Gartens sollst du essen!‹« (1. Buch Mose 2,16). Adam, sieh dir diese schöne Welt an: Für dich habe Ich sie erschaffen! Genieße davon, von all ihren Früchten!

Erst nach diesen Worten fährt G’tt fort: »Nur vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse sollst du nicht essen« (2,17). Nicht alles sei dem Menschen erlaubt, eine einzige Frucht sei ihm untersagt (es handelt sich nach jüdischer Tradition übrigens nicht um einen Apfel: Dieser kommt aus der christlichen Tradition und hängt vermutlich mit der lateinischen Nähe der beiden Worte »malus«, böse, und »malum«, Apfel, zusammen). An diesem Gebot manifestiert sich die besondere Eigenschaft des Menschen, sich als höheres Wesen kontrollieren zu lernen und seine Willensfreiheit auszuüben.

Schlange Und nun kommt die Schlange ins Spiel: Wie hinterlistig sie wirklich ist, lässt sich erst beim Blick auf ihre Worte und die dahintersteckende Strategie erkennen: »Und sie sprach zur Frau: ›G’tt sagte doch, ihr sollt von keinem Baum im Garten essen‹« (3,1). Die Frau erkennt sofort, dass dies eine perfide Lüge ist. »Und die Frau sagte zur Schlange: ›Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen. Von der Frucht des Baumes aber, der in der Mitte des Gartens steht, sagte G’tt: Esst nicht davon!‹« (3, 2–3).

Chawa meint es gut: Sie versucht, die Lüge abzuwehren und G’tt in Schutz zu nehmen. Doch in Wirklichkeit ist sie der Schlange bereits in die Falle gegangen. Die simple Verdrehung der Worte lässt auf ein tief sitzendes Problem schließen: Als Chawa meinte, es sei gar nicht wahr, dass alle Früchte verboten sind, sagte sie: »Von den Früchten dürfen wir essen.« Alles Gute dieser Welt steht uns zur Verfügung. Wer hat es uns gegeben? Egal. Es ist einfach da, und wir dürfen davon essen.

Und wo kommt G’tt ins Spiel? »Von der Frucht des Baumes aber, der in der Mitte des Gartens steht, sagte G’tt: ›Esst nicht davon!‹« Seine Erwähnung findet erst im Zusammenhang mit dem Verbot statt: Er ist es, der uns dieses Verbot auferlegt hat! Bereits hier findet die wirkliche Sünde statt, denn mit dieser Einstellung ist es der Schlange ein Leichtes, weiter zu manipulieren und die Sünde herbeizuführen.

Garten Im Gegensatz zu dem eingangs in der Geschichte beschriebenen Zustand im Paradies gehen in Wirklichkeit G’tt und der Mensch »wie zwei Freunde« durch den Garten: Und G’tt zeigte Adam alles Gute und Schöne, das Er für den Menschen geschaffen hat und bereithält. Was sich aber beim Menschen festsetzt, ist ein ganz anderes Bild von G’tt: Das Gute dieser Welt ist da, einfach vorhanden, man darf es nutzen und genießen. G’tt aber wird mit Verboten identifiziert, Er ist derjenige, der sagt: »Das darfst du nicht, und jenes ist verboten.« G’tt wird in den Augen des Menschen zum Wächter, zum Polizisten degradiert!

Als Adam sich nach der Sünde vor G’tt versteckte, rief dieser ihm »Ajekka?« zu (3,9). Nicht »Wo bist du?« soll es heißen, wie allgemein übersetzt, sondern, verwandt mit dem »Ejcha«, das mit denselben hebräischen Buchstaben geschrieben wird (nur anders punktiert): »Wie ist es geschehen? Was ist mit dir geschehen?« – »Wo ist unser vertrautes Verhältnis hin? Wie kommt es, dass du dich vor Mir versteckst? Sieht so unsere Beziehung aus? Sind wir nicht soeben noch gemeinsam durch den Garten gewandelt, wie Freunde?«

Harmonie Der Weg zurück zur Harmonie mit G’tt, zum paradiesischen Zustand im Garten Eden vor der ersten Sünde, führt direkt über diese Erkenntnis: In G’tt nicht den Wächter und den Ursprung vieler beschwerlicher Auflagen zu sehen, sondern in Ihm, in Seiner Welt und in Seinen Worten zu erkennen, dass dies alles zu unserem Besten gedacht und gegeben ist – »letow lach«, »zu deinem Guten« (5. Buch Mose 10,13).

Dieses Jahr feiern wir einen Tag, bevor wir den Wochenabschnitt Bereschit lesen, das Simchat-Tora-Fest. Es kann wohl kaum ein stärkeres Zeichen dafür gesetzt werden, dass wir in der Tora und ihren Worten nicht eine Last, sondern eine Bereicherung und Freude erblicken, als das ausgelassene und fröhliche Singen und Tanzen an diesem Fest: mit der Tora, für die Tora – und für uns.

Der Autor ist Rabbiner der Synagogen-Gemeinde Köln.

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