Tischa beAw

Nähe zu Gott – auch ohne Tempel

Rabbiner Adrian Michael Schell Foto: Stephan Pramme

Der 9. Aw ist eines der wenigen Daten im jüdischen Kalender, an dem wir einen ganzen Tag lang fasten sollen. Wie vielen anderen progressiven Jüdinnen und Juden fällt es mir jedoch schwer, Zugang zu diesem Datum zu finden – steht doch im Zentrum des Gedenkens der zerstörte Tempel mit seinem Opferkult. Doch als progressive Juden glauben wir schon lange nicht mehr an die Notwendigkeit eines zentralen Heiligtums mit seinen Kulten und Tieropfern.

Mit der Zerstörung des Ersten Tempels ging eine wesentliche Änderung in der zuvor befolgten Praxis einher. Stück für Stück ersetzten festgelegte Gebete die täglichen Opfergaben und bereiteten so den Boden für die »große rabbinische Revolution«, die nach der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 n.d.Z. eintrat: An die Stelle der Tieropfer und des Tempelkultes traten Wortgottesdienste und die direkten Gebete von einzelnen Gläubigen.

Tempelrituale Durch die teilweise Übernahme von Tempelritualen in die Synagoge (wie die Verwendung von Schofar, Lulav und Etrog) und die ritualisierte Erinnerung an den ehemaligen Tempelgottesdienst innerhalb der Liturgie schafften es die Rabbinen jahrhundertelang, die Menschen über den Verlust des Tempels hinwegzutrösten.

Trotzdem war dieser Schritt revolutionär, denn mit ihm wurde nicht nur die Ablösung der Tieropfer vollzogen, sondern auch, dass nun jeder unmittelbar vor Gott stand und sich ohne Mittler an Gott wenden konnte, aber auch vor Gott verantworten musste.

Der Bund zwischen Gott und seinem Volk wurde meiner Meinung nach inniger und intimer. Und so kam es, dass Rabbi Schmuel ben Rabbi Isaak schon im dritten Jahrhundert lehrte, dass eine Synagoge, in der Menschen zum Beten zusammenkommen, von nun an als »kleiner Tempel« betrachtet werden sollte (Babylonischer Talmud, Megilla 29a).

Reformjudentum Mit der Entwicklung des Reformjudentums in Deutschland durch Abraham Geiger, Israel Jacobson und andere verlor der Tempel schließlich auch im übertragenen Sinne seine rituelle Funktion. Juden hatten über Jahrhunderte hinweg bewiesen, dass der Bund mit Gott keines Tempels bedurfte und dass Juden jederzeit und an jedem Ort ihr Judentum praktizieren konnten.

Ich kann diesem Konzept viel abgewinnen. Um ganz genau zu sein, wäre für mich eine Rückbesinnung auf eines der vorherigen Stadien ein wahrer Rückschritt, vor allem in unserer Beziehung zu Gott. Anstelle Gott im Laufe der Zeit näherzukommen, würden wir uns wieder von ihm entfernen. Ich kann daher keinen Sinn in dem Wunsch nach einer Wiederherstellung des Tempels erkennen; mehr noch, ich stehe dieser Idee sogar diametral entgegen.

Ich bin davon überzeugt, dass wir den Ewigen an jedem Ort dieser Welt gleichermaßen treffen können. Unsere Weisen, die einst das Judentum so abgewandelt hatten, dass es ohne den Tempel und seinen Kult auskommen konnte, haben wahrlich eine Meisterleistung vollbracht.

Sie haben zwar auf der einen Seite die »Religion« vom Ort des Kultes gelöst, jedoch auf der anderen Seite weiterhin die Menschen miteinander durch diesen Ort verbunden gehalten. Obwohl sie im religiösen Sinne das Judentum mit den Reformen auf den Kopf gestellt hatten, hielten sie an Jerusalem als Zentrum des Judentums fest. Nicht als einem Ort, an dem Gott ausschließlich gedient werden konnte, sondern als ein Zentrum der Hoffnung und ein ganz reales Zentrum unseres Volkes in allen Epochen.

Westmauer
Die frühere Westmauer des Tempels, die Kotel, symbolisiert genau diese Hoffnung und diese Verbundenheit aller Juden. Und aus diesem Grund gehört sie auch allen Jüdinnen und Juden, egal wo und wer wir sind. Heute haben wir nicht mehr das Stiftszelt und auch nicht mehr den Tempel, aber wir haben immer noch den Ort im Zentrum, der die Verbundenheit aller Jüdinnen und Juden untereinander verdeutlicht und bis heute dafür steht, dass wir nicht ohne Gott sind.

Ich glaube nicht, dass wir um den Tempel trauern müssen. Aber dies bedeutet nicht, dass wir den 9. Aw ersatzlos aus unseren Kalendern streichen sollten. Wir sollten ihn jedoch den Menschen widmen, die wir in all den Katastrophen im Laufe unserer Geschichte verloren haben, den Jüdinnen und Juden, die bei der Eroberung Jerusalems, während der Pogrome in den vergangenen Jahrhunderten, der Schoa, bei den Anschlägen auf jüdische Einrichtungen auf der ganzen Welt und bei der Verteidigung des modernen Israel und Jerusalems ermordet wurden.

Dankbarkeit
Doch bei aller berechtigten Trauer sollten wir nicht vergessen, auch unsere Dankbarkeit darüber auszudrücken, dass wir uns trotz allem als Gemeinschaft nicht verloren haben und auch und weiterhin wie durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden sind: damals, heute und in der Zukunft. Genau das ist für mich Tischa beAw.

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