Nachfolge

Mosches Abglanz

»Das Antlitz Mosches war wie das der Sonne; das Antlitz Jehoschuas wie das des Mondes« (Babylonischer Talmud, Baba Batra 75a). Foto: Flash 90

Er war der zweite Anführer des Volkes Israel: Mosches Nachfolger Jehoschua. Wir erfahren nicht viel darüber, wie er sich zur Zeit des Auszugs aus Ägypten und der Toraübergabe verhielt. Jedoch später, im ersten Buch der Propheten, wird Jehoschua als entscheidungsstarker Militärstratege beschrieben, der das Land Kanaan erobert.

Im Talmud (Baba Batra 75a) steht, dass Mosches Gesicht dem Gesicht der Sonne gleicht und Jehoschuas Gesicht dem Gesicht des Mondes. Mosche steht für Größe, Licht und Weisheit – Jehoschua ebenso. Doch da der Mond nicht von alleine strahlt, sondern nur durch das Licht der Sonne sichtbar wird, kann hiervon abgeleitet werden, dass Jehoschua seine Führungsqualität nur aus dem schöpfen kann, was Mosche ihm gegeben hat. Deshalb lesen wir im 4. Buch Mose 27,20, dass Mosche Jehoschua von seinem Glanze etwas geben soll.

Wenn wir die Stellen in der Tora betrachten, die Jehoschua genauer beschreiben, eröffnet sich für uns jedoch ein anderes Bild seiner Persönlichkeit: Jehoschua ist einzigartig und selbstständig.

amalek »Da sprach Mosche zu Jehoschua: Nimm eine erlesene Mannschaft und zieh aus, kämpfe gegen Amalek! Morgen werde ich mich dann auf die Spitze des Hügels stellen, den Stab G’ttes in meiner Hand« (2. Buch Mose 12,9). Und im Vers 13: »Und Jehoschua besiegte Amalek und seine Mannen mit der Schärfe des Schwertes.«

Beide sind Anführer. Mosche hält in seiner Hand den g’ttlichen Stab, der Wunder vollbringt – Jehoschua, der Mann der Taten, in seiner Hand das Schwert.

Mosche bittet Jehoschua, den Krieg gegen die Amalekiter zu führen. Man muss sich die Situation des Volkes vorstellen, das gerade aus der Sklaverei befreit worden ist: Bis jetzt wandelten sie mit Hilfe von G’ttes Wundern wie den zehn Plagen und der Spaltung des Meeres zum Schutz gegen das ägyptische Militär, das ihnen folgte. Nun sind die Israeliten an einem Punkt angelangt, da von ihnen verlangt wird, selbstständig tätig zu werden. Mosches Führung stand unter der Leitung G’ttes mit Seinen Wundern. Jetzt ist Jehoschua gefordert, aktiv zu handeln, ohne dass ihm Wunder zugesichert werden.

Beim Angriff der Amalekiter auf das Volk Israel ging es nicht um Land oder Besitz. Die Amalekiter störten sich daran, dass die Idee des Monotheismus in der Welt verbreitet wird, und daran, dass ein weiteres Volk in der Wüste aktiv auftritt, das nicht mehr auf Wunder angewiesen ist, sondern selbstständig handeln kann und sich für einen bevorstehenden Krieg rüstet. Sowohl die Kriegsvorbereitungen als auch das eigenständige Handeln schmälerten jedoch nicht Israels Vertrauen in G’tt. Auch das war den Amalekitern ein Dorn im Auge.

Wunder Dass Jehoschua einen anderen Zugang zu Wundern hatte als Mosche, zeigt sehr deutlich eine Passage aus dem 4. Buch Mose: »Da lief ein Knabe hin, erzählte es Mosche und sprach: ›Eldad und Medad weissagen im Lager!‹ Da entgegnete Jehoschua, der Sohn Nuns, der seit seiner Jungend Mosches Diener war: ›Mosche, Herr, nimm sie gefangen!‹ Mosche aber antwortete ihm: ›Eiferst du für mich? O, wären doch alle vom Volk des Ewigen Propheten, und wollte der Ewige seinen Geist auf sie legen‹« (11, 27–29).

Wie kommt es, dass Jehoschua und Mosche so unterschiedlich urteilen? Jehoschua kam aus dem Stamm Ephraim. Dieser war ein Sohn von Josef. Der wiederum zeichnete sich dadurch aus, dass er ohne Wunder, nur mit seiner Intelligenz und dem Verständnis der natürlichen Abläufe in der Lage war, in der Hierarchie Ägyptens ganz hoch aufzusteigen. Doch verlor er nie seinen Glauben an G’tt und sah in der Natur die Existenz des Ewigen.

Jehoschua hielt an der Linie seiner Vorfahren fest, wie auch an der von Josef. Jehoschua war ein von Logik geprägter Mensch. Die Voraussagung von Eldad und Medad war, dass Mosche sterben und Jehoschua das Volk ins Land Kanaan führen würde. Obwohl diese Aussage zu Jehoschuas Gunsten war, konnte er es nicht akzeptieren, dass Menschen Voraussagen treffen, denn das hat mit Wundern zu tun. Mosche dagegen sah es gelassen. Er hätte sich sogar gewünscht, dass alle im Volk Propheten wären.

Gemeinsam sind Mosche und Jehoschua auf dem Berg G’ttes gewesen (2. Buch Mose 24,13). Doch Mosche bekam als Erster die Tora – direkt von G’tt. Er war Rabbiner und Jehoschua sein Schüler. Beide stehen für die erste Konstellation Rabbiner und Schüler. Mosche erhielt die schriftliche Tora, schrieb G’ttes Worte auf – Jehoschua dagegen steht für die mündliche Tora, die sich mit Erklärungen und Auslegungen beschäftigt.

Wie der Mond seine Kraft von der Sonne hat, so hat die mündliche Tora ihre Kraft von der schriftlichen Tora. Die mündliche Lehre erklärt und übersetzt die Tora, zeigt, wie sie ins praktische Leben eingepflanzt werden muss, sodass in allem Natürlichen und Logischen die Heiligkeit G’ttes erkannt wird. Damit die schriftliche Tora in ihrem Ursprung erhalten wird und auf keinen Fall abweicht, muss Jehoschua darauf achten, dass er ganz dicht an der Quelle bleibt.

Midrasch Wir haben aus dem Midrasch entnommen, dass Jehoschua, dessen Gesicht dem des Mondes gleiche, von der Kraft Mosches, der dem Gesicht der Sonne gleiche, abhängig und nicht eigenständig ist. Doch wir haben auch gelernt, dass Mosche und Jehoschua zwei unterschiedliche Anführer mit unterschiedlichen Führungsstilen sind. Wenn wir das Gleichnis aus dem Midrasch genauer betrachten und vertiefen, sehen wir, wie diese versteckten Unterschiede auch dort zum Ausdruck kommen.

Mosche und Jehoschua waren zwei sehr unterschiedliche Führungspersönlichkeiten, aber sie ergänzten einander auch. Sie passten sich jeweils der Situation des Volkes an. Jeder hatte seinen eigenen Stil, der den aktuellen Umständen entsprach.

Betrachten wir noch einmal das Sonne‐Mond‐Gleichnis: Die Sonne ist das Zentrum unseres Sonnensystems, Symbol für eine Konstante, wie es die schriftliche Tora ist. Der Mond hingegen symbolisiert die Bewegung und steht für Erneuerung. Anders als die Sonne zeigt er sich am Anfang des Monats anders als in der Mitte. Der Mond wird mit der mündlichen Tora verglichen. Jehoschua steht für eine stete Erneuerung, wie die mündliche Tora. Aber die Kraft, die von Jehoschua kommt, ist trotzdem die der Sonne, das Symbol der Quelle, der schriftlichen Tora.

G’tt machte Jehoschua zu Mosches Nachfolger, weil Er sich auf ihn und seinen Führungsstil verlassen konnte und davon auszugehen war, dass Jehoschua in G’ttes Sinne agieren würde.

Was lernen wir aus all dem? Wir müssen handeln – logisch und sachlich. Unsere Basis ist der Glaube an G’ttes Existenz. Doch die Welt besteht nicht nur aus Wundern und Propheten, sondern wir sind gefordert zu handeln – ganz so, wie es die talmudische Regel sagt: »Ejn somchin al ha ness« – »Man verlässt sich nicht auf Wunder«.

Der Autor ist Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

Inhalt
Der Wochenabschnitt Pinchas berichtet vom gleichnamigen Priester, der durch seinen Einsatz den Zorn G’ttes abwenden konnte. Dafür wird er mit dem »Bund des ewigen Priestertums« belohnt. Die kriegsfähigen Männer werden gezählt, und das Land Israel wird unter den Stämmen aufgeteilt. Mosches Leben nähert sich dem Ende. Deshalb wird Jehoschua zu seinem Nachfolger bestimmt. Am Schluss der Parascha stehen Opfervorschriften.
4. Buch Mose 25,10 – 30,1

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