Wa’etchanan

Mit ganzem Herzen

Dass das jüdische Volk heute in Israel lebt, verdankt es dem Gebet Mosches: Sonnenuntergang im Ramon-Krater in der Negevwüste Foto: Getty Images/iStockphoto

Im Buch Dewarim werden viele Erzähl-Komplexe aus den ersten vier Büchern Mose wiederholt. Bis auf wenige Ausnahmen ist das Buch in der ersten Person Singular formuliert. In den vorangegangenen Schriften wurden die Erzählungen aus einer objektiven, also der Perspektive Gottes verfasst. Im fünften Buch der Tora werden sie aus der subjektiven, der Perspektive Mosches dargestellt.

So ist das 5. Buch Mose literarisch als Mahn- und Abschiedsrede Mosches stilisiert. Er schärft dem Volk einmal mehr ein, die Mizwot zu halten. Dabei wiederholt er die bereits im 2. Buch Mose genannten Zehn Gebote. Besonderen Nachdruck legt Mosche darauf, dass der Götzendienst verboten ist. Zu ihm könnte sich das Volk verleiten lassen, wenn es aus dem geschützten Raum der Wüste in das verheißene Land einzieht, das von anderen Völkern und deren Kultur und Religion geprägt ist. Es dürfte kein Zufall sein, dass in Dewarim zum ersten Mal die Mizwa der Teschuwa, der Umkehr, erwähnt wird.

Mosche bittet den Ewigen inständig, das Land Israel betreten zu dürfen

Geografisch ist das Buch jenseits des Jordans in der Wüste angesiedelt, kurz vor dem Eintritt des Volkes in das verheißene Land. Dort, an der Grenze, bittet Mosche den Ewigen inständig um die Gunst, das Land Israel betreten zu dürfen. Doch Gott schlägt ihm diesen Wunsch aus. Nur aus der Ferne darf er es sehen.

Das der Parascha den Namen gebende Wort »Wa’etchanan« heißt übersetzt »und ich bat«. Im Hebräischen leitet es sich von der Wurzel »chen« her. Sie bedeutet: etwas schön finden, an etwas Gefallen finden, etwas mögen.

Der Talmud (Sota 47,1) nennt drei Bedeutungsebenen von »chen« (mögen). Zum einen spricht er in geografischer Hinsicht von einem Ort, an dem ein Mensch wohnt. Zu ihm baut er über kurz oder lang eine positive, persönliche Beziehung auf. An ihm fühlt er sich heimisch. Dabei handelt es sich um eine subjektive Wahl, denn es gibt keinen objektiven Ort, an dem sich jeder wohlfühlt. Findet ein Mensch keinen solchen bevorzugten Ort für sich, hat er ein Problem, weil er sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht verorten kann.

In einer zweiten Bedeutungsebene spricht der Talmud von dem Gefallen, den ein Mann an einer Frau findet. Dazu gibt es eine Diskussion unter den Rabbinen. Sie fragen sich: In welchem Fall tanzt man für eine Braut? Die Schule Schammais antwortet: Für die Braut tanzt man in jedem Fall, unabhängig davon, ob sie ein anmutiges Äußeres wie Inneres ausstrahlt. Die Schule Hillels sagt: Man tanzt für eine Frau, die gut aussieht und bescheiden ist.

Man soll nicht lügen und sagen, dass eine Frau schön ist, wenn sie es nicht ist

Auch führen die Schüler Schammais aus: Man soll nicht lügen und sagen, dass die Frau schön ist, wenn sie es nicht ist. Dagegen führt die Schule Hillels an: Man kann über jede Braut sagen, dass sie schön sei, weil sie es in jedem Fall für ihren Bräutigam ist. Wäre es nicht so, würde er sie nicht erwählt haben und heiraten.

Dieses Verständnis von Schönheit ist wegweisend für unsere Weisen, denn sie folgern: Der Mann kann sich von seiner Frau scheiden lassen, wenn er eine Frau kennenlernt, die ihm schöner erscheint als die eigene. Deshalb kommt alles darauf an, dass sich ein Ehepaar von vornherein durch intensive Anziehung und Harmonie zusammenfindet. Nur so können die beiden eine stabile Ehe und Familie im Volk Israel gründen.

Zur dritten Bedeutungsebene sagen die Weisen: Gott hat die Welt so erschaffen, dass sich darin die Seelen der Menschen unterscheiden. Das findet seinen Ausdruck auch in der Verschiedenartigkeit der Interessen und Talente. Jede Seele findet etwas Gutes und Schönes in einem bestimmten Bereich. So gibt es Menschen, die sich der Medizin verschreiben, andere fühlen sich zum Handwerk oder zur Pädagogik beru­fen. Es gibt sogar Menschen, die in der Gerberei arbeiten, wo ein unerträglicher Gestank herrscht. In jedem Fall besteht ein persönlicher, innerlicher Zusammenhang.

Im Blick auf Mosche stellen wir fest: Sein Gebet, das gelobte Land betreten zu dürfen, wurde von Gott nicht erfüllt. Es gefiel dem Ewigen nicht. Wenn also Mosches Flehen vergeblich war – und damit steht er nicht allein –, könnte man folgern, dass es keinen Zweck hat zu beten. Aber das wäre ein voreiliger Schluss. So inständig, wie sein Gebet und Flehen war, hatte es doch Erfolg. Es zeigt nämlich, wie intensiv und innerlich Mosche dem Land verbunden war. Auch wenn er es nicht betreten wird, hat sein Gebet die Kraft und die Macht entwickelt, sein Herz in das verheißene Land zu tragen. In diesem Sinne hat er doch die Grenze zu Eretz Israel überschritten. Mit dem Herzen war er dort.

Dementsprechend beten wir in unseren Tagen, dass der Tempel in Jerusalem wiederaufgebaut wird. Offenbar ohne Erfolg, doch jedes innige Gebet für Jerusalem und den Wiederaufbau des Tempels bringt Hoffnung und Liebe in unser Herz. Es lässt in unserem Sinn, in unserem Inneren den Tempel entstehen und da sein. So erreicht auch dieses Gebet sein Ziel.

Das inständige Gebet verbindet den Beter unzertrennlich mit dem Erflehten

Auch wenn unsere Bitten offenbar nicht immer erfüllt werden und eine Antwort ausbleibt, ist unser Gebet und Flehen dennoch das entscheidende Element. Das inständige Gebet schafft eine nicht zu unterschätzende Verbindung. Es ist eine kreative Kraft, die den Beter definitiv und unzertrennlich mit dem Erflehten verbindet und bei Gott zu seiner Zeit Erhörung erlangt.

So dürfen wir nicht vergessen, dass es Mosches Gebet war, das seinem Nachfolger Jehoschua die Wege zur Führung des Volkes ebnete. Er vollzog den Übergang ins verheißene Land. Und in der Folge unserer Generationen verdanken wir letztlich dem Gebet Mosches, dass wir heute in Israel leben können. Wenn auch sein Gebet ihm selbst den Einzug ins verheißene Land nicht ermöglicht hat, so hat es doch seinem Nachfolger und uns allen die Tür weit aufgetan.

Gerade im Studium des 5. Buches Mose erkennen wir die Schönheit der Tora, die uns vermittelt: Man muss nicht immer physisch an einem erwünschten Ort sein. Wichtig ist, dass die Absicht eines Gebetes rein ist und sich auf das Himmelreich richtet. Mosches Gebet war rein und auf das Himmelreich gerichtet. So hat es sein Ziel erreicht. Und nach seinem Beispiel sollen auch wir unsere Gebete mit vollem Vertrauen an den Ewigen richten.

Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

Inhalt
Der Wochenabschnitt Wa’etchanan beginnt mit der erneuten Bitte von Mosche, doch noch das Land betreten zu dürfen. Aber auch diesmal wird sie abgelehnt. Mosche ermahnt die Israeliten, die Tora zu beachten. Erneut warnt er vor Götzendienst und nennt die Gebote der Zufluchtsstädte. Ebenso wiederholt werden die Zehn Gebote. Dann folgt das Schma Jisrael, und dem Volk wird aufgetragen, aus Liebe zu Gott die Gebote einzuhalten und die Tora zu beachten. Den Abschluss bildet die Aufforderung, die Kanaaniter und ihre Götzen aus dem Land zu vertreiben.
5. Buch Mose 3,23 – 7,11

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