Talmudisches

Mehr als »Auf Wiedersehen«

Der Talmud erklärt: »Man verabschiede sich nicht von seinem Nächsten im Geplauder, noch im Scherzen, noch in leichtfertigem Treiben.« Foto: Thinkstock

Es gilt als unhöflich, nach einer Zusammenkunft wortlos auseinanderzugehen. Im deutschsprachigen Raum pflegt man beim Abschied zu sagen: »Man sieht sich« oder »Auf Wiedersehen«. Dies sagt man auch in solchen Fällen, wenn beide Seiten nicht die geringste Absicht haben, sich noch einmal zu treffen.

Babylonische Amoräer, die stets das Denken an die Tora fördern wollten, haben statt nichtssagenden Floskeln ganz andere, sinnvolle und abwechslungsreiche Ab­schiedsworte vorgeschlagen. So lesen wir im Traktat Berachot: »Mari lehrte: Man verabschiede sich von seinem Nächsten nicht anders als mit einem Dwar Halacha, einer Halacha-Erörterung, denn dadurch gedenkt er seiner« (31a).

Dwar Halacha Der Talmud erklärt ausdrücklich, was beim Abschiednehmen unerwünscht ist: »Man verabschiede sich nicht von seinem Nächsten im Geplauder, noch im Scherzen, noch in leichtfertigem Treiben, sondern mit einem Dwar Halacha.« Maris Lehrsatz versteht sich nicht von selbst, er bedarf einer Erklärung. Wie bewirkt das Aufsagen eines Dwar Halacha, dass der andere Mensch seiner gedenkt? Um diese psychologische Frage zu beantworten, müssen wir zuerst klären, was genau der Begriff »Dwar Halacha« meint. Die wörtliche Übersetzung lautet: »Wort der Halacha«. Doch diese Übersetzung trifft nicht hundertprozentig das, was Mari wirklich gemeint hat.

Dass Dwar Halacha nicht alle Worte der Halacha umfasst, macht uns eine andere Vorschrift deutlich, die auf derselben Talmudseite steht: »Die Rabbanan lehrten: Man stelle sich nicht zum Beten hin nach einer Rechtsverhandlung und auch nicht nach einer Halacha-Erörterung (Dwar Ha­lacha), sondern nach einer abgeschlossenen Halacha (hebräisch: Halacha pesuka).«

Raschi (1040–1105) erklärt in seinem Kommentar zu dieser Stelle, was die Besonderheit einer Halacha pesuka ist: Sie bedarf keiner weiteren Betrachtung, sodass der Beter während des Gebets nicht an diese Halacha denken wird. Nun dürfte uns klar geworden sein, warum man nach einem Dwar Halacha nicht gleich beten soll. Beim Beten soll man sich auf die Worte des Gebets konzentrieren; wenn jemand aber noch über eine ungeklärte halachische Frage nachdenkt, kann er nicht mit der erforderlichen Andacht beten.

Es ist also zwischen einer Halacha pesuka und einem Dwar Halacha zu unterscheiden. Bei beiden geht es um religionsgesetzliche Fragen. Ist die Sache klar und bedarf keiner weiteren Erörterung, so haben wir eine abgeschlossene Halacha vor uns – diese wird die Andacht beim Beten in der Regel nicht gefährden. Hingegen besteht bei einem Dwar Halacha noch Klärungsbedarf. Die Unabgeschlossenheit einer halachischen Frage beschäftigt uns weiter, hält uns mehr oder weniger in ihrem Bann. Für die Erinnerung an denjenigen, der uns das halachische Problem vorgetragen hat, ist dies gewiss sehr förderlich.

Zeigarnik-Effekt Maris oben angeführte Feststellung, mit einem Dwar Halacha beim Abschied bewirke man, dass der Gesprächspartner seiner gedenke, ist von der modernen Psychologie bestätigt worden. Im Rahmen der Gestalttheorie Kurt Lewins (1890–1947) ist der sogenannte Zeigarnik-Effekt entdeckt worden. Er besagt, dass man sich an unerledigte Aufgaben besser erinnert als an abgeschlossene, erledigte Aufgaben.

Wie kommt dieser Effekt zustande? Jede angefangene Aufgabe baut eine Spannung auf, die mit dem Abschluss der Aufgabe abgebaut wird. Wird der Spannungsabbau jedoch verhindert, bleibt durch die bestehende Spannung der Inhalt leichter verfügbar, und man erinnert sich besser daran.

Der Talmud weiß um den Zeigarnik-Effekt und leitet ganz im Sinne der Gestalttheorie ab, was man beim Beten vermeiden sollte und was beim Abschiednehmen zweckmäßig und wünschenswert ist.

Meinung

Wie die Kirche beim Thema Iran die Orientierung verliert

Wenn im Nahen Osten die Raketen einschlagen, schlagen in Deutschland zuverlässig die Liturgien an. Dann ertönt immer der gleiche Dreiklang: Deeskalation, Dialog, Gebet. Das ist eine beunruhigende Blindheit gegenüber der Realität des iranischen Regimes, findet unser Autor.

von Daniel Neumann  02.03.2026

Krieg zwischen Iran und Israel

»Als sich das Blatt wendete«

Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt zum Tod von Ali Chamenei: »Dies ist der Moment, auf den das iranische Volk seit einem halben Jahrhundert gewartet hat«

 01.03.2026

»Brüllender Löwe«

Präventivschlag gegen Iran: Die Lage im Überblick

Nach dem gemeinsamen Angriff Israels und der USA auf den Iran reagieren die Behörden auf die erhöhte Sicherheitslage. Die Lage im Überblick

 28.02.2026 Aktualisiert

Kommentar

Die Kotel ist für alle da

Die Klagemauer könnte in Zukunft einzig vom orthodoxen Rabbinat verwaltet werden. Was als Schutz der Heiligkeit verkauft wird, wäre ein Angriff auf religiöse Vielfalt

von Sophie Goldblum  27.02.2026

Tezawe

72 Buchstaben

Jedes Wort der heiligen Sprache trägt eine innere Essenz in sich. Der Zahlenwert eines jeden Begriffs hat eine besondere Bedeutung

von Vyacheslav Dobrovych  27.02.2026

Talmudisches

Wunder und Weisheit

Was unsere Weisen über die Kraft des Gebets und die Verantwortung des Menschen lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  27.02.2026

Purim

Die geniale Königin

Ein Detail in der Megilla verrät, wie gekonnt Esther ihren Mann Ahasveros gegen Haman aufbrachte, um ihr Volk zu retten

von Rabbiner Yehuda Teichtal  26.02.2026

Teruma

Geben und Nehmen

Das menschliche Leben ist von Abhängigkeiten geprägt. Wer dies akzeptiert, öffnet sich für die Gemeinschaft und die göttliche Gegenwart

von Guy Balassiano  20.02.2026

Talmudisches

Den inneren Löwen besiegen

Was unsere Weisen über die physische Wirklichkeit hinter der spirituellen Realität des Tanach lehrten

von Vyacheslav Dobrovych  20.02.2026