Sprache

Megilla auf Deutsch

Das kann dauern: Die Esther-Megilla ist lang. Foto: Thinkstock

Sprache

Megilla auf Deutsch

Es ist ein Gebot, an Purim die Esther-Erzählung auf Hebräisch zu hören. Eine Übersetzung in die Landessprache ist aber erlaubt

von Chajm Guski  19.02.2018 18:30 Uhr

Es gibt ein Sprachproblem, vor dem nahezu alle Generationen von Juden seit der Zeit des Talmuds standen. Denn schon zu dieser Zeit war Hebräisch nicht die »erste« Sprache des jüdischen Volkes. Beinahe alle Menschen sprachen Aramäisch, viele auch Griechisch, und immer weniger verstanden Hebräisch perfekt.

Dass der Talmud selbst auch in aramäischer Sprache verfasst ist und viele griechische Lehnwörter enthält, zeigt schon, welchen Stellenwert diese Sprachen im Leben des jüdischen Volkes hatten. Auf der anderen Seite waren und sind alle wichtigen Texte in hebräischer Sprache. Es ist also kein Phänomen der neueren Zeit und kein aktueller Niedergang des jüdischen Wissens. Es gab verschiedene Versuche, dies zu verhindern: Einige Strömungen haben Gebete in Landessprache zugelassen, andere haben Gebete transliteriert.

texte Es gab und gibt zahlreiche gute und schlechte Übersetzungen der wichtigsten Texte. Immer wieder gibt es auch Versuche einer umfassenden »Alef-Bejtisierung«, also auf breiter Ebene den Versuch, jedem Juden zu ermöglichen, Hebräisch zu verstehen.

Im Traktat Megilla, in dem es vorwiegend um die Estherrolle, um Purim und ein paar Auslegungen der Esthergeschichte geht, ist das öffentliche Vortragen der Tora ein Thema – und auch die Sprache, in der das alles stattzufinden hat. Ab Blatt 17 werden wir Zeugen einer Diskussion darüber, ob die Estherrolle, Megillat Esther, auch in der Landessprache vorgetragen oder gelesen werden darf, um die Mizwa des Megilla-Lesens zu erfüllen.

Reicht stilles Lesen vielleicht? In Kurzform kann man zusammenfassen: Die Mizwa werde nur und ausschließlich durch den öffentlichen Vortrag erfüllt; dieser müsse in »Aschurit«, das meint hier Hebräisch, stattfinden. Es dürfe aber eine Übersetzung in die Sprache der Zuhörer geben. Um es noch ein wenig komplexer zu machen, wird gesagt, dass man die Mizwa auch dann erfüllt habe, wenn man die Megilla in hebräischer Sprache gehört hat, aber das gar nicht versteht.

talmud Doch der Talmud bleibt nicht bei der Megilla und wendet sich, im Rahmen einer Diskussion über das Sprechen von Texten aus der Tora im Rahmen der täglichen Gebete, auch der Tora selbst zu: »Können wir sagen, dass nach den Weisen die gesamte Tora in der heiligen Sprache gelesen werden muss? – Kommt euch in den Sinn, dass die Tora in jeder Sprache gelesen werden kann?« (Megilla 17b).

Laut Raschi-Kommentar zu dieser Stelle bezieht sich diese Aussage sogar auf die öffentliche Toralesung. Rabbiner Adin Steinsaltz hebt hervor, dass das Lesen der Tora gar kein Gesetz sei, das durch die Tora geboten wird. Ausnahme sei die Erinnerung an Amalek im Abschnitt »Sachor« (5. Buch Mose 25, 17–19).

Dies gehe aus den Tosafot hervor, den Kommentaren aus dem Mittelalter zum Talmud. Spezielle Teile aus der Tora seien demzufolge unbedingt in hebräischer Sprache vorzutragen.
An einer anderen Stelle im Talmud (Schabbat 88b) heißt es, die Tora sei Mosche am Sinai zwar in hebräischer Sprache übermittelt worden, sie sei aber auch in »allen« 70 Sprachen der Welt gehört worden. Rabbi Schimon ben Gamliel habe gar gesagt (Megilla 9a), die Tora dürfe sowohl in Griechisch als auch in Hebräisch geschrieben werden.

diskussion Im Traktat Sota (33a) begegnet uns diese Diskussion erneut mit ähnlichen Argumenten. Dort wird gesagt, das Schma Jisrael müsse in der »heiligen« Sprache gesprochen werden. Die Amida hingegen könne in jeder Sprache gesagt werden. Da es sich um eine Bitte um göttliche Barmherzigkeit handele, dürfe man sie in jeder Sprache sprechen.

Verblüffend ist dann aber eine Einschränkung: »Hat nicht Rabbi Jehuda gesagt, man dürfe niemals eine Bitte in aramäischer Sprache formulieren, denn die Dienstengel hören dem nicht zu – sie kennen kein Aramäisch.« Das bezieht sich jedoch nur auf das Gebet einer Einzelperson, denn das Gebet mit einem Minjan benötigt keine Dienstengel, um die Gebete zu G’tt zu tragen – so der Talmud. Es ist also beruhigend, dass fehlende umfassende Sprachkenntnisse nicht nur ein Problem des durchschnittlich gebildeten Juden sind.

Talmudisches

Sitzen

Was unsere Weisen über das Verharren auf Stuhl, Sessel und Sofa lehrten

von Detlef David Kauschke  04.09.2026

Nizawim–Wajelech

Geheimnis des Neubeginns

Die Rückkehr zum Ewigen ist ein tiefgreifender Prozess – für den Einzelnen und das ganze Volk

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  03.09.2026

Interview

»Meine Musik soll Herzen öffnen«

Motty Steinmetz ist in der orthodoxen Welt ein Superstar. Sein Großvater überlebte Auschwitz, nun tritt er zum ersten Mal in Deutschland auf. Wir haben mit dem chassidischen Sänger gesprochen

von Jan Feldmann, Mascha Malburg  02.09.2026

Ki Tawo

Demut ist größer als Erfolg

Was die Tora über Dankbarkeit, Besitz und den respektvollen Umgang mit anderen lehrt

von Rabbiner Elie Dues  28.08.2026

Rezension

»Eine ziemlich dramatische Zeit«

Rabbiner Walter Rothschild wäre beinahe an einer Infektion gestorben – nun hat er über den Kampf um sein Leben geschrieben

von Detlef David Kauschke  28.08.2026

Talmudisches

Die Folgen des Hasses

Was unsere Weisen über die Konsequenzen aus Feindschaft und Groll lehrten

von Chajm Guski  27.08.2026

Schule

Jüdisch alphabetisiert

Zum ersten Mal seit der Schoa entstehen in Deutschland Arbeitsbücher für den jüdischen Religionsunterricht. Der erste Band widmet sich der Tora und ist nun erschienen

von Mascha Malburg  25.08.2026

Einspruch

Jeden Tag neu

Rabbinerin Ulrike Offenberg erinnert daran, dass im Elul alle Verantwortung tragen, sich selbst zu verändern

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  25.08.2026

Ki Teze

Geben statt nehmen

In der Ehe wie in der Beziehung zu G’tt geht es nicht darum, was uns zusteht, sondern darum, was wir aus Liebe für den anderen tun können

von Vyacheslav Dobrovych  21.08.2026