Tora

Letzter Auftrag

Mosche verkündete den Israeliten, dass sie so zahlreich werden, wie es Sterne am Himmel gibt. Foto: Thinkstock

Manchmal braucht man nicht viele Worte, um seine Ziele und Wünsche klar auszudrücken. So ging es Mosche, der in Mizrajim versuchte, den Pharao davon zu überzeugen, ihn und sein Volk aus dem Land ziehen zu lassen, um in die Freiheit zu gelangen.

Auch während der Wanderung durch die Wüste waren Mosches Worte und Anweisungen an das Volk, die Stämme oder an einzelne Personen meist knapp. Es war eine sehr direkte und klare Kommunikation: Mosche gab die Informationen und Belehrungen weiter, die ihm der Ewige aufgetragen hatte.

Lebenswerk Mit dem letzten der fünf Bücher der Tora, Dewarim – so heißt auch unser Wochenabschnitt –, beginnt eine neue Phase, sowohl für die Israeliten, die in der Wüste am Ostufer des Jordan lagern, als auch für Mosche, der kurz vor der Vollendung seines Lebenswerks steht und seine Aufgabe fast erfüllt hat.

Es wird nicht mehr lange dauern, und die Prophezeiung, dass die Israeliten ins Gelobte Land einziehen, geht in Erfüllung. Für das Volk, aber vor allem für dessen Anführer, fängt eine neue Zeitrechnung an. Für Mosche, inzwischen gealtert und kurz vor der Vollendung seiner Mission, beginnt mit dem Buch Dewarim ein neuer Abschnitt. Wohl wissend, dass es seine letzte Aufgabe ist und dass sein Leben nun zu Ende geht, unterweist er das Volk noch einmal. Er wiederholt die Worte, die ihm der Ewige für das Volk gegeben hat.

Trotz seiner bereits erwähnten Wortkargheit holt er weit aus und beginnt damit, die 40-jährige Wüstenwanderung zu rekapitulieren. Ihm ist bewusst, dass seine Zeit in dieser Welt begrenzt ist.

Er versucht in der kurzen Zeit, die ihm bleibt, alles, was er für wichtig erachtet, zu erledigen. Dabei kommen seine besonderen Charaktereigenschaften zum Tragen. Wir sehen einen starken Anführer, der die Verantwortung für sein Volk übernommen hat und sie bis zum letzten Atemzug trägt. Mosche gibt nicht auf, er denkt nicht daran, seinen Posten zu räumen und vorzeitig an seinen Nachfolger abzugeben.

Man kann dieses Verhalten aus zweierlei Blickwinkel betrachten. Verantwortung zu übernehmen, ist eine positive Eigenschaft. Gerade bei Mosche sehen wir diese immense Entwicklung: Am Anfang lehnt er es ab, ja, weigert sich regelrecht, die Führung zu übernehmen, aber er wandelt sich und wächst mit der Verantwortung, die er übernimmt. Er wird zum Führer eines ganzen Volkes und nimmt diese Aufgabe sehr ernst. Er ändert seine Persönlichkeit.

Betrachtet man Mosche an seinem Lebensende, muss man allerdings auch sagen, dass er seine Aufgabe zu ernst nimmt. Nicht einmal in den letzten Wochen seines Lebens setzt er sich zur Ruhe, obwohl er weiß, dass er das Gelobte Land nicht betreten wird. Er wiederholt die Worte des Ewigen an das Volk. Er ist nur noch Prophet und Patriarch und nicht mehr der Mensch Mosche.

Sein Lebensende ist geprägt von dem göttlichen Ziel, das Volk Israel in das Gelobte Land zu führen. Er, Mosche, ist das zentrale Bindeglied, das diese Aufgabe erfüllt. Und diese Aufgabe ist sein zentrales Thema.

Er beginnt das fünfte Buch der Tora nicht mit der Wiederholung der Gesetze. Nein, der Anfang des Buches ist dem versprochenen Land gewidmet. »Kommt und nehmt das Land, das zugeschworen der Ewige euren Vätern!« Daraus wird nochmals deutlich, dass es für Mosche die zentrale Aufgabe war und ist, die Prophezeiung des Ewigen zu erfüllen und sein Volk in sein Land zu führen.

Im nächsten Satz verkündet Mosche dem Volk, dass auch die zweite Prophezeiung des Ewigen in Erfüllung geht: dass nämlich das Volk so zahlreich werden wird, wie es Sterne am Himmel gibt.

Prophet Betrachtet man das Gesamtbild, sieht man, dass Mosche ein erfülltes Leben hatte. Er war der größte und wichtigste Prophet der jüdischen Geschichte. Keiner vor ihm und keiner nach ihm hat das, was Gott Awraham, Jizchak und Jakow versprochen hat, in die Realität umgesetzt. Und doch kann er, der diese Prophezeiung miterfüllte, nicht an der größten Freude des Volkes teilhaben. Die Landnahme wird ohne ihn erfolgen. Er, der das Volk 40 Jahre durch die Wüste führte und von Sklaven zu freien Menschen mitformte, wird zurückbleiben.

Die aus Ägypten ausgezogenen Männer und Frauen sind damit endgültig Vergangenheit, denn keiner von ihnen lebt mehr, wie man etwas später in diesem Wochenabschnitt erfährt.

Für das Volk beginnt eine neue Ära. Und Mosche muss mit Bitterkeit feststellen, dass er keinen Anteil daran haben wird. Und so wird zum Ende des Wochenabschnitts noch einmal ganz klar betont, dass Mosche in der Wüste bleibt, in der Vergangenheit der Sklavengeneration: »Und schaue mit deinen Augen, denn du sollst nicht über diesen Jordan gehen.«

Der Autor leitet das SchazMaz-Programm der Allgemeinen Rabbinerkonferenz.

Inhalt
Kurz vor der Überquerung des Jordan blickt Mosche auf die Wanderung durch die Wüste zurück. Er erinnert an die schlechten Nachrichten der Spione und sagt, dass Jehoschua an seine Stelle treten wird. Dann erinnert Mosche an die 40-jährige Wanderung und die Befreiung der ersten Generation aus Ägypten. Seiner Meinung nach gehört das, was die Eltern erlebt haben, zum Schicksal ihrer Kinder. Wozu sich die Vorfahren am Sinai verpflichtet haben, ist auch für die Nachkommen bindend. Es wird bestimmt, mit welchen Völkern sich die Israeliten auseinandersetzen dürfen und mit welchen nicht. Mosches Bitte, das Land Israel doch noch betreten zu dürfen, lehnt Gott ab.
5. Buch Mose 1,1 – 3,22

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