Wa’etchanan

Kein Mann der Worte

»Moses bricht die Gesetzestafeln«, Chromolithografie von 1886 Foto: Getty Images / istock

Wa’etchanan

Kein Mann der Worte

Warum Gott ausgerechnet einen schlechten Redner auswählte, um dem Volk die Zehn Gebote zu verkünden

von Beni Frenkel  30.07.2020 13:17 Uhr

Mosche musste in seinem Leben zwei große Niederlagen einstecken, eine nationale und eine persönliche. Die Verkündung am Berg Sinai geriet zum Desaster. Das Volk revoltierte, noch bevor es von Gott die Tora erhielt. Als Mosche mit den Bundestafeln vom Berg herabstieg und das Goldene Kalb erblickte, ließ er die steinernen Gesetzestafeln fallen.

Gold Schuld daran trägt er keine, denn was kann er dafür, dass die Israeliten während seiner Abwesenheit einen Götzen aus Gold machten? Aber der Makel bleibt. Just in dem Moment, als das Judentum seine höchste Weihe erhalten sollte, löste es sich von Gott und huldigte einem Götzen.

Von Mosches persönlicher Niederlage erfahren wir im aktuellen Wochenab­schnitt Wa’etchanan. Mosche flehte (»wa’et­chanan«) Gott an, das Land Israel betreten zu dürfen.

Doch der Ewige schlug ihm die Bitte ab. Die größte Persönlichkeit der Bibel musste einsam in der Wüste sterben, irgendwo in der Ödnis, niemand weiß, an welcher Stelle.

SINAI Die berühmten Zehn Gebote stehen seltsamerweise zweimal in der Tora. Einmal bei der Verkündung am Berg Sinai, das zweite Mal im Wochenabschnitt Wa’etchanan. In der jüdischen Tradition werden sie »Asseret Ha-Dibrot« genannt, die zehn Sprüche. Dibrot stammt von dem Verb »daber« − reden. Und der Satz, der Gott erzürnte, stammte von Mosche: »Lo Isch medaber anochi« − »Ich bin kein Mann der Worte«. Mosche wollte sich damit vor dem Auftrag drücken, die Israeliten aus Ägypten zu befreien.

Es ist bezeichnend, dass die zehn Sprüche, die Zehn Gebote, unmittelbar nach Mosches beiden Niederlagen fallen. Der Mann, der sich wand und den Befehl verweigerte, indem er sagte, er sei kein guter Redner, musste in seinen zwei dunkelsten Stunden ausgerechnet die zehn Sprüche vortragen.
Das ist natürlich etwas schablonenhaft skizziert und wird der komplexen Persönlichkeit Mosches nicht gerecht.

Auch der Ausdruck »Niederlage« ist etwas zu hart gewählt. Überhaupt wissen wir wenig über Mosches Beziehung zu den Israeliten. Dass er wohl nie als einer der ihren anerkannt wurde, zeigt sich zumindest in den vielen Revolten gegen ihn. Im Unterschied zu ihnen war er im königlichen Palast aufgewachsen und hatte keine Schindarbeit verrichten müssen.

KINDHEIT Um Mosches wahre Stellung zu erkennen, müssen wir tief in seine Kindheit zurückgehen – und uns eine Rede von Steve Jobs in Erinnerung rufen.

Mosche wurde von seiner Mutter in einem Schilfkörbchen ausgesetzt. Die Tochter Pharaos sah den Korb auf dem Nil schwimmen und rettete das Baby. Später wird sie es Mosche nennen, mit der Begründung: »Aus dem Wasser habe ich ihn gezogen.«

Viele jüdische Kommentatoren wunderten sich über den Namen. Der Name »Mosche« ist nämlich in der Aktivform geschrieben, »Maschui«, die Passivform, wäre passender gewesen.

Die Zehn Gebote stehen in dieser Parascha zum zweiten Mal in der Tora.

Stellvertretend für viele Kommentatoren geben wir dem Lekach Tov (11. Jahrhundert) das Wort: »Mosche wird er genannt, weil er später andere aus dem Wasser herausziehen wird.« Gemeint sind die Israeliten.

Sein Name hat Mosche schon früh gekennzeichnet. Er war für die anderen da und wurde selbst dabei nass. In seiner Jugend bringt er einen ägyptischen Aufseher um, als dieser einen Hebräer misshandelt. Er muss aus dem Palast fliehen und findet Zuflucht in den Bergen. Den Auftrag, vor Pharao zu treten und für die Israeliten zu sprechen, lehnt er ab: einerseits, weil er bescheiden ist, andererseits, weil er an der Wirkung seiner Rede zweifelt, denn er war ein Stotterer.

Doch Gott wird wütend und ruft: »Wer formte dem Menschen einen Mund? … Nicht Ich, der Ewige?« So musste Mosche auch nach dem Desaster am Berg Sinai die Zehn Gebote verkünden.

Gott wählte bewusst einen schlechten Redner aus, um den Fokus auf die Botschaft zu richten. Mosche war aber nicht nur ein schlechter Redner und aus der Übung, sondern zusätzlich ein am Boden Zerstörter. Ausgerechnet so einer muss dem Volk die Worte des Ewigen wieder eintrichtern: »Es gibt keinen Gott außer Mir.«

TOd Am 12. Juni 2005 hielt Steve Jobs eine Rede an der Stanford University. Der von Krebs gezeichnete Apple-Chef wandte sich an die jungen Studenten, die gerade ihre Abschlüsse erhielten. Die Stimmung war ausgelassen, bis zu dem Moment, als Jobs kurz stockte und dann sagte: »Der Tod ist die beste Erfindung im Leben. Er entfernt das Alte und macht Platz für das Neue.«

Gott bestimmte Mosche, um den Fokus auf die Botschaft zu legen.

Mosche, der Mensch, haderte zwar mit dem göttlichen Entschluss, dass er nicht weiterhin Teil des aktiven jüdischen Stroms sein durfte. Er wusste aber, dass seine Mission zu Ende war. Hätte Mosche mit den anderen den Fluss überquert und das Land betreten, wäre sein Nachfolger Jehoschua nie zur großen Figur geworden.

Seine persönliche Niederlage teilt Mosche mit allen anderen Führern, die früher oder später abtreten müssen.

Mosche, der Anführer, wendet sich noch einmal an das Volk und verkündet – oder stottert – sein Vermächtnis, die Zehn Gebote. Wohl an keiner Stelle hätten diese Worte mehr Eindruck hinterlassen als hier an der Wegscheide zwischen Alt und Jung.

Der Autor ist Schweizer Journalist und hat an Jeschiwot in Gateshead und Manchester studiert.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Wa’etchanan beginnt mit der erneuten Bitte von Mosche, doch noch das Land betreten zu dürfen. Aber auch diesmal wird sie abgelehnt. Mosche ermahnt die Israeliten, die Tora zu beachten. Erneut warnt er vor Götzendienst und nennt die Gebote der Zufluchtsstädte. Ebenso wiederholt werden die Zehn Gebote. Dann folgt das Schma Jisrael, und dem Volk wird aufgetragen, aus Liebe zu Gott die Gebote einzuhalten und die Tora zu beachten. Den Abschluss bildet die Aufforderung, die Kanaaniter und ihre Götzen aus dem Land zu vertreiben.

5. Buch Mose 3,23 – 7,11

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