Halacha

Jüdisch oder gregorianisch?

Auf einem Leuchttisch wird im Jüdischen Gemeinde- und Kulturzentrum in Würzburg der jüdische Kalender mit dem Gregorianischen verglichen. Foto: dpa

Obwohl das Judentum über einen eigenen Mondkalender beziehungsweise Lunisolarkalender verfügt (also eine Kombination aus Mond- und Sonnenzeitrechnung), und obwohl sich die jüdischen Feiertage und die traditionellen feierlichen Anlässe wie Barmizwa und Hochzeiten danach richten, sind wir es dennoch gewohnt, im Alltag den gregorianischen Kalender zu verwenden.

In der Schule, in der Universität und im Beruf – überall wird das »nichtjüdische« Datum benutzt. Aber nicht alle wissen, dass es eventuell ein halachisches Problem damit geben könnte und dieses Thema ausführlich in der halachischen Literatur diskutiert wird. Doch was kann falsch daran sein, den gregorianischen Kalender zu verwenden? Und wenn es wirklich verboten ist, worauf verlassen wir uns dann, wenn wir es dennoch tun?

Der Chatam Sofer, Rabbi Mosche Sofer (1762–1839), verbietet in seinen Draschot Parascha Bo die schriftliche und mündliche Benutzung des nichtjüdischen Datums und äußert sich sehr scharf über diejenigen, die es tun. Er verweist auf den Kommentar des Ramban, Rabbi Mosche Ben Nachman (1194–1270), zum 2. Buch Mose 2, dass man sich nur nach dem jüdischen Kalender richten soll.

GÖTTER Der Maharam Schick, Rabbi Mosche Schik (1807–1879), der bekannteste Schüler des Chatam Sofer, bekräftigt das Verbot seines Lehrers, weil man dadurch auch das Verbot der Erwähnung von anderen Göttern (2. Buch Mose 23,13) übertritt, indem die Jahreszahl von der Geburt Jesu an gezählt wird. Andere Kommentatoren (Yafe Levav Band 5, Jore Dea 178,3) geben die Befolgung von nichtjüdischen Bräuchen (3. Buch Mose 18,3) als weiteren Grund an.

Israels ehemaliger sefardischer Oberrabbiner Ovadja Josef (1920–2013) und sein Kollege im Beit Din HaGadol, Rav Eliezer Waldenberg (1915–2006), sind hingegen der Meinung, dass man weder das Verbot der Erwähnung von anderen Göttern noch das der Befolgung von nichtjüdischen Bräuchen übertritt (Yabia Omer Resp. Band 9, Jore Dea 3, und Ziz Eliezer Resp. Band 8,8).

Der Chatam Sofer verbot die Verwendung des gregorianischen Kalenders.

Erstens, weil es sich nicht um den wahren Geburtstag von Jesus handelt, und zum Zweiten: Solange es eine rationale Erklärung für einen nichtjüdischen Brauch gibt, ist er erlaubt (Ramo, Jore Dea 178).

PRAXIS Bezüglich des Ramban, der auf den ersten Blick die Benutzung eines fremden Kalendersystems untersagt, schlägt Rabbiner Osher Weiss, eine gegenwärtige halachische Autorität und Autor der Responsen Minchat Asher, vor, dass man den jüdischen Kalender als wahren Kalender betrachten muss, es aber nicht verboten ist, sich in der Praxis nach dem nichtjüdischen Datum zu richten.

Über den Chatam Sofer selbst, der das Verwenden des gregorianischen Kalenders strengstens untersagte, wird erzählt, dass er ein offizielles Schreiben an das ungarische Königshaus mit dem nichtjüdischen Datum unterschrieb. Seine Schüler lösten diesen scheinbaren Widerspruch mit der Erklärung auf, ihr großer Lehrer sei der Ansicht, dass die Halacha aufgrund von Kavod HaMalchut (Ehrung des Königtums) eine Ausnahme macht.

Daraus lässt sich entnehmen, dass auch laut dem Chatam Sofer kein richtiges Verbot aus der Tora gemeint ist, weil sonst Kavod HaMalchut nicht ausreichen würde, um die Übertretung eines Verbots aus der Tora zu erlauben, solange keine Lebensgefahr besteht.

Somit gibt es einerseits die Meinung des Chatam Sofer und seiner Schüler, laut der es verboten ist, den gregorianischen Kalender zu verwenden – mit Ausnahme besonderer Situationen, wie zum Beispiel einem Brief an die Regierung. Auf der anderen Seite stehen die gegenwärtigen rabbinischen Autoritäten, Rabbi Ovadja Josef und Rav Eliezer Waldenberg, welche die Argumente des Chatam Sofer und seiner Mitstreiter entkräften und grundsätzlich kein Problem mit der praktischen, alltäglichen Verwendung des nichtjüdischen Datums haben.

Rabbiner Ovadja Josef riet dazu, die Schreibweise zu verändern.

Doch aus Respekt gegenüber dem Chatam Sofer, der die größte Tora-Persönlichkeit seiner Generation war, raten auch Rabbi Ovadja Josef und Rav Eliezer Waldenberg davon ab, das nichtjüdische Datum zu benutzen, und schlagen vor, zumindest die Schreibweise zu verändern.

ZIFFERN Wie sollte das nichtjüdische Datum aber geschrieben werden, damit man auf jeden Fall keine halachischen Komplikationen zu befürchten hat? Bezüglich der Jahreszahl sind sich alle einig, dass diese nicht vollkommen ausgeschrieben werden sollte, sondern nur die letzten beiden Ziffern (zum Beispiel 01/01/21). Somit verliert diese Zahl ihre wahre Bedeutung (Geburtsjahr von Jesus), während ihre Funktion weiterhin bestehen bleibt.

Bei der Schreibweise des Monats jedoch gehen die Meinungen der erwähnten Rabbiner auseinander: Rabbi Ovadja Josef ist der Ansicht, dass es besser ist, den nicht-jüdischen Namen des Monats zu verwenden, anstatt ihn als Zahl darzustellen, weil man sonst indirekt der Zählung der Tora widerspricht. Rav Waldenberg hingegen argumentiert, es sei besser, den Monat als Zahl zu schreiben, weil die Namen der nichtjüdischen Monate hauptsächlich auf römischen Göttern basieren.

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Die Meinungen sind, wie so oft im Judentum, gespalten, und manche Rabbiner sind der Ansicht, dass es tatsächlich verboten ist, das nichtjüdische Datum zu verwenden.
Wenn es sich jedoch nicht vermeiden lässt und man in der Schule, bei der Arbeit oder der Bank den gregorianischen Kalender verwenden muss, dann kann man sich mit ruhigem Gewissen auf die Meinungen verlassen, welche es erlauben. Um auf Nummer sicher zu gehen, ist es aber generell ratsam, eine verkürzte Schreibweise des Datums zu verwenden.

Der Autor ist angehender Rabbiner. Er studiert im Jerusalem Kollel.

Schemini

Bewusst essen

Die jüdischen Speisegesetze haben eine zutiefst ethische und spirituelle Bedeutung

von Rabbiner Jehoschua Ahrens  09.04.2021

Talmudisches

Der schlaue Fuchs

Tierische Motive aus der Zeit der Weisen

von Chajm Guski  09.04.2021

Omer

»Bis 50 sollt ihr zählen«

Was es mit den Tagen zwischen Pessach und Schawuot auf sich hat

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  08.04.2021

Debatte

Brennende Themen

Juden, Christen und Muslime diskutierten bei den »Augsburger Friedensgesprächen« über religiösen Judenhass

von Ayala Goldmann  08.04.2021

Trauer

»Streitbarer Mahner«

Die Orthodoxe und die Allgemeine Rabbinerkonferenz würdigen das Wirken des Theologen Hans Küng

 07.04.2021

Interview

»Die Kirchen stehen erst am Anfang«

Berlins Antisemitismusbeauftragter Samuel Salzborn über die kritische Auseinandersetzung mit innerkirchlichen antijüdischen Einstellungen

von Lukas Philippi  02.04.2021

Interview

»Eine schlechte Religion«

Vor 150 Jahren erschien das Pamphlet »Der Talmudjude« von August Rohling. Die Katholisch-Theologische Fakultät in Münster startet eine Initiative zum Umgang mit ihrem ehemaligen Professor

von Ingo Way  01.04.2021

Pessach

Hinaus in die Freiheit

Warum die Israeliten beim Auszug aus Ägypten einen Umweg durchs Schilfmeer nehmen

von Rabbinerin Yael Deusel  31.03.2021

Religion

Wie nahe sind sich Pessach und Ostern wirklich?

Unser Autor geht der Frage nach, ob Teile der Haggada als Reaktion auf christliche Diskurse zu lesen sind

von Alfred Bodenheimer  31.03.2021