Schofar

Jenseits der Stille

Es ist nicht wichtig, wer bläst – wichtig ist nur, dass das Schofar gut geblasen wird. Foto: Rafael Herlich

Blast am Neumond das Schofar, am Tag unseres Fests» (Tiku ba-Chodesch Schofar ... le-Jom Chagenu) heißt es in Psalm 81,4. In der Tora wird Rosch Haschana als «Jom Teru’ah» (Tag des Schofarblasens) bezeichnet.

Den hebräischen Wörtern entnehmen wir, dass es verschiedene Töne auf diesem alten primitiven Blasinstrument gibt – «Tekia» und «Teru’a». Einer ist lang, der andere bewegt sich auf und ab. Dazu hat sich «Schewarim» gesellt – ein stakkatoartig gebrochener Ton. Am Ende versucht der «Baal Teki’a», der Schofarbläser, so lange wie möglich ins Horn zu stoßen – in einer großen «Teki’a Gedola». Easy Listening ist das allerdings nicht.

Zuhören Warum tun wir das? Weil es so geschrieben steht. Die Mizwa lautet «Lischmo’a Kol Schofar» – man soll die Stimme des Schofars hören. Nicht jeder kann oder will es blasen, aber alle sollen es hören und zum Nachdenken angeregt werden. «Hören» ist dabei nicht passiv, sondern aktiv gemeint – man hört das Schofar nicht einfach nur, sondern man hört zu.

Und es ist nicht sehr wichtig, wer bläst – wichtig ist nur, dass das Schofar gut geblasen wird. Das ist nicht einfach. Ich selbst habe es oft kaum geschafft, denn das Mundstück besteht nur aus einem Loch, das in das Horn gebohrt wird.

Warum bläst man ausgerechnet in ein Schofar? Die Rabbiner behaupteten, dass es wie ein Zeichen der Bescheidenheit wirkt, weil es aus der Natur stammt und gebogen ist, während eine gerade Trompete aus Silber ein Zeichen des Stolzes sei.

Widder Ein Schofar wird oft als «Widderhorn» bezeichnet. Die Rabbiner sehen hier eine Verbindung zu dem Widder im 1. Buch Mose 2,13, der von Awraham als Ersatz für seinen Sohn Jizchak geopfert wurde. Doch ein Schofar muss nicht unbedingt aus Widderhorn sein. Es gibt verschiedene Hirscharten, die als «rituell rein» gelten und deren Hörner man als Schofar gebraucht – wir kennen Bilder von Männern mit riesigen spiralförmigen Hörnern. Die Töne können tief oder hoch sein, das ist egal.

Ein Kuhhorn wird nicht verwendet, weil man, so sagen die Rabbiner, nicht an das Goldene Kalb erinnert werden will. (Aber hat ein Kalb überhaupt Hörner? Und könnte man dieses Argument nicht auch gegen den Verzehr von Rindersteaks anführen? Sie sehen, man muss nicht alles glauben, was die Rabbiner sagen.)

Zu welchem Zweck bläst man Schofar? Weil es gehört werden soll. Heute ist unsere Welt extrem laut – aber wenn man an eine Stadt ohne Autos, ohne Sirenen, ohne laute Radios denkt, die aus offenen Fenstern dröhnen, dann kann der Ton eines Schofars wirklich beeindruckend wirken.

Krach Wie oft wird man spät in der Nacht gestört, weil irgendein Idiot auf einem Mofa ganz laut durch die schlafenden Straßen rattert? Oder man genießt eine schöne ruhige Landschaft, hört nur den Wind in den Bäumen, und plötzlich fährt ein Motorrad vorbei, und alles ist anders, als es vorher war.

Diesen Effekt muss das Schofar früher einmal gehabt haben. Manchmal braucht die Seele einen Weckruf, einen Knall, der nicht nur ins Ohr, sondern durch Mark und Bein dringt. Manchmal braucht man auch totale Stille, um die eigene Seele zu hören.

Wehklagen Es gibt so vieles, was wir heute nicht mehr hören. Das Flüstern einsamer Nachbarn. Das Weinen missbrauchter Kinder. Die Schreie ertrinkender Flüchtlinge. Das Wehklagen von Hinterbliebenen und Verletzten nach Autobombenanschlägen im Ausland, wo es uns nicht wirklich stört – es sind ja «nur» 25 Ausländer auf einem Markt, in einer Kirche, einer Moschee.

An Rosch Haschana, dem «Jom HaDin» oder dem Tag des Gerichts, lädt uns das Schofar in der Synagoge vor das «Obere und Oberste Gericht», vor den «Beit Din schel Ma’ala» – auch wenn wir (noch) hier unten sind. Und das ist vielleicht eine Gelegenheit, uns zu fragen: Wer weiß, wie lange wir noch hier auf Erden bleiben werden? Und was machen wir daraus?

Tekia Gedola Später, ganz am Ende von Jom Kippur, zum Schluss des Ne’ila-Gottesdienstes, nach (so hoffe ich) zehn aktiven Tagen der Teschuwa, nach einem ganzen Tag voller Gebete, gemeinsamer Reue und dem Verzicht auf Essen, Vergnügen und Ablenkungen wird das Schofar noch einmal geblasen – eine Tekia Gedola sozusagen als «Entwarnung». Es ist vorbei. Man kann zur Normalität zurückkehren, wenn man das will.

Aber wenn alles richtig funktioniert und man genug daran gearbeitet hat, dann wird der Mensch, der den Klang der Tekia Gedola in sich aufnimmt, nicht ganz derselbe sein, der das Schofar am Mussaf von Rosch Haschana gehört hat. Doch das hängt natürlich von uns selbst ab. In jedem Fall ist die Bracha, das Schofar zu hören, eine Einladung an uns alle: «Baruch Ata Adonai, Elohejnu Melech Ha’Olam, ascher kidschanu beMizwotav, wetzivanu lischmo’a Kol Schofar!»

Berlin

Bundesregierung befasst sich mit Militärrabbinern

Das Bundeskabinett berät am Mittwoch über die Pläne für eine jüdische Militärseelsorge in der Bundeswehr

 10.12.2019

Wajeze

Der Weg zu G’tt

Was es mit der Leiter in Jakows Traum auf sich hat

von Rabbiner David Kern  06.12.2019

Talmudisches

Heimlich spenden

Wie Mar Ukwa versuchte, einen Armen nicht zu beschämen

von Yizhak Ahren  06.12.2019

Berlin

Rabbinerseminar schließt Jubiläumsjahr ab

Zentralratspräsident Schuster, Rabbiner Goldschmidt und Felix Klein diskutierten über jüdisches Leben in Deutschland

 05.12.2019

Religion

Augsburger Synagoge wird für 27 Millionen Euro saniert

Die Arbeiten sollen im Laufe des kommenden Jahres beginnen

von Ulf Vogler  05.12.2019

Bevölkerung

»Seid fruchtbar und füllet die Erde!«

Warum Weltuntergangsszenarien uns nicht davon abhalten sollten, Kinder zu bekommen

von Rabbiner Arie Folger  05.12.2019