Talmudisches

Jehuda und andere Löwen

»Ein junger Löwe bist du, Jehuda, wenn du von der Beute, mein Sohn, empor dich reckst« (1. Buch Mose 49,9). Foto: Getty Images/iStockphoto

Talmudisches

Jehuda und andere Löwen

Was unsere Weisen über den König der Tiere lehrten

von Chajm Guski  18.11.2022 09:00 Uhr

In vielen Synagogen findet man heute Löwen – entweder auf dem Parochet, dem Vorhang des Toraschranks, auf dem Mantel der Tora oder auf einem bunten Glasfenster. Oft halten zwei Löwen die »Tafeln« mit dem Zehnwort fest. Schon in der Tora wird der Stamm Jehuda (1. Buch Mose 49,9) mit einem Löwen verglichen: »Ein junger Löwe bist du, Jehuda. Wenn du von der Beute, mein Sohn, empor dich reckst. Er kauert nieder wie der Löwe. Und lagert sich der Löwin gleich; wer wagte da ihn aufzuschrecken!« Dies macht den Löwen zum Wappentier Jehudas.

Bei der Stärke geht es allerdings nicht nur darum zu dominieren, sondern man soll sie für die Tora nutzen. So heißt es in den Sprüchen der Väter (Pirkej Awot 5,20) und in Pessachim 112a, dass Jehuda ben Tema sagte: »Sei stark wie ein Leopard, leicht wie ein Adler, flink wie ein Hirsch und mutig wie ein Löwe, um den Willen deines Vaters im Himmel zu erfüllen.«

Entscheidung Einige talmudische Weisen werden Löwen genannt: Im Traktat Gittin (83a) soll Jehoschua ben Chananja eine Entscheidung des Gelehrten Elieser ben Hyrkanus anfechten. Dieser weigert sich jedoch, weil »man einem Löwen nach seinem Tod nicht mehr antwortet«. An einer anderen Stelle ist Rabbi Chija ben Abin damit gemeint.

Im Traktat Schabbat (11b) heißt es: »›Vielmehr‹, sagte Raba, ›ich und der Löwe unter den Genossen‹ – das ist Rabbi Chija ben Abin – ›erklärten dies: Die Halacha sei nach Rabbi Schimon, aber nicht wegen seines Grunds, den er nannte.‹«

Manchmal ist der Löwe aber längst nicht so groß, wie man annimmt. So wird in Bawa Kamma 117a davon berichtet, wie Raw Kahana ins Land Israel kam: »Als er ankam, traf er Resch Lakisch an, wie er den Schülern die tägliche Lektion las.«

resch lakisch Anscheinend verschwand Resch Lakisch danach. Denn es heißt weiter: »Er sprach: ›Wo ist Resch Lakisch?‹ Die Schüler fragten: ›Wozu?‹ Er erwiderte: ›Dies ist einzuwenden, und das ist einzuwenden, dies ist zu erwidern, und das ist zu erwidern.‹ Da meldeten sie es Resch Lakisch, und Resch Lakisch ging und sprach zu Rabbi Jochanan: ›Ein Löwe ist aus Babylonien heraufgekommen; möge der Meister sich für die nächste Vorlesung vorbereiten.‹ Am folgenden Tag setzten sie ihn in die erste Reihe, vor Rabbi Jochanan; dieser trug eine Lehre vor. Resch Lakisch aber erhob keine Einwände, eine zweite Lehre in der zweiten Reihe, und er erhob wieder keine Einwände. Er setzte ihn sieben Reihen tiefer, bis er in die letzte Reihe kam. Da sprach Rabbi Jochanan zu Resch Lakisch: ›Aus dem Löwen, von dem du gesprochen hast, ist ein Fuchs geworden.‹« Auch das war ein feststehender Begriff.

Der Sohn eines wichtigen Gelehrten war dementsprechend Sohn eines Löwen. So spricht in Bawa Metzia (84b) der Vater von Jehuda haNassi: »Mein Sohn, gräme dich nicht; er ist ein Löwe, ein Sohn eines Löwen, du aber bist ein Löwe, ein Sohn eines Fuchses.« Damit meint er, Jehuda sei der Sohn eines weniger gelehrten Vaters.

Löwenhöhle Präsent waren aber nicht nur diese metaphorischen Löwen. Die Vorsicht vor den Tieren wird im Talmud vorausgesetzt. So heißt es, man solle, wenn man an einer Löwenhöhle vorübergehe, eine Bracha sprechen und an Daniel erinnern, der in eine Löwenhöhle gestoßen wurde (Berachot 57b).

Vor allem in der Paarungszeit scheint es keine gute Idee gewesen zu sein, Löwen zu begegnen. In Sanhedrin heißt es: »Wer vermag sein Gewand zwischen Löwe und Löwin zu legen, wenn sie einander begatten?« (106b).
Raw Papa gibt den Hinweis, dass ein Löwe nicht zwei Personen zugleich anfällt und man ihm deshalb nicht allein begegnen sollte (Schabbat 151b). Der Löwe ist also Vorbild – aber eines, dem man mit gebührendem Abstand Respekt zollen sollte.

Feiertage

Rosch Haschana für Anfänger

Vom Lichterzünden bis zum Taschlich: eine kleine Einführung für weniger erfahrene Synagogenbesucher

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  11.09.2026 Aktualisiert

Rosch Haschana

»Wenn ich einmal reich wärʼ …«

An Neujahr, so sagt der Talmud, legt Gʼtt die Summe fest, die wir im kommenden Jahr verdienen werden. Warum wir trotzdem arbeiten, planen und gut haushalten sollten

von Rabbiner Dovid Gernetz  11.09.2026

Teschuwa

Auf die echte Erneuerung!

Statt einfach nur unsere schlechten Laster loszuwerden, bedeutet die Mizwa vielmehr das Finden unseres wahren Ichs

von Rabbiner Jaron Engelmayer  11.09.2026

Neujahr

Stunde null

Zu Rosch Haschana können wir alljährlich durch Teschuwa unsere guten Potenziale hervorrufen

von Rabbinerin Elisa Klapheck  11.09.2026

Rosch Haschana

Jahr der Einheit

Wenn wir uns gegenseitig stärken, werden wir viel erreichen

von Rabbiner Avichai Apel  11.09.2026

Ernte

Von Möhren und Mehrn

Unsere Redakteurin will zu Rosch Haschana eine selbst gezogene Karotte essen. Ein jiddisches Wortspiel brachte sie auf die Idee – und auf einen Weg, auf dem sie manches über das Judentum und über sich selbst lernte

von Mascha Malburg  11.09.2026

Spiritualität

Eine Reise zum Ich

Unser Autor verbrachte die Feiertage als Kind in der Enge der jemenitischen Gemeinschaft von Kiryat Arba. Dann verließ er die religiöse Welt – und fand sie an Rosch Haschana in der Ukraine wieder

von Yonatan Amrani  11.09.2026

Zuwendung

Hagars Schicksal

Am Neujahrstag erzählt der Toraabschnitt von Saras ägyptischer Magd, der Mutter Jischmaels. Oft übersehen, ist sie eine Figur, die uns mahnt, die Augen offen zu halten und uns anderen Völkern nicht zu verschließen

von Paige Harouse  11.09.2026

Tekia

Wenn das Schofar zur Hoffnung ruft

Warum auch in bewegten Zeiten Zuversicht wachsen kann

von Rabbiner Raphael Evers  11.09.2026