Rabbi Schalom Scharabi

Jedes Wort eine Intention

Rabbi Scharabi legte dar, woran der Betende bei den einzelnen Abschnitten denken soll. Foto: Rafael Herlich

Rabbi Schalom Scharabi

Jedes Wort eine Intention

Der jemenitische Raschasch ist in unseren Breitengraden kaum bekannt. Dabei hat er schon im 18. Jahrhundert gelehrt, was auch heute wieder gefragt ist: ganz bewusst zu leben – und zu beten

von Vyacheslav Dobrovych  16.01.2026 10:18 Uhr

Schon bald, am zehnten Schwat, ist der Todestag des im Jahr 1777 verstorbenen großen Rabbiners und Kabbalisten Rabbi Schalom Scharabi, bekannt unter seinem Akronym als der »Raschasch«.

Rabbi Schalom wurde 1720 im Jemen geboren. Als junger Mann half er im Geschäft seines Vaters aus. Der Überlieferung nach versuchte eine junge Frau, ihn zu verführen, während er dort arbeitete. In diesem Moment gab der junge Schalom G’tt ein Versprechen: Wenn er diese Prüfung bestehen würde, wolle er nach Jerusalem gehen, um dort Tora zu lernen.

Helfer in der Synagoge

So wanderte er aus dem Jemen in das Land Israel aus und begab sich zur Jeschiwa Beit El in Jerusalem. Zunächst arbeitete er als Helfer in der Synagoge und versorgte die Gelehrten mit Tee und Kaffee. Doch schon früh bemerkten diese sein außergewöhnliches Wissen, das es ihm ermöglichte, Fragen zu beantworten, die selbst für deutlich ältere Rabbiner unklar waren. So stieg er bereits im Alter von nur 27 Jahren zum Rosch Jeschiwa (Leiter der Jeschiwa) auf.

Der größte Beitrag des Raschasch zum Studium der Kabbala sind zweifellos die Kawanot, die sogenannten Gebetsintentionen. Der Umfang und die Tiefe dieser Intentionen sind in einem Zeitungsartikel nicht wiederzugeben. Hier soll aber versucht werden, eine erste historisch-religiöse Einordnung zu geben, in deren Kontext die Arbeit von Rabbi Schalom Scharabi gesehen werden kann.

Neben der schriftlichen Tradition des Judentums – bekannt als der Tanach – und der mündlichen Tradition, die als der babylonische und der Jerusalemer Talmud geläufig ist, besitzt das Judentum auch eine mystische Tradition.

Mystische Tradition

In dieser mystischen Tradition, der Kabbala, ist die Tora (sowohl die schriftliche als auch die mündliche) mehr als nur eine Sammlung von Geschichten und Gesetzen. Jedes Wort und jeder Buchstabe gelten als eine Art Code, der die Weisheiten des Universums in sich trägt. Wer diesen Code versteht, versteht die wahren Intentionen der Tora und nähert sich der g’ttlichen Wahrheit. Wer die Tora nur in ihrer äußeren Dimension – also Tanach und Talmud – studiert, wird aus Sicht der Kabbala ihre tieferen Intentionen nicht vollständig erfassen können, wobei das Studium und die Praxis von Tanach und Talmud dennoch die unabdingbare Voraussetzung für ein Verständnis der Kabbala darstellen.

Die Kabbala ist kein einzelnes Buch, sondern besteht aus einer Vielzahl unterschiedlicher Werke und Traditionen, die alle versuchen, diese tiefere Dimension zu erfassen. Das zentrale Werk ist der Sohar. Er wird Rabbi Schimon bar Jochai zugeschrieben, der bereits im 2. Jahrhundert lebte, auch wenn der Sohar sich erst im Mittelalter einer größeren Verbreitung erfreute. Der Sohar wiederum wurde von Rabbi Isaak Luria Aschkenasi, dem Arizal (1534–1572), systematisch erklärt. Daher spricht man heute von der lurianischen Kabbala, wenn kabbalistische Ideen des Sohar im Licht der Lehren und Kommentare Lurias verstanden werden.

Scharabi erfand eine Art mystische Meditation, die das Lesen des Gebets begleitet.

Die Schriften des Sohar und des Arizal enthalten zahlreiche Konzepte, die selbst Kennern der schriftlichen und mündlichen Tradition neu erscheinen mögen: Die Geschichte der Welt wird als eine Geschichte kosmischer Ordnung und des Chaos verstanden, in der die Ordnung wiederhergestellt werden muss; als eine Geschichte g’ttlichen Lichts, das in den Klauen der Dunkelheit gefangen wurde und durch menschliches Handeln wieder befreit werden muss, damit das messianische Zeitalter beginnen kann.

Partner im Prozess der Schöpfung

Die zugrunde liegende Idee ist, dass der Mensch durch die Heilung der Welt (Tikkun Olam) zu einem Partner im Prozess der Schöpfung wird. Durch gute Taten, Gebet und Torastudium wird das g’ttliche Licht aus der Dunkelheit befreit, in die es während der Schöpfung gefallen ist, und die kosmische Ordnung wird wiederhergestellt; dies ist der Prozess des Tikkun Olam.

Ein praktisches Beispiel hierfür findet sich im Morgengebet, dem Schacharit: Die einzelnen Teile des Gebets erheben die Seele schrittweise, bis sie sich in der Amida mit dem Schöpfer verbinden kann. Jedes einzelne Schacharit-Gebet, ja jeder einzelne Buchstabe, erhebt g’ttliches Licht und trägt dazu bei, die endgültige Erlösung des Universums herbeizuführen.

Unsere Weisen formulierten das Gebet so, dass bereits das Lesen und das einfache Verständnis der Worte, in Verbindung mit der Intention, G’tt zu dienen, diesen Effekt bewirken können.

An dieser Stelle haben wir genügend Kontext, um die Arbeit von Rabbi Schalom Scharabi zu verstehen. Seine Idee ist, dass zwar schon das einfache Aussprechen der Gebetsworte die Erlösung näherbringt, das Gebet jedoch durch spezielle Intentionen – die sogenannten Kawanot (von Kawana: Absicht, Hingabe) – intensiviert und beschleunigt werden kann.

Mystische Meditation

Rabbi Scharabi kommentierte den Siddur (Gebetsbuch) und legte die korrekten Intentionen für einzelne Buchstaben, Wörter und Abschnitte des Gebets dar. Seine Vorstellung beruht darauf, dass man sich während des Gebets auf die jeweiligen Prozesse konzentriert, die nach der Kabbala dadurch in Gang gesetzt werden. Es handelt sich um eine Form mystischer Meditation, die das Lesen der Gebete begleitet.

Um die Absicht, Hingabe, Andacht des Raschasch – so werden die Gebetsintentionen Rabbi Scharabis genannt – praktizieren zu können, ist ein tiefgehendes Verständnis der Kabbala erforderlich. Sie richten sich daher vor allem an die Elite der Kabbalisten, die in der Lage ist, sich auf die zahlreichen kabbalistischen Verknüpfungen im Gebet zu konzentrieren. Allen anderen wird geraten, sich auf die Bedeutung der Worte zu fokussieren und mit schlichter, aufrichtiger Intention zu G’tt zu beten.

Einige der großen Kabbalisten lehrten, dass Rabbi Schalom Scharabi eine Reinkarnation von Rabbi Isaak Luria gewesen sei, der zurückkehrte, um seine Arbeit aus einem früheren Leben fortzusetzen. Rabbi Luria wiederum galt als Reinkarnation von Rabbi Schimon bar Jochai, der ebenfalls seine Aufgabe aus einem früheren Leben weiterführte. Aussagen dieser Art verdeutlichen die zentrale Stellung, die der Raschasch in der Welt der Kabbala einnimmt: Er führte das Erbe der Pioniere weiter.

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