Pikuach Nefesch

Jedes Leben zählt

Am vergangenen Schabbat und an Simchat Tora mussten die Gesetze des Pikuach Nefesch angewendet werden. Foto: Getty Images/iStockphoto Montage: Clara Wischnewski

In der Pessach-Haggada sagen wir Jahr für Jahr: »In jeder Generation stehen sie auf, um uns zu vernichten, und der Heilige, gelobt sei Er, rettet uns aus ihrer Hand!« Unsere Weisen garantieren uns gleich zwei Dinge. Erstens: Wir sind das einzige Volk auf Erden, dem versprochen ist, in jeder Generation Menschen zu haben, die uns komplett auslöschen wollen – aus dem einzigen Grund, dass wir Juden sind. Zweitens: Trotzdem können wir niemals ausgelöscht werden!

Ein Sprichwort sagt: »Wer zuletzt lacht, lacht am besten«, und ich möchte angesichts der schrecklichen und tragischen Ereignisse der vergangenen Tage damit beginnen, dass alle unsere Propheten in völliger Geschlossenheit sagen: Das Volk Israel wird zuletzt lachen. Es wird kein Gelächter über die Zerstörung der Feinde sein oder ein Gelächter, das aus selbstsüchtigen Motiven entsteht, sondern ein Lachen der Seele, die darin Ruhe findet, dass das Gute klar über das Böse und das Licht letztendlich über die Dunkelheit siegt. Ein Lachen, das wir, so Gʼtt will, mit allen Nationen der Erde teilen werden.

Darüber sagt der Psalmist (126): »Wenn der Ewige die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Völkern: Der Ewige hat Großes an ihnen getan! Der Ewige hat Großes an uns getan; daher sind wir fröhlich. Der Ewige bringe zurück unsre Gefangenen (…). Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.«

Israelische Soldaten wurden am Schabbat zum Dienst an der Waffe aufgerufen.

In diesen schwierigen Zeiten gibt es auch halachische Implikationen, die leider relevanter werden denn je. Die Tora lehrt uns: »Ich bin der Ewige, euer Gʼtt. Darum sollt ihr meine Satzungen halten und meine Rechte. Denn der Mensch, der sie tut, wird durch sie leben« (3. Buch Mose 18, 4–5).

Unsere Weisen lernen aus den Worten »durch sie leben«, dass alle Ge- und Verbote der Tora außer Kraft gesetzt werden sollen, wenn für den Menschen Lebens­gefahr besteht. Dieses Prinzip wird im Talmud »Pikuach Nefesch« genannt. Ausnahmen sind das Ermorden von Unschuldigen, das Anbeten anderer Götter sowie sexuelle Sünden wie Inzest, Zoophilie oder Ehebruch. Bei diesen drei Dingen, sagen unsere Weisen, wäre der Tod besser, als mit einer dieser Sünden weiterzuleben. Die genauen halachischen Regeln für jede der oben beschriebenen Situationen enthalten viele Details, die den Rahmen dieses Artikels sprengen würden, daher verweise ich auf die relevanten halachischen Werke.

Option und Pflicht

Unabhängig davon sehen wir, dass selbst der heilige Schabbat für das Retten von Leben gebrochen werden kann. Dabei ist wichtig zu betonen, dass das Brechen des Gebots im Fall von Pikuach Nefesch nicht nur eine Option ist, sondern eine Pflicht!

Wer todkrank ist und um zu überleben essen oder trinken muss, ist nicht nur vom Fasten befreit, sondern er ist verpflichtet, am Fastentag zu essen! Und selbst wenn es nichts anderes als Schweinefleisch zu essen gibt, dann muss man dem Todkranken eben Schweinefleisch zu essen geben.

Es gibt Situationen, in denen die Frage nach der Lebensgefahr eindeutig geklärt ist, zum Beispiel, wenn jemand in einem See zu ertrinken droht und nur durch das Brechen des Schabbats gerettet werden kann. Es gibt aber auch Situationen, in denen die Frage nach der Lebensgefahr unklar ist, zum Beispiel, wenn ein Mensch Schmerzen spürt und einige Ärzte sagen, es bestehe Lebensgefahr, die meisten anderen Ärzte aber davon ausgehen, dass keine Gefahr besteht. Die Halacha sagt klar und deutlich, dass der Schutz des Lebens auch dann Vorrang vor dem Erfüllen der Gebote hat, wenn auch nur eine geringe Möglichkeit besteht, dass es anderenfalls zur Gefährdung von Menschenleben führen könnte.

Am vergangenen Schabbat und dem darauffolgenden Feiertag Simchat Tora wurden die Gesetze des Pikuach Nefesch am Schabbat leider so nötig wie lange nicht mehr. Die Terroristen der Hamas verübten unzählige grausame Attentate auf israelischem Boden und wählten dafür gerade den Schabbat und Simchat Tora, Tage, die wir Juden als Tage der Freude und des Lichts feiern.

Jenen israelischen Soldaten, die Schomrei Schabbat sind, war es nicht mehr erlaubt, den Ruhetag zu halten, sondern sie wurden zum Dienst an der Waffe aufgerufen, um die Bevölkerung zu verteidigen.

Dass einige unbelehrbare Menschen den Juden und nicht den Verbrechern der Hamas die Schuld für die Gräueltaten zuschreiben, führt dazu, dass auch jüdische Gemeinden und israelische Einrichtungen in Deutschland bedroht sind. Die Jüdische Allgemeine hat daher – zum ersten Mal in ihrer Geschichte – entschieden, trotz des Schabbats online zu berichten, um die jüdische Bevölkerung in Deutschland zu warnen und vor möglichen Gefahrensituationen zu schützen.

Weil jüdische Gemeinden in Deutschland gefährdet waren, berichtete diese Zeitung am Schabbat.

»Wir haben am Samstagmorgen, am Schabbat, die Nachrichtenlage aufmerksam verfolgt«, sagt Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen. »Wir standen vor der Frage, ob wir trotz des Schabbats berichten müssen, weil es darum geht, Leben zu retten.« Als die Sicherheitsbehörden mitteilten, dass auch Juden in Deutschland in Gefahr seien, habe die Redaktion sofort mit der Berichterstattung begonnen, so Engel. »Die Angst und das Informationsbedürfnis in der jüdischen Gemeinschaft waren extrem groß – und sind es nach wie vor. Es hätte keine andere Entscheidung geben dürfen.«

Es gibt auch eine spirituelle Seite eines jeden Konflikts

Neben der physischen und halachischen Seite des Schutzes von Leib und Leben (die so wichtig ist, dass sie fast alle Gebote außer Kraft setzt) dürfen wir nicht vergessen, dass es auch eine spirituelle Seite eines jeden Konflikts gibt.

Unsere Weisen lehren, dass die Erde ein Spiegelbild von höheren, geistigen Welten ist. So wie es am Ende des Kaddischs heißt: »Wer Frieden im Himmel (in den höheren Welten) macht, soll uns Frieden geben.«
»Jischmael« bedeutet »Gʼtt hört«. Unsere Weisen lehren, dass dies kein Zufall ist. Die Kraft des Gebets kann die Kraft Jischmaels brechen und, so Gʼtt will, dem Volk Israel zum Sieg verhelfen.

Ich bitte jeden und jede, dem das Schicksal des jüdischen Volkes nicht gleichgültig ist und der sich fragt, was neben Spenden und physischen Aktionen noch getan werden kann, Zeit und Kraft in das Gebet zu investieren.

Denn jedes Wort, das wir im Gebet und im Lesen der Tehillim, der Psalmen, aussprechen, ist ein zusätzlicher geistiger Schutzschild für das Volk Israel.

Der Autor ist Religionslehrer und Sozialarbeiter der Jüdischen Gemeinde Osnabrück.

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