Dialog

Intensiver Austausch

Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und Vorstandsvorsitzender der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) Foto: Jochen Linz

Einmal im Jahr tagt der 1947 gegründete Internationale Rat der Christen und Juden (ICCJ) – in diesem Jahr fand das Treffen von 200 Theologen, Rabbinern und engagierten Laien in Deutschland statt.

Unter dem Motto »Reformieren, interpretieren, revidieren: Martin Luther und 500 Jahre Tradition und Reform in Judentum und Christentum« tauschten sich prominente jüdische und christliche Vertreter vom 2. bis 5. Juli in Bonn auch zu Themen wie Reform und Tradition in Liturgie und Gebet und der Zukunft der jüdisch-christlichen Beziehungen aus.

Eröffnung Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, sagte bei der Eröffnung am vergangenen Sonntag, mit großen Respekt habe er als katholischer Bischof in den vergangenen Jahren verfolgt, »wie offen und kritisch sich die Evangelische Kirche in Deutschland mit den antijüdischen Schriften Martin Luthers auseinandergesetzt und wie klar und deutlich sie sich von diesen Aussagen distanziert hat. Es ist nicht leicht, sich kritisch mit den eigenen Traditionen zu befassen«.

In Deutschland habe sich mittlerweile »ein neues herzliches Miteinander von Christen und Juden« entwickelt. Rabbiner seien »auf Katholikentagen und Evangelischen Kirchentagen ebenso gern gesehene Gäste wie Bischöfe beim jüdischen Gemeindetag«.

In seinem Grußwort sagte Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und Vorstandsvorsitzender der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST), es zeichne die evangelischen Christen in Deutschland aus, dass sie vor dem Antijudaismus Martin Luthers nicht die Augen verschlossen hätten.

EKD-Synode Die EKD-Synode habe sich 2016 in ihrer Erklärung zum Reformationsjubiläum ganz deutlich vom Antijudaismus Luthers distanziert »und auch der Judenmission, wie es sie heute leider gerade in evangelikalen Kreisen noch immer gibt, eine deutliche Absage erteilt«, betonte Lehrer.

Dass jüngst Papst Franziskus zwei Rabbiner als Mitglieder in die Päpstliche Akademie für das Leben berufen hat, sei keine Selbstverständlichkeit, sondern zeuge »von den aufrichtigen und intensiven Bemühungen des Papstes um ein gutes Verhältnis zum Judentum«, so der Zentralratsvize weiter.

Unter den Referenten und Teilnehmern aufgeführt waren Rabbiner Abraham Skorka, Freund und Wegbegleiter von Papst Franziskus aus Argentinien, die orthodoxen Rabbiner Julian-Chaim Soussan und Jehoschua Ahrens, Rabbiner Walter Homolka, Gründer des Abraham Geiger Kollegs, die liberalen Rabbiner Andreas Nachama und Rabbinerin Dalia Marx, der Palästinenser Monib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land, und der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik.

Die Tagung wurde zusammen mit dem Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit und der Evangelischen Kirche im Rheinland veranstaltet.

liturgie Friedhelm Pieper, Evangelischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrats, sagte der Jüdischen Allgemeinen am Dienstag, gerade auf dem Gebiet der Liturgie habe ein intensiver Austausch darüber stattgefunden, welche Passagen für die jeweils andere Seite verletzend wirken könnten. Diskussionsbedarf bestehe weiterhin über die Einleitung zur katholischen Karfreitagsfürbitte zur Bekehrung der Juden, die von Papst Benedikt XVI. in einer alten lateinischen Fassung wieder eingeführt wurde.

Juden könnten auch einen Abschluss der Psalmen in christlichen Gebetbüchern durch die Formulierung »Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist« so aufnehmen, als ob man die Psalmen »christianisieren« wolle, erläuterte Pieper.

Die französische Jüdin Liliane Apotheker, erste Vizepräsidentin des ICCJ, berichtete, Rabbinerin Dalia Marx sei in ihrem Vortrag auf eine Passage im Alejnu-Gebet eingegangen: »Falsche Götzenbilder müssen zerschlagen werden.« Diese Worte, die sich ursprünglich gegen Paganismus wendeten, hatten jüdische Extremisten 2015 bei einem Anschlag auf die Wand der Brotvermehrungskirche des Klosters Tabgha am See Genezareth geschmiert. »Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass es Probleme bei Juden und Christen gibt, und Mentalitäten ändern«, sagte Liliane Apotheker.

israel-kritik In seinem Grußwort zur Eröffnung am vergangenen Sonntag betonte Abraham Lehrer, wenn es die Christen in Deutschland ernst meinten mit ihrem Bekenntnis gegen Antisemitismus, »dann müssen sie heutzutage auch entschlossen einem Antisemitismus entgegentreten, der getarnt als Kritik an Israel daherkommt oder der von zu vielen jungen Muslimen in soundsovielter Generation weitergetragen wird«.

Friedhelm Pieper sagte dazu, Kritik an Israel sei legitim, die Dämonisierung und einseitige Anschuldigungen gegen das Land seien es nicht. Barbara Rudolph, Oberkirchenrätin und Leiterin der Abteilung Theologie und Ökumene der Evangelischen Kirche im Rheinland, erklärte, für beide christlichen Kirchen sei sowohl die Benennung von Antisemitismus als auch die Solidarität mit Palästinensern wichtig, die man in ihrer »Sehnsucht nach einem eigenen Staat« unterstützen wolle.

Lech Lecha

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