Chok

In Stein gemeißelt

Wie ein behauener Fels sich nur schwer in eine andere Form bringen lässt, sind auch die g’ttlichen Weisungen unverrückbar. Foto: dpa

Und der Ewige redete zu Mosche und Aharon: »Dies ist die Satzung der Lehre, die der Ewige befohlen hat: ›Rede zu den Kindern Israels, dass sie dir bringen eine rote, makellose Kuh (Para Aduma), an der kein Fehl ist, auf die kein Joch gekommen!‹« (4. Buch Mose 19, 1–2).

Die Asche dieser Kuh, vermischt mit Quellwasser, wird dazu dienen, jedem, der in Berührung mit einem Toten gekommen und dadurch unrein geworden ist, die Reinheit wiederzugeben, nachdem er die vom Gesetz vorgeschriebenen sieben Tage der Unreinheit beachtet hat.

Die Kuh soll außerhalb des Lagers in der Wüste in Gegenwart des Priesters von einem Laien geschlachtet und dann vollständig verbrannt werden. Die Asche wird außerhalb des Lagers an einem reinen Ort aufbewahrt. Priester und Laien werden unrein bis zum Abend. Wenn das Mittel gebraucht wird, so gibt man etwas von der Asche in ein irdenes Gefäß und gießt Quell- oder Flusswasser darüber.

Vorschrift
Der Name des Wochenabschnitts Chukkat leitet sich von dem Wort Chok (Satzung) ab. Es handelt sich dabei um ein Gesetz mit einem festgesetzten Maß. Wie Raschi (1040–1105) erklärt, ist ein Chok eine Vorschrift G’ttes, die nicht zu hinterfragen oder zu kritisieren ist. Es diente Israel generationenlang als typisches Beispiel des absoluten Gehorsams gegenüber G’ttes Geboten. Denn viele Gebote sind Mischpatim, das heißt, sie sind leicht verständlich und infolgedessen logisch zu erklären, wie zum Beispiel die Gebote, nicht zu töten, zu stehlen oder die Ehe zu brechen.

Das Wort Chok wird für alle Gesetze und Verordnungen verwendet, deren Grund uns unbekannt ist. Raschi schreibt: »Weil Satan und die Heiden Israels diese und ähnliche Vorschriften verhöhnten, gebraucht die Schrift in diesem Zusammenhang den Ausdruck ›Chukat‹, um zu sagen: Es ist eine Vorschrift von Mir. Und ihr habt nicht das Recht, Meine Vorschriften zu kritisieren.« Ein Chok ist ein Dekret G’ttes, das nicht übertreten werden darf.

Ritualakt Es handelt sich bei der Reinigung mit der Asche der Roten Kuh um einen geheimnisvollen Ritualakt. Seine seltsamen charakteristischen Merkmale sind hinreichend von den Rabbinern dargelegt worden. So war es sein Zweck, die Verunreinigten rein zu machen – und doch wurden alle die unrein, die irgendwie mit der Herstellung der Asche und des Reinigungswassers zu tun hatten.

»Es reinigt den Unreinen und macht gleichzeitig den Reinen unrein.« So unergründlich war sein Sinn, dass selbst König Salomo trotz seiner Weisheit daran verzweifelte, das Geheimnis der Bestimmungen über die Rote Kuh zu erforschen. Salomo sagte: »Ich habe Verständnis für die ganze Tora erlangt. Aber als ich zur Roten Kuh kam, versuchte ich zu erklären, zu forschen und zu fragen. Ich glaubte, es zu verstehen, doch sie (die Rote Kuh) ist mir fern.«

Rabbi Jochanan ben Sakkai – er lebte im ersten Jahrhundert d.Z. – antwortete einem hochgestellten Römer, der sehr erstaunt war über dieses Ritual, mit einer Anspielung auf eine heidnische Analogie: »So wie jemand, der der Melancholie verfallen oder von einem bösen Geist besessen ist, von seiner Krankheit durch das Einnehmen gewisser Arzneimittel oder das Verbrennen bestimmter Kräuter befreit wird, so treibt die vorschriftsmäßig hergestellte und in Wasser aufgelöste Asche der Roten Kuh die durch Berührung einer Leiche entstandene Unreinheit hinweg.«

Der Römer war mit dieser Antwort zufrieden und ging weg. Aber die Schüler sagten zu Rabbi Jochanan: »Dieses Mannes Angriff hast du quasi mit einem geknickten Schilfrohr abgewehrt. Welche Antwort aber hast du für uns?« Da sagte der Rabbi: »Bei eurem Leben – der tote Mensch macht nicht unrein, und ebenso wenig macht die in Wasser aufgelöste Asche rein. Aber das Gesetz von der Roten Kuh ist eine Verordnung des Allheiligen, und es ziemt keinem Sterblichen, die Gründe für den Erlass dieser Vorschrift zu untersuchen.«

Sinn Der Verfasser des Sefer Hachinuch versichert, dass er immer versucht, die Gebote rational zu erklären und ihren Sinn zu erforschen, weil er der Auffassung ist, dass die Fragen junger Menschen beantwortet werden müssen. Im Falle der Vorschriften über die Rote Kuh jedoch gesteht er offen, dass sie sich jeder menschlichen Logik entziehen, und deshalb fügt er keine Erklärungen hinzu. Fast alle klassischen Exegeten nehmen dieselbe Einstellung an und halten sich von einer Sinngebung dieser Mizwa zurück.

Die Bedeutung der Roten Kuh war nur Mosche bekannt – unsere Weisen haben einige andeutende Erklärungen dazu gegeben: So glaubten sie, dass die Rote Kuh als Sühne für die Sünde des Goldenen Kalbes ihre Bedeutung hat: Warum braucht man für alle Opfer nur männliche Tiere, und sie (die Rote Kuh) ist weiblich? Rabbi Ivo sagte: Man kann dies mit dem Sohn einer Magd vergleichen, der den königlichen Palast verunreinigt hat. Der König sagte: Die Magd möge kommen und den Schmutz entfernen. Genauso sagt G’tt: Es soll die Rote Kuh kommen und die schlechte Handlung des Goldenen Kalbes sühnen.

Raba trug vor: Als Belohnung dafür, dass unser Vater Awraham gesagt hat: »Ich bin Staub und Asche« (1. Buch Mose 14,23), sind seinen Kindern zwei Gebote beschieden worden, die Asche der Roten Kuh und die Erde der Ehebruchsverdächtigten (Talmud, Sota 17a).

Wachstum
Die Weisen sehen noch eine andere Bedeutung der doppelten Herabsetzung durch die Worte »Asche« und »Staub«. Asche hatte eine Vergangenheit und ist jetzt wertlos geworden. Staub war wertlos und könnte nur durch den Ewigen zum Boden für Wachstum werden. Awraham wollte sich weder der Verdienste seiner Vergangenheit noch seiner Zukunft rühmen. Er wollte das Bewusstsein seiner Bedeutungslosigkeit gegenüber dem Ewigen zum Ausdruck bringen.

Einen faszinierenden Grund gibt uns der Riwasch, Rabbi Isaak ben Scheschet, der im 14. Jahrhundert lebte: Er meint, die Unreinheit wurde eingeführt als präventive Maßnahme, um die Hinterbliebenen von ihrer Trauer abzulenken und zu verhindern, dass im Schmerz die Beerdigung zu spät stattfände, da der Abschied so schwer ist.

Von der Zeit unseres Lehrers Mosche bis zur Zerstörung des Zweiten Tempels wurde nur neunmal eine Rote Kuh verbrannt und ihre Asche bereitet. Die erste, die hier in unserem Toraabschnitt erwähnte Rote Kuh wurde von Mosche Rabbenu geopfert. Ihre Asche wurde noch während des Bestehens des Ersten Tempels benutzt, und ein Rest blieb sogar noch bis nach seiner Zerstörung übrig. Die zweite wurde von Esra Hasofer, dem Schreiber, geopfert. Und die weiteren sieben opferte man bis zur Zerstörung des Zweiten Tempels. Die zehnte, so sagen die Weisen, wird der Messias opfern. Möge er bald kommen und uns erlösen! Amen.

Der Autor ist Rabbiner der Synagogen-Gemeinde zu Magdeburg und Ehrenrabbiner von Sachsen-Anhalt.

inhalt
Der Wochenabschnitt berichtet von der Asche der Roten Kuh. Sie beseitigt die Unreinheit bei Menschen, die mit Toten in Berührung gekommen sind. In der »Wildnis von Zin« stirbt Mirjam und wird dort begraben. Im Volk herrscht Unzufriedenheit, man wünscht sich Wasser. Mosche öffnet daraufhin eine Quelle aus einem Stein – aber nicht auf die Art und Weise, wie der Ewige es geboten hat. Mosche und Aharon erfahren, dass sie deshalb das verheißene Land nicht betreten dürfen. Erneut ist das Volk unzufrieden: Sie sind des Mannas überdrüssig, und es fehlt wieder an Wasser. Doch nach der Bestrafung bereut das Volk, und es zieht gegen die Amoriter und die Bewohner Baschans in den Krieg und erobert das Land.
4. Buch Mose 19,1 – 22,1

Wajera

Kraft der Liebe

Warum das gute Verhältnis zwischen Ehepartnern in der Tora eine große Rolle spielt

von Vyacheslav Dobrovych  15.11.2019

Talmudisches

Die Verdienste eines Kerkermeisters

Von der Wirksamkeit des Gebets

von Yizhak Ahren  15.11.2019

Perspektive

Das Schöne ist kein Selbstzweck

Jahrhundertelang schien sich das Judentum kaum mit Ästhetik beschäftigt zu haben

von Rabbiner Raphael Evers  14.11.2019

Lech Lecha

Zu weit gegangen

Gott wollte, dass die Ägypter die Israeliten unterdrücken – doch weil sie übertrieben, bestrafte er sie

von Mendel Itkin  08.11.2019

Talmudisches

Später Lohn

Von einem Zaddik aus Galiläa und dem Urteil über andere

von Noemi Berger  08.11.2019

Diskussion

»Jesus ist nicht katholisch geworden«

Bei der ersten gemeinsamen Fachtagung der Deutschen Bischofskonferenz und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland ging es um Grundsätzliches

von Jérôme Lombard  07.11.2019