Rosch Haschana

Im Zweifel für den Angeklagten

Wenn man sich auf Rosch Haschana vorbereitet, geht man zwar auch in sich, überdenkt seine Taten, doch man geht im Vorfeld ebenfalls zum Friseur, rasiert sich, schneidet sich die Fingernägel, geht in die Mikwe. Foto: imago images/Westend61

Schon wer als Zeuge zu einem Prozess geladen wird, hat oft ein eigenartiges Gefühl. Umso mehr steigt die Aufregung, wenn man selbst Angeklagter ist. Je näher der Termin vor dem Strafgericht kommt, desto nervöser wird man, achtet womöglich nicht mehr so auf sein Äußeres, rasiert sich tagelang nicht, denkt nur noch an das Verfahren und das mögliche Urteil – aber bestimmt ist einem nicht nach Feiern oder festlichem Essen zumute.

Wenn man sich jedoch auf Rosch Haschana vorbereitet, geht man zwar auch in sich, überdenkt seine Taten, doch man geht im Vorfeld ebenfalls zum Friseur, rasiert sich, schneidet sich die Fingernägel, geht in die Mikwe. Und an Rosch Haschana selbst zieht man seine besten Kleider an, veranstaltet üppige feierliche Mahlzeiten mit fröhlichen Gesängen und soll dabei allgemein gut gelaunt und fröhlich sein.

optimismus Woher kommt dieser Widerspruch zum eigentlichen Anlass, woher dieser Optimismus? Die Seriosität des Tages ist ziemlich offensichtlich, denn schließlich wird jeder von uns sowie die gesamte Welt an Rosch Haschana gerichtet. Es wird bestimmt, wer das kommende Jahr überleben wird und wer nicht. Über den materiellen Verdienst für das kommende Jahr wird ebenfalls an diesem Tag entschieden. Einige Gebete sowie Lesungen am Rosch Haschana deuten gleichermaßen darauf hin, dass mit dem Urteil nicht zu spaßen ist.

Und dennoch legen wir großen Wert darauf, gut auszusehen und gut gelaunt zu sein. Warum? Als Erstes müssen wir verstehen, dass jedes Gerichtsurteil auch einen Neuanfang für den Angeklagten bedeuten kann. Oft sieht man Menschen, die durch einen Urteilsspruch dazu inspiriert werden, ihr Leben zu überdenken und einen Neustart zu wagen.

Wenn man etwas verbrochen hat und ein mildes Urteil von einem erbarmungsvollen Richter erhält und man sich eigentlich im Klaren darüber ist, dass das Urteil viel härter hätte ausfallen sollen, ist man für die neue Chance so dankbar, dass man verspricht, die schlechten Taten nicht mehr zu wiederholen und sich zu bessern.

An Rosch Haschana haben wir es mit dem erbarmungsvollsten Richter zu tun, der nicht nur unser König, sondern in erster Linie unser liebevoller und wohlwollender Vater ist.

An Rosch Haschana haben wir es mit dem erbarmungsvollsten Richter zu tun, der nicht nur unser König, sondern in erster Linie unser liebevoller und wohlwollender Vater ist (Awinu Malkejnu). Und obwohl wir es nicht immer verdienen, ist er immer bereit, ein Auge für uns zuzudrücken und ein gutes Urteil für uns auszusprechen. Aus dieser Sicherheit heraus resultiert die Tatsache, dass der Tag unseres Gerichtes zu unseren Feiertagen gehört, an denen wir uns erfreuen sollen.

TESCHUWA Außerdem haben wir von Haschem das wunderbare Geschenk der Teschuwa, der Rückkehr oder Umkehr, bekommen. Das bedeutet: Wenn wir unsere schlechten Taten bereuen und versprechen, sie nie mehr zu wiederholen, werden sie uns nicht als Vergehen, sondern als Verdienste angerechnet.

Und ein Baal Teschuwa, also jemand, der »umgekehrt« ist, wird nicht als der alte Mensch, sondern als ein ganz anderer, neuer Mensch angesehen und kann deswegen nicht mehr für seine alten Taten verurteilt werden. Dies wird teilweise durch den Gang in die Mikwe symbolisiert, die für Erneuerung steht, aber auch durch das veränderte Aussehen, wie durch Haareschneiden oder eine Rasur.

Unsere Weisen geben uns noch einen zusätzlichen Tipp, der uns helfen soll, ein gutes Urteil für uns zu erlangen: nämlich vor dem Richter als eine Gemeinschaft aufzutreten. Denn wenn unsere Verdienste sich summieren, wird das Urteil mit Sicherheit zum Guten ausfallen. Und selbst, wenn wir in diesen schwierigen Zeiten nicht alle in die Synagoge gehen können und auch dort mit vielen Einschränkungen und einer räumlichen Trennung untereinander rechnen müssen, dürfen wir nicht vergessen, dass es hauptsächlich darum geht, ein geistiger Teil dieser Gesellschaft zu sein. Ein aktiver Teil der jüdischen Gemeinschaft.

Jedes Gericht ist ein Neuanfang, jedes neue Jahr ist ein weißes Blatt Papier, das neu beschrieben werden darf. Lasst uns das sich zu Ende neigende Jahr noch einmal überdenken und nach den Fehlern suchen, damit wir das neue Jahr in voller Gesundheit und mit all unseren Kräften entschieden besser als das vergangene gestalten können.

Der Autor ist Rabbiner der Synagogengemeinde Konstanz und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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