Kiddusch Lewana

Im Schein des Trabanten

Das jüdische Volk wird als Nachkomme des jüngeren Bruders Jakow mit dem »kleinen Bruder der Sonne«, dem Mond, verglichen. Foto: Copyright (c) Flash 90 2009

Kiddusch Lewana

Im Schein des Trabanten

Auf jeden neuen Mond sprechen Juden einen Segen. Was steckt dahinter?

von Rabbiner Dovid Gernetz  27.11.2025 12:20 Uhr

Die Mondlandung von Apollo 11 im Jahr 1969 ließ auch die Welt der Rabbiner und der Halacha nicht unbewegt. Zahlreiche halachische Fragen mussten nun geklärt werden: Ob es überhaupt erlaubt sei, ins Weltall zu reisen, wie man auf dem Mond Schabbat halten würde und grundsätzlich, ob die Gebote der Tora auch außerhalb der Atmosphäre gelten.

Eine besonders interessante Frage, die infolge dieser historischen Errungenschaft aufkam, war, ob man die Prozedur von »Kiddusch Lewana« – die Segnung des Mondes – auch auf dem Mond selbst durchführen könnte. Die Antwort wollen wir noch ermitteln – doch zunächst müssen wir erklären, worum es sich bei diesem Segensspruch überhaupt handelt.

Sobald der Mond nach Neumond wieder sichtbar ist

Unsere Weisen haben festgelegt, dass man auf die »Erneuerung« des Mondes, also sobald der Mond nach Neumond wieder sichtbar ist, einen Segensspruch sprechen soll. Dieser Segensspruch heißt Kiddusch Lewana, auch »Birkat HaLewana« genannt, und darin danken wir G’tt dafür, dass er den Mond »erneuert« und einen neuen Monat initiiert hat (es gibt auch einen Segensspruch auf die Sonne, dieser wird aber nur einmal in 28 Jahren gesagt, wenn die Sonne dieselbe Stelle erreicht, an der sie sich zur Zeit der Schöpfung befand). Es gibt verschiedene Meinungen, bis wann genau dieser Segensspruch gesagt werden kann, aber grundsätzlich gilt er nur bis zur ersten Hälfte des Monats, also wenn der junge Mond noch wächst. Er kann nur nachts und unter freiem Himmel rezitiert werden, und der Mond muss klar sichtbar sein.

Jedoch handelt es sich nicht um einen »gewöhnlichen« Segensspruch, denn im Talmud (Sanhedrin 42b) wird Kiddusch Lewana mit der Begrüßung der Schechina, der g’ttlichen Präsenz, verglichen: »Wer den Monat rechtzeitig segnet, dem wird angerechnet, als hätte er die Schechina begrüßt«, und aus diesem Grund muss dieser Segensspruch stehend gesagt werden.

Aus Masechet Sofrim (Kapitel 19, Mischna 10) geht hervor, dass dabei auch Psalmen und andere Verse gesagt werden sollen und der Segensspruch darin eingebettet wird. Vor dem Segensspruch wird Psalm 148 gesagt, worin beschrieben wird, wie Sonne, Mond und andere Himmelskörper G’tt preisen. Anschließend sagt man den Segensspruch: »Gesegnet seist Du, Ewiger, unser G’tt, König der Welt, der durch sein Wort den Himmel und durch den Atem seines Mundes all Seine Heerscharen schuf. (…) Gesegnet seist Du, Ewiger, der die Monate erneuert.«

»Gesegnet seist Du, Ewiger, der die Monate erneuert.«

Danach wiederholt man dreimal mehrere Zitate, darunter »Siman tow u-Masal tow« (»Ein gutes Omen und viel Glück«) und »David Melech Israel Chai veKajam« (»David, König von Israel, lebt und besteht«), die vielen aus der Synagoge bekannt sein dürften: Man singt sie zum Beispiel bei einer Barmizwa. Sie sind Ausdruck der Hoffnung auf eine gesegnete Zukunft. Nach dem Gebet grüßt man einander mit »Schalom Aleichem« und »Aleichem Schalom« – »Friede sei mit euch«.

Eines der Zitate, das dreimal wiederholt wird, lautet: »So, wie ich vor dir (dem Mond) tanze und dich (den Mond) nicht anfassen kann, so sollen auch meine Feinde nicht imstande sein, mir Schaden zuzufügen.«

Nach der Mondlandung 1969

Interessanterweise gab es nach der Mondlandung 1969 einen Rabbiner, der dazu aufrief, diesen Satz aus den Gebetbüchern zu entfernen, weil Menschen jetzt in der Lage seien, den Mond anzufassen, und diese Aussage nicht mehr der Wahrheit entspreche. Die meisten Rabbiner lehnten diesen Vorschlag jedoch ab, weil es dabei nicht darum geht, ob Menschen grundsätzlich dazu fähig sind, den Mond anzufassen, sondern darum, dass wir von der Erde aus dazu nicht imstande sind. Außerdem können damit auch Engel oder himmlische Botschafter, die für den Mond verantwortlich sind, gemeint sein, und an diese kommen Menschen sicherlich niemals heran.

Laut dem gängigen Brauch wird zum Schluss das Alenu-LeSchabeach-Gebet gesagt. Der Grund dafür ist, dass diese Zeremonie nicht falsch interpretiert werden soll. Es ist nicht so, als würde man den Mond anbeten. Das wäre Götzendienst, eine der schwersten Sünden im Judentum. Mit dem »Alenu LeSchabeach«-Gebet beteuern wir, dass wir zu G’tt beten und Ihm für die Erneuerung des Mondes und des neuen Monats danken. Aus demselben Grund richtet man sich während der Bracha mit dem Gesicht nach Osten – also nach Jerusalem, dorthin, wo der Beit HaMikdasch stand – und nicht in die Richtung des Mondes.

Obwohl Kiddusch Lewana auch individuell gesagt werden kann, ist es üblich, es gemeinsam als Gemeinde oder zumindest mit einem Minjan zu sprechen. Idealerweise sollte dies beim Ausgang des Schabbats erfolgen, weil man noch die feierliche Kleidung trägt. Und wie schon zuvor erwähnt, wird Kiddusch Lewana mit dem Empfangen der Schechina verglichen. Rabbi Mosche Isserles schreibt außerdem, dass es üblich ist, im Anschluss zu tanzen und sich zu freuen. Vielerorts wird das Gedicht »El Adon« ab der Stanza von »Tovim Meorot« gesungen, weil G’tt darin für die Schöpfung der Himmelskörper gepriesen wird.

Doch was ist der besondere Anlass zur Freude? In zahlreichen Quellen wird das jüdische Volk mit dem Mond verglichen. So steht im Talmud (Traktat Sukka 29a), dass eine Mondfinsternis ein schlechtes Zeichen für das jüdische Volk ist, weil sich der jüdische Kalender hauptsächlich nach dem Mond richtet, und laut dem Midrasch (Bereschit Rabba 6,3) hat das jüdische Volk als Nachkomme von Jakow, dem jüngeren Bruder, den kleineren Mond »geerbt«, während der ältere Bruder, Esaw, von der Sonne repräsentiert wird.

Der Mondzyklus erinnert uns daran, dass auch die dunkelste Stunde vergeht.

Daher trägt die regelmäßige Erneuerung des Mondes eine besondere Symbolik für das jüdische Volk, weil es in gewissem Sinne die turbulente Geschichte des jüdischen Volkes widerspiegelt. Mal erstrahlt es in vollem Glanz und steht an der Spitze der Zivilisation, wie zu Zeiten von König Schlomo, und manchmal sieht es so aus, als würde das jüdische Volk vollkommen verschwinden.

Der Mond erinnert uns daran, dass das jüdische Volk niemals vollkommen verschwinden wird und auch die dunkelste Stunde nur eine vergängliche Phase ist. Aus diesem Grund wird auch die Ewigkeit von König David in diesem Zusammenhang erwähnt, weil wir daran glauben, dass seine Monarchie durch seinen Nachkommen, den Maschiach, wiederhergestellt wird.

Auf der Welle des Erfolges oder Von einem Misserfolg zum anderen

Der Maharal, Rabbi Jehuda Löw von Prag (1520–1609), fügt hinzu, dass diese Symbolik auch auf die Höhen und Tiefen einer Biografie übertragen werden kann. Jeder Mensch durchläuft verschiedene Phasen, zeitweise reitet man auf der Welle des Erfolges, und manchmal fällt man von einem Misserfolg zum anderen. Auch hier erinnert uns der Mond daran, dass man nicht aufgeben sollte und bessere Zeiten kommen werden.

Jetzt können wir zur ursprünglichen Frage zurückkehren, ob man Kiddusch Lewana auch auf dem Mond sagen würde. Wie so häufig, gibt es auch diesbezüglich eine Meinungsverschiedenheit zwischen den Rabbinern. Rabbi Menasche Klein (1924–2011) war der Ansicht, dass es keinen Grund gibt, Kiddusch Lewana nicht auch auf dem Mond zu sagen (jedoch war es seiner Meinung nach verboten, ins Weltall zu reisen). Andere Rabbiner argumentieren, dass sich dieser Segensspruch auf die »Erneuerung« des Mondes bezieht, also darauf, dass er von der Erde aus sichtbar wird und damit an den Ort geknüpft ist.

Bis heute ist noch kein jüdischer Astronaut auf dem Mond gelandet. Sollte es eines Tages so weit sein, wird die rabbinische Debatte dazu gewiss erneut aufleben. Für die meisten Juden bleibt der Segen eine Pflicht aus weiter Ferne – auch in diesen Tagen wieder. Bis zum 5. Dezember ist es noch möglich, ihn auf den neuen Monat Kislew zu sprechen.

Der Autor ist Assistenz-Rabbiner der Gemeinde Kahal Adass Jisroel, Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz und Dozent am Rabbinerseminar zu Berlin.

Tasria-Mezora

Die Macht des Wortes

Was wir sagen, kann verletzen oder heilen. Die Tora fordert, Schaden zu vermeiden und Gutes zu stiften

von Avi Frenkel  17.04.2026

Talmudisches

Dämonen

Was sind sie, und wie schütze ich mich vor ihnen? Unsere Weisen gaben Antworten

von Rabbinerin Yael Deusel  17.04.2026

Amida

Stehen vor Gott

Das Hauptgebet im Judentum ist Gespräch, Selbstprüfung und kollektive Stimme Israels. Sein Ursprung jedoch ist bis heute ungeklärt

von Sophie Goldblum  16.04.2026

Warschau

Absage an Antisemitismus: Polnische Bischöfe besuchen Synagogen

Vor 40 Jahren umarmte Papst Johannes Paul II. in Roms Hauptsynagoge den dortigen Oberrabbiner. In Polen erinnern nun Bischöfe an diesen Meilenstein in den katholisch-jüdischen Beziehungen. Es gibt aber auch Misstöne

von Oliver Hinz  14.04.2026

Video

Pessach verstehen: Bedeutung, Bräuche und Traditionen

Rabbiner Dovid Gernetz erläutert die religiöse und historische Bedeutung von Pessach

von Jan Feldmann  01.04.2026

Chol HaMoed

Warum der Esel?

Das Grautier steht in der biblischen Geschichte für die Kraft, die den Menschen an seine niederen körperlichen Bedürfnisse bindet

von Vyacheslav Dobrovych  01.04.2026

Schemini

Fremdes Feuer

Wer mehr tut als geboten, läuft Gefahr, dass Frömmigkeit zur Selbstdarstellung wird

von Rabbiner Bryan Weisz  01.04.2026

Meinung

Hauptsache, Israel steht am Pranger!

Palmsonntag in Jerusalem und auf Social Media: Ein Rückblick

von Wolf J. Reuter  01.04.2026

Mascha Malburg

Jerusalem ist allen heilig

Regelmäßig knirscht es vor Ostern zwischen Christen und den israelischen Behörden. Unsere Redakteurin wünscht sich nach dem neuesten Vorfall an der Grabeskirche mehr gegenseitiges Verständnis

von Mascha Malburg  31.03.2026