Judentum

»Ich bin ein Schaliach der Mizwa«

Herr Borshevsky, was macht einen guten Mesusa-Schreiber aus?
Er muss seine Arbeit für die Mizwa machen. Wenn ich eine Mesusa allein der Kalligrafie wegen schreiben würde, wäre sie nicht koscher. Aber ich mache es der Mizwa wegen.

Wie sind Sie dazu gekommen, Mesusot zu schreiben?
Schon als Kind mochte ich Kalligrafie, aber mir war damals natürlich noch nicht bewusst, dass dies ein Beruf ist. Ich lebte in St. Petersburg, wo ich Kunst und Architektur studiert habe, bin dort in die Synagoge gegangen und habe mit meiner Familie im Jahr 1990 Alija gemacht. Ich habe in der Jeschiwa »Sсhvut Ami« in Jerusalem gelernt. Kunst zu machen und das Judentum zu studieren, war für mich bis dato nicht miteinander vereinbar.

Was hat Ihre Meinung geändert?
In der Jeschiwa habe ich einen Kurs für sakrale hebräische Kalligrafie belegt. Der brachte für mich jüdische Philosophie und Kunst zusammen – eine ideale Kombination aus tiefgründiger Lehre und Schönheit. Ich hatte sehr gute Lehrer. Mein Talmud-Lehrer war Rabbiner Shlomo Halevi Bamberger, der direkte Nachfahr von Rabbiner Seligmann Bär Bamberger, der auch unter dem Namen der »Würzburger Rav« bekannt ist. Er hat das Buch »Melecheth Shamayim« geschrieben, in dem alle Dinge, die Torarollen, Tefillin und Mesusot betreffen, stehen.

Man muss bestimmt ein sehr geduldiger Mensch sein, um ein so kleines Stück Pergament zu beschreiben.
Nun, ich habe viele Jahre Erfahrung. Eine Tora oder eine Mesusa zu schreiben, unterliegt strengen Vorschriften. Viele glauben, dass es das Heiligste ist, eine Tora zu schreiben. Aber eine Mesusa zu fertigen, obliegt viel strengeren Regeln.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie anfangen zu schreiben?
Wenn ich diesen Text schreibe, mache ich das ganz in Ruhe. Ich fühle mich dabei wie jemand, der ein Auto fährt: Man muss den Weg im Auge behalten. Wenn ich fahre, darf ich nicht mit einem Auto zusammenstoßen. Das gilt auch für die Buchstaben: Ein Buchstabe darf keinen anderen Buchstaben berühren. Jede koschere Mesusa wird von rechts nach links geschrieben, und ich sehe einen gewissen Teil des Pergaments nicht. Deswegen muss ich sehr vorsichtig sein. Aber das ist nur da Technische.

Und das Religiöse?
Aus dieser Perspektive betrachtet, bin ich ein Schaliach der Mizwa – also ein Gesandter. Ich schreibe die Mesusa und als das Wort Gottes für andere Juden. Die Mesusa enthält zwei Zitate aus dem fünften Buch Mose und auch mehrere Namen Gottes, deswegen muss ich sehr vorsichtig sein. Denn nur, wenn ich diese Namen richtig schreibe, erfüllt die Mesusa ihre Funktion. Ich habe also eine gewisse Verantwortung, denn die Menschen, die eine Mesusa bei mir bestellen, vertrauen mir.

Eine Mesusa von Ihnen ist die größte der Welt. Wie kam es dazu?
Ich bin ein kreativer Mensch. Der durchschnittliche Schreiber würde vielleicht mit seiner Arbeit auch so zufrieden sein. Aber ich wollte etwas Außergewöhnliches machen, um ein paar Ziele zu erreichen.

Welche waren das?
Um der Welt die Schönheit hebräischer Kalligrafie und die Mesusa als jüdisches Artefakt zu zeigen. Ich wollte noch mehr Juden das Innere der Mesusa näherbringen. Viele fragen sich, was genau darin steht. Ich wollte es ihnen zeigen. Ich habe mich zuerst bei Rabbinern rückversichert, ob es Bedenken gäbe, eine Mesusa dieser Größe zu schreiben, aber sie waren einverstanden.

Gab es irgendwelche Schwierigkeiten?
Ich habe nach einem sehr großen Stück koscheren Pergaments gesucht, und das war das Komplizierteste. Als ich das hatte, habe ich tief durchgeatmet und mit dem Schreiben begonnen.

Was sind die genauen Maße?

Das Pergament ist 94 Zentimeter lang und 76 Zentimeter breit. Die Maße wurden unter anderem in Bnei Brak geprüft. Jemand zweifelte daran, dass es eine Handschrift sei, aber ich habe ihm die Schreibfeder gezeigt.

Wo ist die Mesusa heute zu sehen?
Seit 2009 ist sie das Highligh im Contemporary Museum of Calligraphy in Moskau und kann dort besichtigt werden. Es ist die teuerste Mesusa in der Geschichte und wurde für 51.361 Dollar – das entspricht ungefähr einem Preis für eine hochwertige Torarolle – gekauft. Der Preis war nicht ganz zufällig, denn jeder hebräische Buchstabe hat nach der Gematria einen Zahlenwert. Und die Summe aller Buchstaben in der Mesusa ergibt 51.361.

Mit dem Toraschreiber und Kalligrafie-Künstler sprach Katrin Richter.

www.borshevsky.com

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