Megilla

Hinter den Kulissen des Purimspiels

Theateraufführung zum Purimfest in der Jüdischen Gemeinde zu Dresden Foto: Steffen Giersch

Die Geschichte von Purim, die jedes Jahr aus der Esther-Rolle vorgelesen wird, ist bei Jüdinnen und Juden sehr beliebt. Das Purimspiel – ein Theaterstück über diese Geschichte, das jedes Jahr in fast allen jüdischen Gemeinden, Schulen und Kitas gern aufgeführt wird, trägt viel zur ausgelassenen Stimmung des Festes bei.

Die Rollen beim Purimspiel sind meist klar verteilt: der leichtsinnige König Achaschwerosch, die widerspenstige und böse Königin Waschti, der weise und tapfere Mordechai, die schöne und kluge Königin Esther.

Doch das ist zu einfach, weil es ziemlich oberflächlich ist. Die Ereignisse von Purim sind kein Märchen, die Menschen, die dort mitgewirkt haben, waren echt und hatten natürlich kompliziertere Charaktere mit ihren Stärken und Schwächen. Wenn man die Stellen im Talmud und den Midraschim liest, erfährt man sehr spannende Hintergründe über diese Menschen und beginnt, die Purim-Geschichte absolut anders zu sehen.

König König Achaschwerosch ist die erste Person, die wir in der Megillat Esther im ersten Vers kennenlernen. Die Wissenschaftler sind sich nicht einig, welcher König aus der allgemeinen Geschichte das war: Xerxes I. oder Artaxerxes I. Für uns ist jedoch nicht der Name wichtig, sondern welchen Charakter und welche Eigenschaften dieser Herrscher hatte und wie sie sein Handeln beeinflussten.

Auf den ersten Blick erscheint Achaschwerosch nicht besonders klug und charakterstark. Es sieht so aus, als ob alles um ihm herum von anderen entschieden wird. Es wird sogar gewitzelt, er habe zuerst seine Ehefrau auf Vorschlag seines Ministers umgebracht – und später seinen Minister der Forderung seiner zweiten Frau entsprechend exekutieren lassen.

Jedoch stimmt diese Vermutung möglicherweise überhaupt nicht. Der Talmud (Traktat Megilla) berichtet, dass Achaschwerosch ein Stalljunge in Babylonien war und erst durch Intrigen und Bestechung zum König wurde. Wenn jemand eine solche Karriere macht, kann er nicht naiv und dumm sein. Um seine Macht zu festigen, berichtet der Talmud weiter, heiratete der neue König Waschti, die Enkelin des berühmten Eroberers Nebukadnezar, und verlegte die Hauptstadt seines Reichs nach Schuschan (Susa).

Daraus schließt Malbim (Rabbi Meir Leibush ben Jechiel Michel Wisser), dass dieser König ein hinterlistiger und berechnender Mensch war. Und Malbim beweist das auch mit starken Argumenten.

Waschti Als sich Waschti weigerte, sich auf Aufforderung ihres Mannes vor den Gästen zu zeigen, wollte Achaschwerosch seine Frau beseitigen, aber ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Deshalb fragte er seine Ratgeber, und auf Vorschlag von Memuchan lässt er die Königin hinrichten. Dazu lässt er noch ein sonderbares Gesetz verabschieden (Esther 1,22): »... dass jeder Mann Herr in seinem Hause sei und nach der Sprache seines Volkes reden solle«.

Die Geschichte von Purim ist kein Märchen. Die Helden hatten Stärken und Schwächen.

Danach wird keine Absurdität des Königs irgendjemanden mehr wundern. Damit hatte Achaschwerosch freie Bahn für ein despotisches Regime. So kann er später die Erlaubnis geben, ein ganzes Volk (auf Bitte von Haman) zu vernichten, oder noch später auf Aufforderung von Esther denselben Haman ohne jegliches Gerichtsverfahren exekutieren lassen.

Auch weiterhin lässt sich der gerissene König keine Chance entgehen: Nachdem das Komplott um Haman und seine Mitstreiter aufgedeckt wurde und die Juden ihre Feinde besiegt hatten, wurde Mordechai zum Vizekönig. Sofort ließ der Herrscher die Steuern erhöhen (10,1), weil sich diese Maßnahme sehr gut auf den neuen (jüdischen) Minister abwälzen ließ. Aus dieser Perspektive sieht der König Achaschwerosch ganz anders aus, als man es beim oberflächlichen Lesen der Esther-Rolle vermuten würde.

Die zweite wichtige Figur der Megillat Esther, die in keinem Purimspiel fehlt, ist Königin Waschti. Wie schon erwähnt, war sie die Enkelin des mächtigen Nebukadnezar und damit viel edler als ihr Mann Achaschwerosch. Unsere Weisen berichten, dass sie charakterstark war und sich zu behaupten versuchte. Gerade das war der Grund, warum auch Waschti eine große Mahlzeit für die Frauen in ihren Gemächern abhielt (Esther 1,9), nachdem ihr Mann, der König, ein großes Trinkgelage veranstaltete.

Diese Machtdemonstration gefiel Achaschwerosch natürlich nicht, er konnte nicht zulassen, dass seine Frau ihm Paroli bot. Der König versucht, Waschti zu unterwerfen, und fordert sie durch Boten auf, sich vor seinen Gästen zu zeigen. Wie unsere Weisen aus dem Vers »die Königin Waschti mit der königlichen Krone vor den König zu bringen« schlussfolgern, sollte Waschti nur mit der Krone (aber ohne sonstige Kleidung) kommen. Was natürlich für eine Königin absolut undenkbar war.

Waschti weigert sich und gibt damit dem König die willkommene Chance, seine starke Ehefrau zu beseitigen und damit einen weiteren Schritt zu tun, um die einzige Autorität im Land zu werden.

Mordechai/Esther Am Anfang des zweiten Kapitels erfahren wir einiges über die zwei wichtigsten Personen der Purim-Geschichte, Mordechai Ha-Jehudi und Esther, deren jüdischer Name Hadassa bat Avichail war. Das Paar, das das jüdische Volk vor der »Endlösung« gerettet hat, war sich viel näher, als der Text der Megilla vermuten lässt.

Unsere Weisen erzählen, dass Esther nicht nur die Tochter von Mordechais Onkel war, sondern auch seine Ehefrau. Und deshalb war die Tatsache, dass Esther gewaltsam in den Harem von Achaschwerosch genommen wurde, auch ihre persönliche Tragödie.

Aus der Überlieferung unserer Weisen erfahren wir über diese starken Persönlichkeiten mehr. Mordechai war einer der größten Weisen der Generation und bis zur Zerstörung des Tempels und der Verbannung aus dem Land Israel nach Babel Mitglied des Sanhedrin. Auch im Exil war er einer der Anführer des jüdischen Volkes und ein wichtiger Ratgeber am Hof des Königs.

Esther war keine Frau aus dem einfachen Volk. Sie war, wie auch Mordechai, eine Nachfahrin von König Schaul und damit sehr edler Herkunft. Der Talmud berichtet, dass Esther, als sie im Palast von Achaschwerosch landete, über 70 Jahre alt war und eine grünliche Haut hatte. Jedoch war ihre Ausstrahlung so stark und so beeindruckend, dass jeder, der sie sah, begeistert von ihr war.

Als Esther in den Palast gebracht wurde, verstand Mordechai, dass dies nicht zufällig passiert und bestimmt vom Himmel orchestriert war. Deshalb wartete er ab, inwiefern sich diese Situation noch als nützlich erweisen würde. Wie wir wissen, hatte Mordechai recht. Er und Esther haben einander perfekt ergänzt: Mordechai erkannte die Gefahr, überzeugte Esther, zu handeln, auch wenn es für sie lebensgefährlich war, folgte aber auch ihren Anweisungen und bewegte die Juden zur Rückkehr zu G’tt.

Haman war ein Antisemit von Geburt an. Er verlor alles, weil er sich mit G’ttes Volk anlegte.

Esther wiederum hörte Mordechai zu und rettete ihr Volk klug und mutig. Hier sehen wir sehr anschaulich, was unsere Weisen immer betonen: »G’tt sendet dem Menschen keine Prüfung, die er nicht bestehen kann!«

Haman Der letzte Hauptdarsteller in dieser Geschichte ist der ultimative Bösewicht Haman. Haman war der Nachkomme von Amalek, einem Volk, das von Anfang an Juden hasste und ständig versuchte, das jüdische Volk anzugreifen. Er war ein Antisemit von Geburt an.

Jedoch gab es noch einen weiteren Grund, warum Haman einen glühenden Hass gegen Mordechai hegte. Der Talmud erzählt, dass Haman und Mordechai einmal zusammen durch die Wüste reisten. Haman hatte seinen Proviant schnell aufgebraucht und musste den sparsamen Mordechai um Unterstützung bitten. Um den überheblichen und arroganten Haman in seine Schranken zu weisen, half ihm Mordechai, jedoch unter der Bedingung, dass Haman zu seinem Sklaven wurde. Seitdem hasste Haman Mordechai noch mehr, und als er zum Vizekönig wurde, war Mordechai die ständige Erinnerung an diese Erniedrigung.

Auch die Umstände, unter denen Haman an die Macht kam, sind hochinteressant. Anfangs war er unter dem Namen Memu-chan ein unbedeutender Berater am Hof des Königs (er wird im Vers 1,14 des Buchs Esther als Letzter unter den königlichen Ratgebern genannt). Jedoch gelang es ihm laut Talmud, die verborgenen Schätze der Könige von Judäa zu finden. So wurde er steinreich. Außerdem konnte er Achaschwerosch davon überzeugen, dass er es war, der den König vor der tödlichen Verschwörung gerettet hatte (2,21). Dank dieser Ereignisse wurde Haman zum Vizekönig.

Viel Glück brachte ihm diese Stellung jedoch nicht. Er hatte eine große Familie (mehr als zehn Kinder), fantastischen Reichtum und unglaubliche Macht im Imperium von Achaschwerosch, verlor jedoch alles, weil er sich mit G’ttes Volk anlegte. Und damit bescherte er den Juden nicht nur ein schönes Fest, sondern auch fröhliche und ausgelassene Purimspiele.

Schlüsse Aus dieser Geschichte können wir auch etwas für uns lernen. Oft sehen wir große oder kleine Geschehnisse in unserem Leben oder in der Weltgeschichte. Auch wenn es uns scheint, dass wir alles nachvollziehen und richtig einordnen können, ist es meistens nicht der Fall. Wir kennen die Hintergründe nicht, kennen weder die Gedanken noch die Absichten der Protagonisten.

Deshalb müssen wir versuchen, keine schnellen Schlüsse zu ziehen und nicht über unsere Mitmenschen zu urteilen – damit wir später, wenn wir in ein paar Jahren das ganze Bild sehen, das Gesagte oder das Getane nicht bereuen müssen.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinden zu Halle und Dessau und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

Talmudisches

Von Umgang mit Zitaten

Was die Nennung des Urhebers mit Erlösung zu tun hat

von Yizhak Ahren  02.07.2020

Chukkat-Balak

Die Welt verbessern

Was die Asche der Roten Kuh mit der Sünde vom Goldenen Kalb zu tun hat

von Rabbiner Jehoschua Ahrens  02.07.2020

Gebet

»Lauter reden als die Vögel«

Rabbinerin Gesa Ederberg über Outdoor-Minjanim im Hof ihrer Synagoge in Berlin

von Ayala Goldmann  02.07.2020

Corona-Krise

Habt Geduld!

Tun wir genug für die Menschen in unseren Gemeinden? Selbstkritische Betrachtungen eines Rabbiners

von Rabbiner Boris Ronis  02.07.2020

Berlin

Neues Stipendienprogramm für junge Israelis

»Beck Berlin« wird vom ELES und der Beck’schen Stiftung verantwortet

 01.07.2020

Medien

Israel entzieht evangelikalem Sender die Lizenz

Zwei Monate nach Sendebeginn droht »God TV« in Israel das Aus

 29.06.2020

Freiburg

Streit um Denkmal für antisemitischen Publizisten Alban Stolz

Die Denkmalschutzbehörde lehnt den Antrag auf Abbau jedoch aus formalen Gründen ab

 26.06.2020

Köln

Nachdruck der »Hagadah« von Isaac Offenbach

Anlass für die Publikation ist das Festjahr 2021 zu »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«

von Leticia Witte  26.06.2020

Interview

»Jüdisches Leben in Thüringen gehört zum Alltag«

Landesrabbiner Alexander Nachama über die neue Synagoge in den Waldkliniken von Eisenberg

 26.06.2020