Talmudisches

Haschems Kinder

Rabbi Jehuda: »Wenn die Israeliten sich wie Söhne verhalten und sich an Gʼtt halten, werden sie Söhne genannt.« Foto: Getty Images

Talmudisches

Haschems Kinder

Die Weisen der Antike entschieden immer nach Rabbi Jehuda – mit einer Ausnahme

von Rabbiner Avraham Radbil  15.02.2024 11:04 Uhr

Im Traktat Eruvin 46b stellt der Talmud eine Regel auf: Wenn es eine Meinungsverschiedenheit zwischen Rabbi Meir und Rabbi Jehuda gibt, geht die Halacha immer nach der Meinung von Rabbi Jehuda.

Es gibt jedoch eine Ausnahme. In Kidduschin 36a wird die Bedeutung des folgenden Tora-Verses diskutiert: »Ihr seid Söhne von Haschem, eurem Gʼtt« (5. Buch Mose 14,1). Die Gemara sagt: Dieser Vers ist notwendig für das, was in einer Baraita gelehrt wird, nämlich dass der Vers darauf hinweist, dass, wenn die Israeliten sich wie Söhne verhalten und sich an Gʼtt halten, sie Söhne genannt werden – wenn sie sich aber nicht wie Söhne verhalten, werden sie nicht Söhne genannt. Dies ist die Aussage von Rabbi Jehuda.

Um seine Meinung zu belegen, zitiert Rabbi Meir vier Verse aus dem Tanach

Rabbi Meir hingegen sagt: Wie auch immer sie sich verhalten, auch wenn sie schlimme Sünden begehen, werden sie immer Söhne genannt. Um seine Meinung zu belegen, zitiert Rabbi Meir vier Verse aus dem Tanach. Laut einigen Kommentatoren ist diese Beweisführung der Grund dafür, warum die Halacha in diesem Fall ausnahmsweise nach Rabbi Meir geht.
Israels ehemaliger sefardischer Oberrabbiner Ovadia Josef (1920–2013) schreibt in seinem Werk Anaf Eitz Avot, abgeleitet von einer Gemara (Bava Batra 10a), auch Rabbi Akiva würde die Ansicht von Rabbi Meir widerspiegeln, dass wir zu allen Zeiten »Kinder Haschems« genannt werden.

Die Gemara dort schildert ein Gespräch zwischen dem römischen Kaiser Turnus Rufus und Rabbi Akiva. Der Kaiser fragt: »Wenn euer Gʼtt die Armen liebt, weshalb ernährt er sie dann nicht?« Rabbi Akiva erwidert: »Damit wir dadurch vom Gericht (…) errettet werden.« (Das heißt: Gʼtt schenkt uns Verdienste, indem er uns die Armen unterstützen lässt, und gewährt uns dadurch einen Anteil an der kommenden Welt.)

»Im Gegenteil«, argumentiert der Kaiser, »stell dir vor, ein König würde einen Diener einsperren und anordnen, dass niemand ihn füttern darf. Dann kommt jemand vorbei, widersetzt sich der Anordnung und füttert den Diener. Verdient diese Person nicht eine Strafe?« Weiter sagt der Kaiser: »Die Juden werden ja als Diener bezeichnet, denn es heißt: ›Die Kinder Israels sind Diener von Mir‹ (3. Buch Mose 25,55).« Und er schlussfolgert daraus: »So wie es ein Verbrechen ist, den inhaftierten Diener zu ernähren, so sollte man auch keinen Juden ernähren, dem der Himmel die Nahrung verweigert.«

Darauf kontert Rabbi Akiva mit einem Gleichnis: Man stelle sich vor, der Herrscher sperre statt eines Dieners seinen eigenen Sohn ein und ordne an, niemand solle ihm zu essen geben. Jemand widersetzt sich allerdings dem Befehl und füttert den Jungen. »Würde der König ihm nicht ein Geschenk machen?«, fragt Rabbi Akiva. Er kommt zu dem Schluss: »Und wir werden Söhne genannt, wie es in dem Vers heißt: ›Ihr seid Kinder Haschems, eures Gʼttes‹« (5. Buch Mose 14,1).

Aus Rabbi Akivas Sicht ist das jüdische Volk ein Sohn, kein Diener

Rabbi Akivas Standpunkt ist, dass, anders als Turnus Rufus argumentiert, das jüdische Volk ein Sohn ist, kein Diener, und daher wird der König sicherlich wollen, dass es ernährt und versorgt wird. Auf dieses Argument antwortete der Kaiser: »Wenn das jüdische Volk Gʼttes Willen erfüllt, werden sie Söhne genannt – wenn nicht, werden sie Diener genannt.«
Rabbi Akiva gab Turnus Rufus eine letzte Antwort, ging jedoch nicht auf dessen letzte Behauptung ein. Rabbi Ovadia Josef schreibt, dies sei darauf zurückzuführen, dass Rabbi Akiva nicht damit einverstanden ist. Vielmehr ist er der Meinung von Rabbi Meir, dass wir zu jeder Zeit »Kinder von Haschem« genannt werden, unabhängig davon, ob wir Seinen Willen erfüllen oder nicht.

Rabbi Ovadia Josef kommt zu dem Schluss: »Demnach können wir verstehen, warum wir zugunsten von Rabbi Meir entscheiden. Denn wir haben eine Regel, die in derselben Gemara (Eruvin 46b) zitiert wird und besagt, dass immer dann, wenn es eine Meinungsverschiedenheit zwischen Rabbi Akiva und seinen Kollegen gibt, die Halacha immer der Meinung von Rabbi Akiva folgt. Obwohl wir also im Allgemeinen nicht wie Rabbi Meir entscheiden, entscheiden wir immer wie Rabbi Akiva.«

»Außerdem«, schreibt Rabbi Ovadia, »wissen wir, dass (wenn es einen Streit zwischen) einem Individuum und einer Mehrheit gibt, die Halacha mit der Mehrheit übereinstimmt (Berachot 37a). Da Rabbi Jehuda allein ist und Rabbi Meir zusammen mit Rabbi Akiva zu zweit ist, bilden sie eine Mehrheit. Also müssen wir der Mehrheit nach entscheiden.«

Talmudisches

Jüdische Longevity

Was unsere Weisen über gutes Altern lehrten

von Detlef David Kauschke  15.05.2026

Bamidbar

Die Kraft der Stämme Israels

Das jüdische Volk strebt dem Frieden nach – ist dafür aber auch bereit zu kämpfen

von Yonatan Amrani  15.05.2026

Interview

»Musik ist die Sprache, die die Seele versteht«

Jüdische Melodien begleiten Rabbiner Daniel Fabian schon sein Leben lang. Heute helfen sie ihm, das Judentum erfahrbar zu machen

von Mascha Malburg  15.05.2026

Meinung

Orden für den Botschafter: Wie Leo XIV. Irans Regime aufwertet

Mit seinem Orden für den iranischen Botschafter beim Heiligen Stuhl verpasst der Papst den Menschen im Iran symbolisch einen Tritt in die Magengrube

von Michael Thaidigsmann  13.05.2026

Meinung

Wer definiert das Judentum?

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland verleiht dem messianischen Rabbiner Mark S. Kinzer die Ehrendoktorwürde. Das belastet das jüdische Verhältnis zu einem katholischen Partner

von Zsolt Balkanyi-Guery  12.05.2026

Israel

In Deboras Fußstapfen

Seit 2018 versuchen Frauen, an den Halacha-Prüfungen des Oberrabbinats teilzunehmen. Nun ist es ihnen gelungen

von Sophie Goldblum  08.05.2026

Talmudisches

Die Zahl 80

Was unsere Weisen über die wahre Stärke im Alter lehren

von Avi Frenkel  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026