Talmudisches

Größe und Demut

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Oft ist es üblich, beim G’ttesdienst am Ende des Schabbats folgende Talmud-Passage zu zitieren: »Rabbi Jochanan sagte: ›Wo immer du die Größe des Heiligen, gesegnet sei Er, findest, dort wirst du auch Seine Demut finden. Das steht in der Tora geschrieben, wird in den Propheten wiederholt und steht ein drittes Mal in den Schriften‹« (Megilla 31a).

Den ersten Satz kann man leicht missverstehen. Wie der Maharscha, Rabbiner Schmuel Elieser Eidels (1555–1631), anmerkt, stehen die zwei genannten Eigenschaften G’ttes im Tanach nicht immer nebeneinander. Worauf Rabbi Jochanan hinwies, ist die Tatsache, dass in allen Teilen der Bibel mit der Erhabenheit G’ttes zugleich dessen Demut bekundet ist.

Um seine These zu beweisen, führte Rabbi Jochanan drei Stellen an: »Denn der Ewige, euer G’tt, ist der G’tt über alle Mächte und der Herr der Herren, der große, mächtige und ehrfurchterregende G’tt, der niemanden begünstigt und keine Bestechung annimmt« (5. Buch Mose 10,17). Gleich darauf steht: »Er verschafft Recht den Witwen und den Waisen, liebt den Fremden und gibt ihm Nahrung und Kleidung.« In den Propheten heißt es dann: »Ich throne an einem hohen und heiligen Ort, aber auch mit den Bedrückten und Demütigen, um den Geist der Demütigen wiederzubeleben und das Herz der Bedrückten wiederzubeleben« (Jeschajahu 57,15). Und in den Schriften: »Singet für G’tt, musiziert Seinem Namen. Verherrlicht Ihn, Der die Wolken reitet, der Ewige ist Sein Name, und jauchzt vor Ihm« (Tehillim 68,5). Und im folgenden Vers heißt es: »Vater der Waisen und Richter der Witwen ist Gott in Seiner heiligen Stätte.«

G’ttes Demut kommt in Seiner Hilfe für die Schwachen zum Ausdruck

G’ttes Demut kommt in Seiner Hilfe für die Schwachen in der Gesellschaft zum Ausdruck. Warum es wichtig ist zu wissen, dass G’ttes Erhabenheit und Güte eine Einheit bilden, erklärt Rabbi Jonathan Sacks (1948–2020): »Der Talmud fordert uns auf, von G’tt zu lernen, dass Größe Demut ist und Demut Größe. Der Schöpfer von allem sorgt für alle. Die Macht der Mächte sorgt für die Machtlosen. Je tiefer unser Mitgefühl, desto höher stehen wir.«

Den Zusammenhang von Größe und Demut beleuchtete Rabbi Eleazar Ben Jose haGelili im Talmud-Traktat Chulin (89a): »Nicht weil ihr zahlreicher seid als alle Völker, hat G’tt an euch Wohlgefallen gefunden und euch erwählt« (5. Buch Mose 7,7). Rabbi Eleazar lehrte: »Der Heilige, gepriesen sei Er, sprach zu Israel: Ich habe Wohlgefallen an euch, denn selbst wenn Ich euch Größe angedeihen lasse, geringschätzt ihr euch vor Mir. Ich verlieh Awraham Größe, und er sprach vor Mir: ›Ich bin Erde und Asche‹ (1. Buch Mose 18,27). Mosche und Aharon sagten: ›Wir sind nichts‹ (2. Buch Mose 16, 7–8). Und David sprach: ›Ich bin ein Wurm und kein Mensch‹« (Tehillim 22,7).

Von Awraham, Mosche, Aharon und David können wir lernen, dass sich sogar Führungspersönlichkeiten vor Stolz hüten sollten. Rabbi Eleazar nannte auch Gegenbeispiele aus der nichtjüdischen Welt: »Ich verlieh Nimrod Größe, und er sprach: ›Wohlan, wir wollen uns eine Stadt bauen‹ (1. Buch Mose 11,4). Dem Pharao, und er sprach: ›Wer ist der Ewige?‹ (2. Buch Mose 5,2). Sancheriv, und er sprach: ›Wer ist da unter allen Göttern der Länder, die ihr Land vor meiner Hand gerettet, dass der Ewige Jerusalem vor meiner Hand retten sollte?‹ (Könige II 18,35). Nevuchadnezar, und er sprach: ›Ich steige auf der Wolken Höhen und setze mich dem Höchsten gleich‹ (Jeschajahu 14,14). Chiram, dem König von Zor, und er sprach: ›Einen Göttersitz bewohne ich‹« (Jecheskel 28,2).

All diese Beispiele zeigen uns, wohin fehlende Demut führen kann. Warum aber zitiert man Rabbi Jochanan mancherorten ausgerechnet zum Ausgang des Schabbats? Die Antwort auf diese Frage lieferte Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888). Er betonte, dass Rabbi Jocha­nan eine Wahrheit lehrte, die das jüdische Bewusstsein in jedem Atemzug begleiten sollte. Der Moment unseres Übergangs in die routinemäßigen Aktivitäten in der Woche ist jedoch besonders geeignet, um an unsere Pflicht zu erinnern, in Nachahmung G’ttes für die Bedürftigen zu sorgen und ihnen zu helfen.

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