Dialog

»Gemeinsam können wir stärker sein«

»Zusammen auftreten«: Arie Folger, Oberrabbiner in Wien Foto: pr

Dialog

»Gemeinsam können wir stärker sein«

Der Wiener Oberrabbiner bedankt sich für Benedikts Schreiben – und greift erneut das Thema Substitutionstheorie auf

von Rabbiner Arie Folger  08.10.2018 19:54 Uhr

Hohe Eminenz, ich danke Ihnen für Ihren Brief vom 23. August 2018. Zuallererst möchte ich mein volles Einverständnis mit Ihrem dritten Punkt äußern. Ja, Juden und Katholiken sind in dieser Zeit insbesondere aufgerufen, sich zusammen für den Erhalt der moralischen Standards im Westen einzusetzen.

Der Westen wird immer säkularer – während eine wachsende Minderheit ihre Religion und religiöse Pflichten wieder ernst nimmt –, und die Mehrheit wird zuletzt zunehmend intolerant gegenüber Religion, religiösen Menschen und religiöser Praxis. Da können und sollen wir öfter zusammen auftreten. Gemeinsam können wir viel stärker sein, als vereinzelt. (...)

israel Ihren zweiten Punkt betrachte ich als wichtiges Thema für den jüdisch-christlichen Dialog. Wie wir zwischen den Zeilen in unserem Dokument Zwischen Jerusalem und Rom schrieben, verstehen wir, dass es der Kirche wesentlich leichter fiel, diplomatische Beziehungen mit einem säkularen Staat Israel aufzunehmen. Und ja, es scheint leichter, Kompromisse zugunsten der Palästinenser zu treffen, wenn der Staat sich säkular versteht.

Aber Sie schrei­ben selbst, dass auch ein säkularer Staat nicht vom Segen G’ttes ausgeschlossen ist, und dass er den ewigen Bund mit dem jüdischen Volk bestätigt. Damit ist die Distanz zwischen unseren jeweiligen Positionen sicher kleiner geworden. Hier möchte ich betonen, dass das Gebilde des demokratischen Staates Israels zwar ein weltliches säkulares Gebilde ist, aber dass es allerwenigstens für die massive Rückkehr von Juden aus der ganzen Welt nach Zion religiös nicht unbedeutend sein kann. (...)

Mysterium Gestatten Sie mir bitte, ein Thema Ihres Artikels in »Communio« wiederaufzunehmen, nämlich den ungekündigten Bund. Wie ich in meinem Beitrag in der Jüdischen Allgemeinen schrieb, habe ich volles Verständnis dafür, dass Christen den Pfeilern ihres Glaubens treu bleiben wollen. Deshalb nannte die Päpstliche Kommission für die religiösen Beziehungen mit den Juden diesen ungekündigten Bund ein Mysterium.

In Ihrem Artikel versuchen Sie, sich mit dem Spannungsfeld dieses Mysteriums auseinanderzusetzen. Hier möchte ich – nicht überaschenderweise – betonen, wie wichtig die These des ungekündigten Bundes für die Bekämpfung des Antisemitismus ist. In vergangenen Jahrhunderten haben manche Christen viel Leid, das Juden angetan wurde, eben mit der These des doch gekündigten Bundes gerechtfertigt.

Ich würde es mir nicht anmaßen, von einer anderen Glaubensgemeinschaft zu verlangen, ihre Doktrinen so oder anders zu interpretieren. Wegen des realen Leids, das aber in der Vergangenheit aus diesem Grund Juden durch Christen angetan wurde, muss ich hier eine Ausnahme machen und eben darum bitten, diese gegenübergestellte These, die nun in der Kirche hochgehalten wird, nämlich die des ungekündigten Bundes – eine These, die ja aus Ihrer Sichtweise nie anders gewesen sein durfte –, zu stärken.

Verbrechen In »Communio« argumentieren Sie, dass die Kirche nie an eine Substitutionstheorie geglaubt hat. Als emeritierter höchster Vertreter der katholischen Kirche dürfen Sie so argumentieren. Es hat sogar eine große Bedeutung, die historisch teilweise neuen Absichten tief in der Vergangenheit und in den ältesten Lehren zu verankern. Dabei gilt aber, die Verbrechen der Vergangenheit, auch wenn sie nun als christlich untreu eingestuft werden, die aber von Christen im Namen des Christentums begangen wurden, nicht zu vergessen. (...)

Was nicht sein darf, ist, die Geschichte zu vergessen und zu behaupten, dass alles eigentlich doch immer gut gewesen sei, weil die Täter angeblich theologisch falschlagen. Ich maße es mir nicht an, zu behaupten, Sie würden die Geschichte vertuschen wollen, nein, G’tt behüte! Aber es würde uns Juden viel bedeuten, zusammen mit Ihrer These, dass die Kirche nie eine Substitution des jüdischen Volkes beanspruchen durfte, auch anerkannt zu sehen, dass in bestimmten Zeiten viele Christen dennoch an einer Substitutionstheorie – also gegen die reine Lehre der Kirche – festhielten und unzähliges Leid damit rechtfertigten. (...)

Dewarim

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