Mischkan

Geduld üben

Zwangspause: Im Stau kann man das Warten lernen. Foto: dpa

Der Midrasch zu unserem Wochenabschnitt erlaubt uns einen interessanten Einblick in die Geschehnisse beim Bau des Mischkans, des Stiftszelts in der Wüste – vor allem, was die Einstellung einiger beteiligter Männer betrifft. Wir lesen: Während Mosche mit diesem großartigen Projekt beschäftigt war, sagten die Hitzköpfe um ihn herum: Kann es wirklich sein, dass die Schechina, die g’ttliche Präsenz, durch den Sohn von Amram (Mosche) hinabkommen wird?

Darauf sagte Rabbi Jochanan, dass Mosche sechs Monate mit dem Aufbau beschäftigt gewesen sei: drei Monate mit dem eigentlichen Aufbau, und drei weitere Monate stand der Mischkan einfach zugedeckt da. Das Gespött über Mosche nahm kein Ende: Der Bau sei doch längst beendet – hat Mosche nicht gesagt, die Schechina würde sich nun hinabsenken? Die Menschen spotteten: Mosche wisse wohl selbst, dass die Schechina nicht kommen werde, deshalb habe er das Stiftszelt zugedeckt. Er habe mit dem Bau nur Zeit verschwendet.

Aber genauso wollte es G’tt, sagt Rabbi Jochanan: G’tt wollte unbedingt drei Monate warten – damit der Mischkan in dem Monat aufgestellt wird, in dem Jizchak, unser Urvater, geboren wurde, im Monat Nissan. Da waren all die Hitzköpfe still.

Fragen Dieser auf den ersten Blick seltsame Midrasch wirft Fragen auf: Wenn es unbedingt im Monat Nissan geschehen sollte, warum hat G’tt, der Allwissende, die Aufgabe nicht drei Monate vor der Fertigstellung erteilt? Wozu gab er Mosche sechs Monate dafür?

Der Grund für die lange Wartezeit ist der Nissan selbst. In diesem Monat gab es durchaus wichtige Ereignisse und Wunder, so zum Beispiel den Exodus, die Spaltung des Meeres oder die Geburt des jüdischen Volkes. Aber es wird uns ein völlig anderer Grund genannt, warum bis zum Nissan gewartet wurde: der Geburtstag Jizchaks. Warum nicht Awrahams oder Mosches Geburtstag oder ein ganz anderes Ereignis?

Der Mischkan sollte uns die größte Sünde vergeben, die in der Wüste bis dahin begangen worden war: die Sünde des Goldenen Kalbs. Es ist der dunkelste Fleck in unserer Geschichte, so kurz, nachdem G’tt uns die Tora gegeben hatte. Ein Aspekt war bei dieser Sünde ausschlaggebend, nämlich die Tatsache, dass die Menschen in Panik gerieten, als Mosche nicht rechtzeitig vom Berg Sinai zurückkam. Sie nahmen sich nicht die Zeit, besonnen eine Entscheidung zu fällen, sondern lösten vorschnell eine Krise aus.

Weitblick Das Volk Israel stand damals unter großem Druck und konnte ihn nicht aushalten. Es gibt Menschen, die in solchen Situationen trotz allem besonnen bleiben und richtig handeln. Diese Menschen besitzen kein besonderes Talent, sie sind auch keine Supermänner, doch sie scheinen in der Lage zu sein, weiter zu funktionieren. Sie haben einen gewissen Weitblick und spüren, dass alles, was geschieht, normal ist. Der Hitzkopf hingegen denkt nicht lange nach: Wenn er in Panik gerät, trifft er oft unbedachte Entscheidungen. Hätten wir damals die Fähigkeit besessen, besonnen und ausgewogen zu handeln, wäre es sicherlich nicht zu der Krise gekommen.

Doch es gibt noch einen weiteren Grund dafür, dass manche Menschen, auch wenn sie unter Druck sind, normal reagieren können: Sie verlieren das Gesamtbild nicht aus den Augen, sie verschmelzen nahezu mit der zu erfüllenden Aufgabe. Die anderen sehen hingegen nur sich selbst, wie auf einer Bühne, das grelle Licht nur auf sie gerichtet, alles dreht sich um sie. Dabei geht jedoch das Gesamtbild verloren. Der Unterschied zwischen beiden ist folgender: Während der Besonnene alles objektiv betrachtet, erscheint dem Hitzkopf das Geschehen nur aus der persönlichen Perspektive, er ist vor allem besorgt um sich selbst.

panik Der Mischkan sollte uns die Sünde des Goldenen Kalbs vergeben. Eine Vergebung ist nur dann sinnvoll, wenn der Sünder sich genau in diesem Aspekt verbessert. Als das Volk Israel das goldene Kalb errichtete, hatte es Angst und war in Panik geraten. Hätten sie damals einfach gesagt: Es ist jetzt kein guter Moment zu entscheiden, wir sind zu erschöpft und aufgeregt, um eine überlegte Entscheidung zu treffen, lasst uns bis morgen warten, dann wäre Mosche längst zurück gewesen vom Berg. Ein wenig Geduld hätte also ausgereicht.

Und der Mischkan, er war schon fertig, aber der Allmächtige wollte unsere Geduld erneut auf die Probe stellen: Nur weil der Bau fertig war, musste es nicht sofort losgehen. Die Situation war ähnlich wie die, die zum Bau des Goldenen Kalbs geführt hatte, und genau deshalb war es eine Chance, sich darin zu verbessern.

Die Menschen in der Wüste fühlten sich verloren, sie hatten das große Bild, ihre große Mission aus den Augen verloren. Das Volk Israel war mit g’ttlicher Hand aus Ägypten geführt worden – doch mit Sicherheit nicht, um dort Götzendienst zu betreiben. Hätten sie nicht vergessen, dass sie nur deshalb befreit wurden, dass sie dem einzig wahren G’tt dienen, hätten sie auch unter solchem Druck richtig gehandelt.

Es fehlte ihnen die Fähigkeit zur Selbstaufopferung, zur Hingabe. Das große Licht war nicht nur auf uns gerichtet. Nicht alles drehte sich nur um uns, sondern es ging um Klal Israel als Ganzes. Das hatten wir aus den Augen verloren.

Hingabe Opfergaben sind der zentrale Zweck des Mischkans. Genau aus diesem Grund entscheidet G’tt, den Mischkan im Monat Nissan aufzustellen. Er tut es nicht wegen der großen Wunder, sondern wegen dieser einen historischen Figur, die uns mehr über Selbstaufopferung gelehrt hat als irgendjemand zuvor: Unser Vorvater Jizchak opferte sich ganz und gar für G’tt auf. Das Volk Israel musste diese Lektion lernen.

Es gibt immer Druck im Leben, Krisen, die durchgestanden werden müssen. Menschen machen Pläne, haben Vorstellungen davon, wie ihre Familie aussehen soll, ob sie eine bestimmte Arbeit oder Wohnung finden werden. Mit der Realität konfrontiert zu werden, ist nicht immer einfach.

Unsere Ziele sind in jedem Fall leichter zu erreichen, wenn wir Folgendes beachten: Erstens, bloß keine Panik! Wir sollten stets versuchen, mit Geduld zu handeln, und verstehen, dass G’tt uns immer leitet. Und zweitens sollten wir an unsere Mission als Klal Israel denken. Wir müssen unseren Lebensweg als Ganzes betrachten und dürfen uns nicht durch punktuelle Schwierigkeiten vom richtigen Weg abbringen lassen. Mit der richtigen Einstellung bauen wir den Mischkan. Mit der falschen verfallen wir in die Sünde des Goldenen Kalbs.

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Pekudej ist der letzte im Buch Schemot. Er berichtet von der Berechnung der Stoffe, die für das Stiftszelt verarbeitet werden, und wiederholt die Anweisungen, wie die Priesterkleidung anzufertigen ist. Die Arbeiten am Mischkan werden vollendet. Danach werden die Priester und Teile des Stiftszelts gesalbt. Als dies alles vollendet ist, erscheint über dem Heiligtum eine »Wolke des Ewigen«. Sie zeigt dem V0lk die Gegenwart des Ewigen und wird ein Zeichen sein, wann es aufbrechen und weiterziehen soll.
2. Buch Mose 38,21 – 40,38

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