Wajera

Gebot der Zurückhaltung

Im südlichen Teil des Toten Meeres: der Berg Sodom Foto: Flash 90

Der Wochenabschnitt Wajera setzt die Erzählung über das Leben unseres Vorvaters Awraham fort. Es gibt in dieser Erzählung sehr spannende und wegweisende Ereignisse: die Zerstörung von Sodom, die Geburt unseres Vorvaters Jizchak und die Akeda, die Bindung Jizchaks, Awrahams zehnte Prüfung.

Jedoch gibt es in dieser Erzählung mehrere »Nebendarsteller« wie Saras Magd Hagar, ihren Sohn Jischmael und Awrahams Neffen Lot. Auch wenn Lot nur ganz kurz im Mittelpunkt der Geschehnisse steht, ist es interessant, sein Leben etwas näher zu beleuchten. Denn alle Protagonisten, die in der Tora erwähnt sind, haben ihre Besonderheiten, und von jedem müssen wir auch für uns etwas lernen.

INITIATIVE Lot treffen wir nicht nur in unserem Wochenabschnitt, er wird schon in der vorherigen Parascha »Lech Lecha« mehrmals erwähnt. Insgesamt erscheint er in beiden Paraschijot zehnmal, was reichlich Stoff zur Betrachtung seines Charakters liefert, aber auch immer wieder Fragen aufwirft.

Vor einer Woche erzählte uns die Tora, wie Awraham sein Haus verlassen musste. Dabei nahm er außer seiner Frau auch Lot mit, den Sohn des verstorbenen Bruders. Es stellt sich die Frage, ob es Awrahams Initiative war oder Lot selbst seinen Onkel gebeten hat, ihn mitzunehmen.

Diese Frage ist nicht uninteressant. Denn Wanderungen waren damals ziemlich an­strengend, besonders wenn man, wie Awraham, kein klares Ziel vor Augen hatte. Deshalb musste entweder Lot oder Awraham gute Gründe haben, um Lots Teilnahme zu beschließen. Wenn man jedoch die Verse anschaut, sieht es so aus, als ob es doch die Entscheidung von Awraham war.

kanaan Im Land Kanaan, wohin Awraham mit seiner Gruppe gekommen war, bricht eine Hungersnot aus, und Awraham ist gezwungen, nach Ägypten zu gehen. Merkwürdigerweise wird Lot während des gesamten Aufenthalts in Ägypten mit keinem Wort erwähnt. Erst als Awraham nach dem glücklichen Ende Ägypten mit Sara wieder verlässt, ist auch von Lot die Rede: »Und Awraham zog hinauf von Mizrajim, er und seine Frau und alles, was zu ihm gehörte, und Lot mit ihm gen Mittag.«

Nur ein paar Zeilen später lesen wir schon davon, dass sich Awraham und Lot trennen: Nachdem die Hirten von Lot und die Hirten von Awraham in Streit geraten, legt Awraham Lot nahe, das Lager zu verlassen.

Der Grund für den Streit ist wichtig: Nicht nur Awraham wurde in Ägypten reich, sondern auch Lot. Ihre Herden brauchen daher immer größere Flächen. Doch während sich Awrahams Hirten davor hüten, Land zu stehlen, nehmen es Lots Hirten mit fremden Feldern nicht so genau. Und da Lot seine Hirten nicht zurechtweist, sieht Awraham seinen guten Ruf in Gefahr und zieht mit der Trennung die Reißleine.

hirten Doch auch hier stellt sich uns die Frage: Warum verlangt Awraham von Lot nicht, auf seine Hirten einzuwirken, statt ihn wegzuschicken?

Lot darf wählen, wo er wohnen will. Er entscheidet sich dafür, nach Sodom zu gehen – eine schlechte Wahl. Auch wenn es eine sehr reiche Stadt ist, sind die Einwohner der Stadt derart schlechte Menschen, dass es sogar für damalige raue Zeiten überdurchschnittlich war: »Und die Männer von Sodom waren sehr böse und sündhaft gegen G’tt.«

Doch der Reichtum, der Lot dort erwartete, überwog alle moralischen Bedenken. Vielleicht redete sich Lot ein, dass er die Einwohner von Sodom positiv beeinflussen kann, aber er überschätzte sich. Und schon sehr bald dürfte er seine Wahl sehr bereut haben: In einem großen Krieg wurde Sodom besiegt, und man nahm Lot und seine Familie gefangen. Doch ist es in diesem Fall gut ausgegangen: Awraham erfuhr von Lots Gefangenschaft, griff die Könige an und befreite seinen Neffen.

ZEICHEN Eigentlich sollte dieser Vorfall für Lot ein Zeichen des Himmels sein, dass sein Umzug nach Sodom keine gute Idee gewesen ist. Aber er wollte wohl keine Zeichen sehen, das Leben in Sodom war zu lukrativ für ihn. Doch sollte sich dies bitter rächen.

Als die Sünden von Sodom jedes Maß überschritten hatten, entschied G’tt, die Stadt zu zerstören. Dafür sandte Er zwei Engel, die sich als einfache Reisende ausgaben, in die Stadt. In Sodom war es verboten, Gästen zu helfen und sie zu beherbergen – man wollte eine Sogwirkung vermeiden. Doch wagte es Lot, diese Engel, die er für Menschen hielt, aufzunehmen.

Die aufgebrachten Bewohner Sodoms versammelten sich daraufhin vor Lots Haus, um diese Frechheit zu bestrafen. Dabei macht Lot den nächsten Fehler: Um seine Gäste vor Vergewaltigung zu schützen, ist er bereit, seine Töchter dem Mob auszuliefern!

Auch diesmal wird Lot aus der zerstörten Stadt gerettet und landet mit zweien seiner Töchter in einer Höhle. Seine beiden anderen, verheirateten Töchter mit ihren Ehemännern konnte er nicht retten. Sie hatten ihm nicht geglaubt, dass Sodom vernichtet wird, und waren in der Stadt geblieben.

Doch auch nach der Rettung gibt es kein Happy End für Lot. Da seine Töchter sich sicher sind, dass die ganze Welt zerstört ist, beschließen sie, heimlich von ihrem Vater Kinder zu bekommen, um den Fortbestand der Menschheit zu gewährleisten. Seltsamerweise entscheiden und organisieren die Töchter dies alles, ohne ihren Vater irgendwie einzubeziehen.

EINFLUSS Wenn man alle diese Episoden mit Lot betrachtet, kann man über ihn Folgendes schlussfolgern: Lot war ein Mensch, der keinen Einfluss auf andere hatte. Seine Hirten hören nicht auf ihn, seine Schwiegersöhne nehmen ihn nicht ernst, und sogar seine eigenen Töchter halten es nicht für nötig, ihren Vater in wichtige Entscheidungen einzubeziehen. Und wenn Lot selbst aktiv etwas unternimmt, bringt es immer Ärger, so wie die Ansiedlung in Sodom, das Einladen von Gästen oder der Vorschlag, den Männern von Sodom statt der Gäste seine Töchter zu geben.

Warum wurde Lot aus Sodom gerettet und ging nicht mit den anderen Bewohnern unter? Man würde vermuten, dass es die Gastfreundschaft war, die er in Sodom sogar unter Lebensgefahr praktiziert hat. Jedoch sagen unsere Weisen, dies sei nicht der Fall.

Sein Verdienst, das ihn gerettet hat, lag viele Jahre zurück, als er mit Awraham in Ägypten war und er in der Erzählung gar nicht erwähnt wurde. Damals bestand die Gefahr, dass ägyptische Männer die schöne Sara gewaltsam nehmen und ihren Ehemann Awraham töten würden. Awraham gab sich deshalb als Saras Bruder aus und wurde vom Pharao dafür mit großem Reichtum belohnt.

reichtum Lot, der der wirkliche Bruder von Sara war, sah dies alles – und schwieg. Wenn wir uns erinnern, wie sehr Lot den Reichtum liebte, muss dies für ihn eine unglaubliche Herausforderung gewesen sein: Er hätte nur ein Wort sagen müssen und wäre ein sehr reicher Mann geworden! Doch konnte er sich zurückhalten – und dieses Schweigen hat ihn später in Sodom gerettet. Dieses Schweigen, diese Untätigkeit waren das einzig Richtige, was Lot in seinem Leben unternommen hat!

Daraus können auch wir lernen: Manchmal braucht man keine großen Taten zu vollbringen, um Großes zu erreichen. Manchmal kann die Zurückhaltung (im Essen, im Gespräch, in der Freizeit) viel mehr bewirken und sogar großen Verdienst bringen, der sich später als rettend erweisen wird.

Der Autor ist Rabbiner der jüdischen Gemeinden zu Halle und Dessau und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

INHALT
Der Wochenabschnitt erzählt davon, wie Awraham Besuch von drei g’ttlichen Boten bekommt. Sie teilen ihm mit, dass Sara einen Sohn zur Welt bringen wird. Awraham versucht, den Ewigen von seinem Plan abzubringen, die Städte Sodom und Gomorra zu zerstören. Lot und seine beiden Töchter entgehen der Zerstörung, seine Frau jedoch erstarrt zu einer Salzsäule. Awimelech, der König von Gerar, nimmt Sara zur Frau, nachdem Awraham behauptet hat, sie sei seine Schwester. Dem alten Ehepaar Awraham und Sara wird ein Sohn geboren: Jizchak. Hagar und ihr Sohn Jischmael werden fortgeschickt. Am Ende der Parascha prüft der Ewige Awraham: Er befiehlt ihm, Jizchak zu opfern.
1. Buch Mose 18,1 – 22,24

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