Engel

Fürsprecher ohne Flügel

Gute Engel können uns vor G’tt entlasten. Foto: Thinkstock

Wenn die meisten von uns an Engel denken, stellen sie sich entweder kleine Kinder oder kräftige Männer und hübsche unschuldig aussehende Frauen vor. Manchmal tragen sie eine Waffe oder ein Schwert in der Hand, oder Pfeil und Bogen. Manchmal halten sie ein Musikinstrument, eine Harfe oder ein Horn. Viele erleuchtet ein Heiligenschein um den Kopf. Doch eines haben sie alle gemeinsam: die menschliche Gestalt, die mit Flügeln geschmückt ist. Diese Vorstellung ist kein Wunder. Schließlich sind wir in der westlichen Gesellschaft aufgewachsen, und das sind die Bilder, die uns von Kindheit an geprägt haben. Viele stellen sich auch G’tt als einen alten Mann mit langem weißen Bart vor.

Doch wie ist die jüdische Vorstellung von Engeln? Glaubt man im Judentum überhaupt an Engel? Wenn ja, wie sehen sie aus, und welche Aufgabe haben sie? In der Tat spielen Engel im Judentum eine ausschlaggebende Rolle. Sie werden mehrmals in der Tora, von den Propheten, in den Schriften, aber auch im Talmud und von den späteren Gelehrten erwähnt. Die Frage ist nur, was ist mit diesen Engeln gemeint?

Körperlos Die Antwort auf diese Frage ist nicht eindeutig. Es sind sich aber alle einig, dass Engel keine Körper besitzen, sondern Wesen rein geistigen Ursprungs sind. Wenn die Schrift die Arme, Flügel oder andere körperliche Eigenschaften der Engel beschreibt, darf das auf keinen Fall wörtlich verstanden werden. Denn wie unsere Weisen sagen, spricht die Tora zu uns in unserer Sprache, und wenn sie die Engel so beschreibt, will sie uns nur auf ihre geistigen Eigenschaften hinweisen. Die Tora spricht schließlich auch über die »ausgestreckte Hand G’ttes« und schreibt G’tt andere menschliche Eigenschaften zu.

Dieses wörtlich zu nehmen, würde aber gegen eines der 13 Grundprinzipien unseres Glaubens, die von Maimonides verfasst wurden, verstoßen. Denn der Rambam schreibt klar und deutlich, dass G’tt keine Gestalt besitzt und auch nicht in Form einer Gestalt dargestellt oder vorgestellt werden darf. Dies gilt auch für seine Gesandten, die Engel.

Jeder Engel hat nur eine bestimmte Aufgabe, für die ihn der Allmächtige geschickt hat. Daher kommt auch die hebräische Bezeichnung für Engel, »Malach«, was mit »Gesandter« übersetzt wird. Also sind Engel rein geistige Wesen, die eine Aufgabe zu erfüllen haben. Daraus folgt, dass die Vorstellung von Engeln als menschliche Gestalten mit Flügeln dem Judentum völlig fremd ist.

Gehorsam Was mit der jüdischen Vorstellung von Engeln auch nicht vereinbar ist, ist die Idee, dass ein Engel gegen G’tt rebellieren kann. Denn jeder Engel muss seine bestimmte Aufgabe erfüllen. Sich zu verweigern ist für einen Engel unmöglich, da er gar keinen freien Willen besitzt. Der freie Wille ist ein Privileg, das ausschließlich dem Menschen geschenkt wurde.

Genau wie ein Menschenname das Wesen seines Trägers repräsentiert, zeigen die Namen der Engel ihre Aufgabe in dieser Welt. So soll der Engel Rafael Genesung bringen (Refua bedeutet »Heilung« auf Hebräisch). Die Engel Gawriel und Michael dagegen repräsentieren Bestrafung und die Gnade des Allmächtigen (Gevura heißt »Stärke«; Mechila bedeutet »Vergebung«).

Der Rambam schreibt in seinem berühmten Werk Moreh Nevuchim (Wegweiser für die Verwirrten), dass, wo auch immer in der Tora das »Erscheinen« oder »Sprechen« der Engel erwähnt wird, es sich um einen Traum oder eine Vision von Menschen handelt. Diese Einschätzung soll aber auf keinen Fall die Personen, die mit den Engeln gesprochen haben, herabsetzen, denn eine solche Vision setzt ein sehr hohes geistiges Niveau voraus. Dennoch meint der Rambam, da Engel Wesen einer rein geistigen Natur seien, könnten sie in unserer körperlichen Welt weder sprechen noch erscheinen. Um mit ihnen kommunizieren zu können, muss der Mensch sich also in die geistige Welt versetzen.

Gesandte Mit den Malachim, den Gesandten G’ttes oder den Engeln, wie es in unsere Sprache übersetzt wird, können auch die Naturkräfte beziehungsweise die Naturgesetze gemeint sein, denn sie sind quasi die Gesandten G’ttes, durch die Er die Welt regiert. Diese Erklärung kann benutzt werden für die Stellen der Tora, wo ein Engel nicht »spricht« oder »erscheint«.

Von einer sehr praktischen Bedeutung ist die Aussage unserer Weisen, dass jeder Mensch in der Lage ist, Engel zu erschaffen. Jede gute Tat von uns schafft einen guten Engel, der nach unserem Ableben unser Fürsprecher vor dem Richter aller Richter sein wird. Jede schlechte Tat hingegen schafft böse Engel, die später gegen uns aussagen werden. Mögen wir alle in der Lage sein, während unseres Lebens so viele gute Engel wie möglich zu erschaffen, die uns den von uns verdienten Platz in der kommenden Welt zusichern werden.

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