Kedoschim

Frieden unter den Menschen

Im Gegensatz zu vielen anderen Mizwot gilt das Gebot der Nächstenliebe zu jeder Zeit und überall. Foto: Getty Images

Kedoschim

Frieden unter den Menschen

Warum das Gebot der Nächstenliebe ein so wichtiger Grundsatz der Tora ist

von Yizhak Ahren  10.05.2024 09:03 Uhr

Wir Juden sind verpflichtet, nur Gutes übereinander zu erzählen. Nach Maimonides, dem Rambam (1135–1204), erfüllt man mit einem solchen Verhalten die Mizwa »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« (3. Buch Mose 19,18).

Nur Gutes von Glaubensgenossen zu erzählen, ist aber nur eine der vielen Möglichkeiten, das Gebot der Nächstenliebe zu erfüllen. So schreibt der Rambam, dass man diese Mizwa mit einem Krankenbesuch, mit der Teilnahme an einer Beerdigung, mit einem Besuch bei Trauernden sowie mit dem Erfreuen von Braut und Bräutigam ausübt. Er stellt dann folgende Regel auf: »Alle Dinge, die du gern hättest, dass andere sie für dich machen, tue du sie für deinen Genossen, der wie du Tora und Mizwot hält« (Hilchot Evel 14,1).

Es ist bemerkenswert, dass Raschi (1040–1105) in seinem Kommentar zum oben angeführten Vers weder Beispiele bringt noch eine Erläuterung gibt, was mit dieser Mizwa gemeint ist. Vielmehr zitiert er einen Ausspruch aus dem Midrasch Sifra und aus dem Talmud Jeruschalmi (Nedarim 9,4): »Rabbi Akiwa sagt: ›Dies ist ein wichtiger Grundsatz in der Tora.‹« Was sagt diese Feststellung von Rabbi Akiwa?

Schabbtai Ben Joseph Bass (1641–1718) erläutert Raschis Erklärung in seinem Werk Sifte Chachamim: »Er (Rabbi Akiwa) will sagen, dass in dieser Mizwa die ganze Tora enthalten ist. So wie wir im Talmud (Schabbat 31a) lesen: ›Ein Nichtjude kam zu Hillel und sprach zu ihm: Mache mich zum Proselyten unter der Bedingung, dass du mich die ganze Tora lehrst, während ich auf einem Fuße stehe. Hillel sprach zu ihm: Was dir verhasst ist, das tue auch deinem Nächsten nicht! Das ist die ganze Tora, alles andere ist nur Erklärung. Gehe und lerne sie!‹«

»Was dir verhasst ist, das tue auch deinem Nächsten nicht«

Es drängt sich die Frage auf, wie der Tannait Hillel behaupten konnte, dass »Was dir verhasst ist, das tue auch deinem Nächsten nicht« die ganze Tora sei – hier ist doch nur von Geboten zwischen Mensch und Mensch die Rede, nicht aber von den Mizwot zwischen Mensch und Gott, die ebenfalls in der Tora stehen.

Raschi hat in seinem Talmudkommentar (Schabbat 31a) diesen Einwand beantwortet. Er verleiht dem Begriff des »Nächsten« eine überraschende Deutung: »›Verlasse nicht deinen Freund und deines Vaters Freund‹ (Mischle 27,10) – das ist der Ewige. Übertrete nicht Seine Worte! Es ist dir verhasst, dass der Nächste deine Worte nicht beachtet, und deshalb befolge Gottes Worte.« Freilich hat Raschi sofort noch eine zweite Antwort gegeben: Der »Nächste« ist tatsächlich ein Genosse, und der Ausdruck »die ganze Tora« bezieht sich auf die meisten Mizwot.

Der anonyme Verfasser des Sefer Hachinuch (Spanien, 13. Jahrhundert) erläutert, warum das Gebot »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« ein wichtiger Grundsatz in der Tora ist: »Viele Mizwot der Tora hängen davon ab. Denn wer den anderen liebt wie sich selbst, wird dessen Eigentum nicht stehlen, mit dessen Frau keinen Ehebruch begehen, ihn nicht in Geldsachen betrügen oder mit Worten kränken, wird dessen Grenzen nicht versetzen. Ebenso hängen weitere Mizwot davon ab.«

Der Autor des Sefer Hachinuch versucht, in jeder Mizwa einen Grundgedanken zu finden. Über die mutmaßliche Intention des Gebots der Nächstenliebe schreibt er: »Der Grundgedanke dieser Mizwa ist kar, denn so wie man einen anderen behandelt, wird man von ihm behandelt, und dadurch wird Frieden unter den Geschöpfen herrschen.«

Aus den bisherigen Ausführungen können wir den Schluss ziehen, dass das Gebot der Nächstenliebe keine »einfache Mizwa« ist wie beispielsweise das Essen von Mazza an Pessach, das Omer-Zählen oder das Anlegen von Tefillin. Vielmehr ist »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« eine wegweisende Leitlinie, die in allen Lebensbereichen zu beachten ist.

Im Talmud wird so oft auf diese Mizwa Bezug genommen, dass Raschi in seinem Torakommentar nicht alle Fälle anbringen konnte. An dieser Stelle seien drei Beispiele aus dem Talmud referiert.

Was hat die Wahl einer Ehepartnerin mit dem Gebot der Nächstenliebe zu tun?

Was hat die Wahl einer Ehepartnerin mit dem Gebot der Nächstenliebe zu tun? In der Gemara lesen wir: »Rabbi Jehuda sagte im Namen Ravs: Es ist verboten, sich eine Frau anzutrauen, bevor man sie gesehen hat, weil man an ihr etwas Hässliches entdecken könnte – und die Tora sagt: ›Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‹« (Kidduschin 41a). Anzumerken ist, dass Ravs Aussage »Es ist verboten« nach Ansicht der maßgeblichen Rabbiner nicht wörtlich zu nehmen ist; gemeint sei lediglich eine Empfehlung.

Ein zweites Beispiel finden wir im Talmud-Traktat Sanhedrin (84b). Dort wird die Frage erörtert, ob ein Sohn seinen Vater zur Ader lassen darf. Gegen eine solche Handlung spricht, dass eine Verletzung von Vater oder Mutter mit dem Tod bestraft wird. Rav Matna entschied die aufgeworfene Frage aus dem Schriftvers »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«. Nach Raschis Erklärung darf jemand eine Verletzung, die ihm selbst unlieb wäre, auch einem anderen nicht zufügen. Da der Sohn jedoch bereit wäre, die medizinische Prozedur über sich ergehen zu lassen, ist ihm diese Behandlung des Vaters erlaubt.

Das dritte Beispiel zeigt, dass sogar bei der Bestrafung eines schlimmen Sünders das Gebot der Nächstenliebe eine entscheidende Rolle spielt: »Rabbi Nachman sagte im Namen von Rabba Bar Abuha: Die Schrift sagt: ›Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‹ – wähle für ihn einen leichten Tod« (Ketuwot 37b).

Konkret bedeutet das: Die Hinrichtung durch das Schwert, die für bestimmte Vergehen vorgesehen ist, hat in einer solchen Weise zu erfolgen, dass der Verurteilte schnell stirbt und weniger leidet als bei anderen Todesarten.

Im Gegensatz zu vielen anderen Mizwot gilt das Gebot der Nächstenliebe zu jeder Zeit und überall. In der Tora finden wir allerdings einen klar umschriebenen Fall, der die Ausnahme bildet. Der Rambam erwähnt diese Ausnahme als Verbot Nummer 17 in seinem Werk, das die 613 Mizwot der Tora auflistet.

Über einen Verführer zum Götzendienst heißt es jedoch: »Willige ihm nicht ein und höre nicht auf ihn. Auch soll dein Auge ihn nicht schonen, und du darfst nicht Erbarmen und Verschweigen über ihn üben« (5. Buch Mose 13,9). Raschi erklärt: »Liebe ihn nicht! Da es heißt: ›Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‹ – diesen sollst du nicht lieben.« Es leuchtet unmittelbar ein, dass jemand, der die Grundlagen des Judentums zu zerstören sucht, nicht damit rechnen kann, dass man nur Gutes über ihn erzählt.

Der Autor ist emeritierter Professor für Psychologie und lebt in Jerusalem.

inhalt
Der Wochenabschnitt Kedoschim enthält Anweisungen für das gesamte Volk Israel, heilig zu sein in Gedanken, Worten und Taten. Unter anderem werden gefordert: Respekt vor den Eltern, die Einhaltung des Schabbats, Ecken der Felder für Arme übrig zu lassen, nicht zu stehlen, Gerechtigkeit walten zu lassen, keine verbotenen sexuellen Beziehungen einzugehen und mit Maßen und Gewichten ehrlich umzugehen.
3. Buch Mose 19,1 – 20,27

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