Umwelt

Fest verwurzelt

»Wenn selbst alle Winde der Welt kämen und ihn bestürmten, so würden sie ihn nicht von der Stelle bewegen« (Awot 3,22). Foto: Thinkstock

Peter Wohlleben ist Förster und Autor. Sein Buch Das geheime Leben der Bäume führte monatelang die Bestsellerlisten an. Der studierte Forstwirt entwirft darin das »Bild eines bestens durchorganisierten sozialen Systems, in dem zwar einerseits das Recht des Stärkeren gilt, andererseits aber der Schwächere niemals alleingelassen, sondern aufgefangen und mitgetragen wird«, so die Wochenzeitung »Die Zeit«.

Ähnlichkeiten mit dem System unserer Gebote sind da nicht zufällig. Tatsächlich beschreibt Wohlleben, wie Bäume sich austauschen, wie sie mit kranken und alten Nachbarn umgehen, wie sie den Nachwuchs umhegen, ja, auch Gefühle und ein Gedächtnis haben. Im Gegensatz zu uns Menschen kommen sie dabei allerdings ganz ohne Gebote aus.

talmud Ein Baum muss tief und fest in der Erde verwurzelt sein. Das gilt auch für uns Menschen, erklärt der Talmud, der von einem Baum mit wenigen Zweigen und vielen Wurzeln sagt: »Wenn selbst alle Winde der Welt kämen und ihn bestürmten, so würden sie ihn nicht von der Stelle bewegen.« Wir kommen diesem Bild umso näher, je tiefer wir verwurzelt sind in unserer Tradition, in unseren Familien und Gemeinschaften.

Wir sind die Bäume, die unsere Vorfahren gepflanzt haben, sie haben uns die Erde dazu bereitet. Wir sind Teil der ältesten lebenden Kulturkette der Menschheit – trotz aller Anfeindung und Verfolgung. Wir können ernten, was lange vor uns gesät wurde – und wir säen, was lange nach uns geerntet wird. Eine talmudische Geschichte erzählt von einem jüngeren Mann, der einem älteren beim Pflanzen zuschaut und ihn fragt, ob es nicht ein etwas unkluges Unterfangen sei, einen Baum zu pflanzen, dessen Früchte er nie wird essen können. Der Alte erwidert: So wie für mich gepflanzt wurde, so pflanze ich für spätere Geschlechter.

Diese alte Geschichte verdeutlicht das, was heute unter »Nachhaltigkeit« verstanden wird. Nachhaltigkeit bleibt aber eben nur ein Schlagwort, wenn es nicht emotional wahrgenommen und verinnerlicht wird – wie andere Schlagworte auch, etwa Freiheit. Um unsere Freiheit schätzen und bewahren zu können, müssen wir sie emotional verinnerlichen. Genau das geschieht durch unsere Rituale zu Pessach seit Hunderten von Generationen. Und genau das können auch Rituale zu Tu Bischwat für die Nachhaltigkeit erreichen.

generation Wir können uns aber immerhin dafür selbst auf die Schulter klopfen, gerade die Generation zu sein, welche die alten Wurzeln eines Festes der Bäume freilegt und sie in neue Ritualerde pflanzt für künftige Generationen. Wir nutzen die wunderbare Möglichkeit, unser Judentum für nachhaltiges Umweltbewusstsein einzusetzen. Die Tora, die selbst als »Etz Chajim« bezeichnet wird, also »Baum des Lebens«, schreibt uns schon von Beginn an einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur vor.

Ja, die Tora ist ein Baum des Lebens, und der Baum ist dem Menschen ein Vorbild, wie im 5. Buch Mose (201,19) steht: »Der Mensch ist wie ein Baum auf dem Feld.« Auch an anderen Stellen unserer Schriften wird dieser Vergleich gezogen. In den jüdischen Quellen findet sich vieles über Einstellungen zur Umwelt, zum Konsum, zu Tieren und Pflanzen.

Der Talmud widmet dem Baum gar ein eigenes Fest, eben dieses »Neujahr der Bäume«, welches auf das Ende der Regenzeit fällt: in die Mitte des Monats Schwat. In diesem Jahr fällt Tu Bischwat auf den kommenden Schabbat, den 11. Februar.

vision Jetzt, da hier der Boden vielerorts noch gefroren ist, ist in Israel die beste Zeit zum Pflanzen. Der Jüdische Nationalfonds (KKL) pflanzt dort seit mehr als 100 Jahren Bäume, um Leben aus Wüste zu schaffen. Vision wird Wirklichkeit. Auch wir können uns von hier aus an dieser alten Sehnsucht beteiligen. Mit einer Spende für neue Bäume bauen wir eine Brücke zwischen uns und Israel und drücken unsere Hoffnung für eine bessere Zukunft im Heiligen Land aus. Als Juden teilen wir gemeinsam diese Hoffnung sowie die Verantwortung für das Heilige Land. Unsere nichtjüdischen Nachbarn können wir durchaus dazu einladen, an den Hoffnungen, Visionen und ersten Erfolgen der Begrünung Israels teilzuhaben – es ist schließlich auch für Christen und Muslime heiliges Land.

Dieser Geburtstag der Bäume hat in neuerer Zeit übrigens weltweit immer mehr an Bedeutung gewonnen durch besondere Beachtung in jüdischen Familien, Gemeinden und Schulen. Besonders beliebt sind Feiern nach dem Muster des Sederabends. Der Tu‐Bischwat‐Seder ist auf seine Art eine »sneak preview« auf seinen großen Bruder zwei Monate später, den Pessach‐Seder. Das fügt sich gut, denn genau dazwischen ist Purim.

So ergibt sich gleich am Ende des Winters eine Steigerung: Umwelt, Freude, Freiheit. Die Umwelt ist das Fundament, die Freiheit das Ziel, die Freude dazwischen ist das Verbindende: Die Freude an der Umwelt motiviert, diese zu erhalten – genauso wie die an der Freiheit. Genauso wie Juden seit Jahrtausenden durch das Feiern von Pessach die Freiheit zu schätzen und zu bewahren gelernt haben, sind wir nun auf einem guten Weg, auch die Umwelt als hehres Gut zu feiern und zu bewahren. Und unsere Freude daran zu haben.

Der Autor ist Rabbiner der Budge‐Stiftung in Frankfurt/Main.

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