Schofar

Fest des Posaunenschalls

Die Spiritualität des Talmuds verbindet das Schofarblasen mit der Geschichte. Foto: Getty Images / istock

Der erste Tag des siebenten Monats im jüdischen Kalender wird in der Tora »Sichron Terua«, »Mahnung des Posaunenschalls«, genannt. Damit bezeichnete man den Festtag der Gemeinschaft, den wir heute Rosch Haschana, Neujahrstag, nennen (3. Buch Mose 23,24; 4. Buch Mose 29,1).

Die wesentlichsten Themen des Machsor, des Festtagsgebetbuches, für Rosch Haschana sind: der Mensch am Tag des g’ttlichen Gerichts, wie auch der Sinn, die Bedeutung und Symbolik des Schofarblasens. Das Rosch-Haschana-Fest wird in der Tora das »Fest des Posaunenschalls« wie auch des Gedenkens genannt. Den Posaunenschall deutete die rabbinische Exegese als Schofarblasen.

Flöte Unsere Tora weiß noch über zahlreiche andere Musikinstrumente zu berichten. Diese ertönten im damaligen Heiligtum in Jerusalem während der festlichen Umzüge an den Feiertagen (2. Samuel 10,5; 1. Chronik 13, 8–15; 2. Chronik 5, 12–13). Wir lesen über Trommel, Harfe, Triangel, Zither, Flöte und weitere Blasinstrumente.

Es kann als Widerspruch dazu verstanden werden, wenn uns von diesen weit verbreiteten Instrumenten heute nur das raue, schlichte, gebogene Widderhorn, der Schofar, übrig blieb. Man kann es nur damit erklären, dass all die prachtvollen Streich- und Blasinstrumente, die im alten Israel, sowohl im Heiligtum wie auch im übrigen Land, kultische Zeremonien wie auch Volksfeste und Tänze begleitet hatten, seit jenen Tagen der Tempelzerstörung durch die Römer im Jahre 70 n.d.Z. wegen unserer Trauer darüber nie wieder ertönten. Allein der Schofar passt in die karg gewordenen synagogalen Zeremonien der Feste der Umkehr und Buße.

Bann In der Tora erscheint der Schofar im zweiten Buch Mose, Schemot, während der g’ttlichen Offenbarung am Berg Sinai. Die Farbe dieses Instruments ist naturbelassen. Es gab und gibt auch noch den schwarzen Schofar, der früher in einigen Gemeinden ausschließlich dazu diente, die Ausrufung des religiösen Banns (Cherem) zu begleiten. Der Schofar wurde in früheren Zeiten auch eingesetzt, um erhöhte Aufmerksamkeit herbeizuführen oder Alarm auszulösen.

In Friedenszeiten rief er zu Versammlungen. In Jerusalem kündete er den Beginn der Schabbatruhe an. Vor Kurzem wurde sogar ein Eckstein vom einstigen Tempelgebiet in Jerusalem mit der hebräischen Aufschrift »Leba’al Tokea« gefunden. Das bedeutet: »dem Schofarbläser« (gewidmet), der auf dieser steinernen Anhöhe in die Posaune blies.

Aus früheren Zeiten erfahren wir, dass das Schofarblasen mancherorts auch zum Beerdigungsritual gehörte. Die Volksweisheit besagt, damit solle verhindert werden, dass der »Mal’ach Ha’Mawet«, der Todesbote, auch »Todesengel« genannt, den Verstorbenen beziehungsweise seine Seele vor G’ttes Thron »anschwärzt«. Aus dem gleichen Grund erklingt übrigens auch die Glocke der christlichen Friedhofskapellen. Daran können wir erkennen: Die Hochkultur der Religionen trennt die Menschen, doch die Volkskultur bringt sie einander manchmal näher.

Vor dem Schofarblasen fanden – der kabbalistisch-mystischen Gedankenwelt folgend – sechs Bibelverse ihren Weg in die traditionelle Liturgie. Der erste Vers stammt aus dem Buch der Klagelieder (Echa 3,56): »... und Du erhörtest meine Stimme: Verbirg Deine Ohren nicht vor meinem Seufzen und Schreien!« Weiter geht es mit Versen aus dem Psalm 119: »Dein Wort ist nichts denn Wahrheit; alle Rechte Deiner Gerechtigkeit währen ewiglich« (Psalm 119,160); »Ich freue mich über Dein Wort wie einer, der eine große Beute kriegt« (Psalm 119,162) und »Lehre mich heilsame Sitten und Erkenntnis, denn ich glaube Deinen Geboten« (Psalm 119,66). Und zum Schluss: »Lass Dir gefallen, Herr, das willige Opfer meines Mundes und lehre mich Dein Recht« (Psalm 119,108).

Satan Das Akrostichon, also die hebräischen Anfangsbuchstaben dieser Verse, ergeben den frommen Wunsch aller Mystiker: »Lass den Satan, den bösen Ankläger, uns gegenüber verstummen.« In Texteinschüben, die heute in den meisten Gemeinden beim Schofarblasen weggelassen werden, bittet man, G’tt möge die »Dämonen«, die sich gegen uns wenden könnten, vernichten.

Dahinter verbirgt sich nichts anderes als die Wirkung von populären Ansichten über das Böse. Man kennt die Dämonen und Satansvorstellungen anderer Religionen und nimmt sie, obwohl man sie nicht teilt, in die eigene Liturgie auf. In gewisser Weise ist in diesen sechs Versen, die man bis heute psalmodierend im Wechsel von Vorbeter und Gemeinde spricht, ein Beleg dafür enthalten. Moderne Menschen stoßen sich daran, aber unterschwellig, auf einer anderen Ebene, sind die Vorstellungen vom personifizierten Bösen doch vorhanden.

»JobelJahr« Im alten Israel verkündete der Schofar im fünfzigsten, im Jobel-Erlassjahr, die verbindliche Befreiung all jener, die in Schuldknechtschaft geraten waren und ihr Vergehen durch Arbeit ausgleichen mussten (3. Buch Mose 27, 9–10). Nun konnten sie zu ihren Familien heimkehren. Der Schofarton findet hier eine »unüberhörbare« soziale Anwendung im Sinne der sozialen Gerechtigkeit. Ein Erlassjahr findet immer nach sieben Schabbatjahren, das heißt, nach sieben mal sieben, also nach 49 Jahren, statt.

Die Gebote des Schabbat- und Jobeljahres sind tragende Säulen der sozialen Gesetzgebung in unserer Tora. Das »Lärmblasen« des Schofars an Rosch Haschana ist zugleich Erinnerung und Ermahnung, dass der Tag der Versöhnung, Jom Kippur, naht. Im letzten Monat des alten Jahres, im Monat Elul, ertönt am Ende der wochentäglichen Morgeng’ttesdienste der Schofar an jedem Tag – und das ebenfalls als Ermahnung an die kommenden ernsten Feiertage.

Im 3. Buch Mose, Wajikra (23,24) wird Rosch Haschana als »Mahnung des Posaunenschalls« bezeichnet. Daher wird – mit Ausnahme des Schabbattages – der Schofar inmitten des G’ttesdienstes geblasen. Der Krakauer Rabbiner Moses Isserles aus dem 16. Jahrhundert weiß zu berichten, dass es in vielen deutschen Gemeinden üblich war, im Monat Elul den Schofar auch beim Abendgebet ertönen zu lassen. Seit der Zerstörung des Heiligtums in Jerusalem und seit die Tempelopfergaben nicht mehr vollbracht werden konnten, bildeten die Schofartöne das Gerüst des Festg’ttesdienstes.

Die Spiritualität des Talmuds verbindet das Schofarblasen mit der Geschichte Abrahams, dessen Hingabe so weit ging, dass er auf G’ttes Geheiß sogar bereit gewesen wäre, seinen Sohn zu opfern. So wollte G’tt Abraham und dessen Opferbereitschaft auf die Probe stellen. Anstelle des Kindes opferte Abraham einen Widder, der sich mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen hatte (1. Buch Mose 22, 1–13). Auch daran erinnert uns das Widderhorn, der Schofar.

Gerichtstag An Rosch Haschana, am Gerichtstag G’ttes, muss im Sinne der g’ttlichen Gerechtigkeit neben unserer Verteidigung nach volkstümlicher Vorstellung auch der Ankläger gegen uns, auf Hebräisch Satan, zu Wort kommen. Die talmudische Mystik behauptet, dass die Schofartöne den Ankläger verwirren sollen und wir nun freimütig, trotz unserer Schwäche, »Punkte sammeln« dürfen, wenn wir reuevolle Bußfertigkeit an den Tag legen.

Nach dem Abschluss des Schofarblasens, nach den festlichen Litaneien, flehen wir: »… heute stellt Er vor Gericht alle Geschöpfe, (…) gleich Seinen Kindern, oder gleich Seinen Knechten. Wenn wir gleich Deinen Kindern sind, so erbarme Dich über uns, wie ein Vater über seine Kinder (…). Wenn wir gleich Deinen Dienern sind, so sind unsere Augen zu Dir erhoben, bis Du uns begnadigst.«

Ein bekannter Abschnitt der Festliturgie beginnt mit den Worten »T’ka beSchofar« (blase den Schofar). Der Text des Gebets erweitert den Sinn des biblischen Gebots um das Schofarblasen. Es erinnert an die endzeitlichen, messianischen Inhalte der Schofartöne. Die Übersetzung lautet: »Ewiger, unser G’tt, lass die große Posaune ertönen, dass sie die Losung uns zur Freiheit sei! Erhebe das Banner, damit sich unsere Verbannten sammeln. Sammle unsere Zerstreuten unter den Völkern und die Verstoßenen von allen Ecken und Enden der Welt.«


Der Autor war bis 2oo2 Landesrabbiner von Württemberg.

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