Jom Hadin

Es liegt in Seiner Hand

In den Tagen vor Rosch Haschana sollen wir uns darüber Gedanken machen, was durch unser Handeln zum Guten oder zum Schlechten ausschlagen kann. Foto: Thinkstock

Der Abschnitt Ki Tawo wird immer in der Zeit vor Rosch Haschana gelesen, weil wir vor den entscheidenden ernsten Tagen stehen. In unserer Parascha ist die Rede von den Segnungen Gottes, die uns zugutekommen, sofern wir Ihm gehorchen und Seine Gebote erfüllen. Aber wir hören auch von Verfluchungen, die uns treffen können, wenn wir dem Ewigen nicht gehorchen. Sowohl Segnungen als auch Verfluchungen werden von der Tora auffällig detailliert beschrieben. Der Grund dafür ist, dass wir uns darüber Gedanken machen sollen, was durch unser Handeln und Entscheiden zum Guten oder zum Schlechten ausschlagen kann.

Schon Esra bezieht sich im fünften Jahrhundert v.d.Z. auf die Aussagen unseres Abschnitts. Er begleitete das Volk aus dem babylonischen Exil nach Israel, um den Tempel wieder aufzubauen. Die Israeliten sollen sich ihrer Wurzeln bewusst und in ihrem Judentum gestärkt werden. Dementsprechend entwirft Esra ein Zehn-Punkte-Programm.

In einem dieser Punkte appelliert er an das Volk, die Weisungen Gottes zu beherzigen. Dazu lesen wir im Talmud: »Rabbi Jitzhak sagt: Jedes Jahr, das eine Wurzel am Anfang hat, wird am Ende reich« (Rosch Haschana 16b). Raschi (1040–1105) erklärt: Wenn das Volk Israel zu Rosch Haschana, zu Beginn des neuen Jahres, bei seinem Gott Wurzeln schlägt, also betet und Ihn um Gnade bittet, wird es am Ende gesegnet.

Wohlergehen Wir wissen das von uns selbst: Jeder wünscht sich ein Jahr des Wohlergehens, materiell wie spirituell. Rabbi Jitzhak rät, dass der Mensch an Rosch Haschana vor Gott als ein Armer erscheinen soll. Er soll dem Ewigen nichts vorspielen, es muss ihn ernsthaft nach Gottes Gnade verlangen, im Wissen darüber, dass an diesem Tag alles über ihn entschieden wird.

Die Tatsache, dass unsere bisherige Lebenssituation sehr gut war, garantiert nicht, dass dieser Zustand im kommenden Jahr erhalten bleibt. Aber auch umgekehrt. Der Mensch soll sich vor dem Gedanken hüten: »Gott sei Dank, ich bin gesund. Ich habe eine tolle Arbeit, eine gute Rente, und ich kann beruhigt sein.«

Am Tag des Gerichts, Rosch Haschana, sollen wir in jeder Hinsicht denken: Wir haben nichts, wir sollen alles von Neuem bekommen. Es soll uns wieder bewusst werden: Alles, was wir momentan unser Eigen nennen, stammt von Gott. Und wenn Er will, kann Er alles zum Negativen wenden.

Wir kennen genügend Beispiele aus dem täglichen Leben: Menschen, die uns bis gestern noch vollkommen gesund erschienen, sind heute schwer krank; Reiche werden über Nacht arm; Menschen stehen von einer Sekunde auf die andere durch Naturkatastrophen wie Erdbeben, Tsunami und Überflutungen vor dem Nichts. Und umgekehrt: Kranke werden gesund und Arme reich.

mussafgebet Zum Mussafgebet an Rosch Haschana und Jom Kippur schreibt Rabbi Amnon von Mainz (um 940–1040): »An Rosch Haschana wird man eingeschrieben, und an Jom Kippur wird besiegelt, wie viele hinübergehen und wie viele geboren werden, wer leben und wer sterben wird ...«.

Dies spiegelt unsere wahre Situation vor dem Herrn der Welt wider: Wir sind auf seinen wohlwollenden Entschluss über unser kommendes Jahr angewiesen. Rabbi Jitzhak ist der Überzeugung, dass ein tief empfundenes Gefühl der Armut vor Gott die Chance in sich birgt, am Ende des Jahres zu entdecken, wie man in mancher Hinsicht reich beschenkt wurde.

Können wir uns das vorstellen? Wohl nur schwer, gerade, wenn wir zum Beispiel an jemanden denken, der vor Gericht geladen ist, weil er zu schnell gefahren ist, und nun damit rechnen muss, seinen Führerschein für lange Zeit zu verlieren. Wird dieser Mensch in der Nacht zuvor gut schlafen? Kann er am Tag des Gerichts noch in Ruhe frühstücken? Nein!

Von einem anderen Beispiel schreibt uns der Talmud (Sukka 58a): Rabbi Jochanan ben Zakai war ein großer Gelehrter des Judentums, der sogar mit den Engeln reden konnte, in der jüdischen Mystik zu Hause war und dadurch zu tiefgründigen Erkenntnissen gelangte. Ist es vorstellbar, dass so ein Mann vor dem Jom Hadin, dem Tag des Gerichts, Angst haben könnte?

Der Talmud berichtet, dass Rabbi Jochanan, als er einmal krank war, von seinen Schülern besucht wurde. Als sie sein Zimmer betraten, weinte er. Da fragten ihn die Schüler: »Du bist das Licht Israels, eine starke Säule. Warum weinst du?« Er antwortete: »Wenn man mich vor einen menschlichen König führte und er über mich urteilte, dann könnte man so einen König mit Geld, mit Worten für sich einnehmen. Aber man führt mich vor den Herrn der Welt, einen ewig lebendigen König! Und zwar auf zwei Wegen: entweder auf den Weg zum Paradies oder auf den Weg zur Hölle. Und ich weiß nicht im Voraus, welchen Weg man mich führen wird. Soll ich da nicht weinen?« Rabbi Jochanan weinte, weil ihm seine Zukunft ungewiss war.

Teschuwa Im Elul, dem Monat, der Rosch Haschana vorangeht, sollen wir die Teschuwa suchen und die Macht des Gerichtstags spüren, indem wir ihn uns durch die Segnungen und Verfluchungen unseres Abschnitts ins Bewusstsein rufen.

Bei allem bleibt aber zu betonen, dass uns die Vorbereitungen auf Rosch Haschana nicht in Trauer und Bedrückung versetzen sollen, sondern im Gegenteil: Wir sollen zur Freude gelangen. Entscheidend war und ist bis heute, dass das Volk versteht, was der Tag bedeutet.

Die Angst vor dem Gerichtstag ist auch ein Selbstschutz. Doch dabei soll uns das letzte Ziel des Jom Hadin bewusst bleiben. Bei allem gebotenen Ernst sollen wir letzten Endes zur Fröhlichkeit finden, so wie es im Buch Nechemja geschildert wird: Nachdem das Volk sich die angekündigten Segnungen und Verfluchungen durch Gott zu Herzen genommen hatte, trauerte, bereute und weinte es vor lauter Angst. Doch Esra gebot ihnen Einhalt: »Ihr sollt essen und trinken. Schickt Geschenke zu den Bedürftigen, weil heute ein heiliger Tag vor Gott ist. Und seid nicht bekümmert; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke« (Nechemja 8,10).

Der Autor war bis 2011 Landesrabbiner von Sachsen.

Inhalt
Paraschat Ki Tawo erzählt davon, dass den Israeliten aufgetragen wird, aus Dankbarkeit für die Ernte und die Befreiung aus der Sklaverei ein Zehntel der Erstlingsfrüchte zu opfern. Außerdem sollen sie die Gebote Gottes auf großen Steinen ausstellen, damit alle sie sehen können. Danach schildert die Tora Fluchandrohungen gegen bestimmte Vergehen der Leviten. Dem folgt die Aussicht auf Segen, wenn die Mizwot befolgt werden. Zum Abschluss erinnert Mosche die Israeliten daran, dass sie den Bund mit dem Ewigen beachten sollen.
5. Buch Mose 26,1 – 29,8

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026

Schemini Azeret

Ende und Anfang

Nach der langen Zeit der Feiertage beginnt der neue Jahreskreis

von Chajm Guski  02.10.2026

Simchat Tora

Im eigenen Rhythmus

Die fünf Bücher Mose bilden den Herzschlag des jüdischen Volkes

von Valentin Lutset  02.10.2026

Talmudisches

Frieden mit sich selbst und anderen

Was unsere Weisen über das innere Gleichgewicht und das Miteinander lehren

von Vyacheslav Dobrovych  01.10.2026

Feiertage

Gut gefüllt

Zu Sukkot gibt es eigentlich keine traditionellen Speisen wie an Rosch Haschana oder Pessach. Und doch essen sich gefülltes Gemüse, Teigtaschen und gestopfte Weinblätter in der Laubhütte besonders gut. Steckt mehr dahinter?

von Daniela Rusowsky  29.09.2026

Schweiz

Eine Sukka voller Fragen

Die Israelitische Cultusgemeinde Zürich hat ihre nichtjüdischen Nachbarinnen und Nachbarn in die Laubhütte eingeladen. Zu selbstgemachtem Hummus darf alles gefragt werden. Ein Besuch

von Nicole Dreyfus  25.09.2026

Zusammenhalt

Was uns verbindet

Sieben Tage feiern Juden in der Laubhütte. Der achte aber hat eine eigene Botschaft

von Rabbiner Elischa Portnoy  25.09.2026

Sukkot

Mit Herz und Sinnen

Welche Bedeutung die Vier Arten an Sukkot haben und warum sie den Menschen erfreuen

von Rabbiner Avraham Radbil  24.09.2026

Sukkot

»… und du sollst nur fröhlich sein«

Warum die Tora gerade das Laubhüttenfest zu einer Zeit unserer Freude erklärt

von Vyacheslav Dobrovych  24.09.2026