Mizwot

Erst tun, dann hören

Als das Volk »na’ase ve nischma« sagte, waren wirklich alle Juden anwesend. Foto: Flash 90

Die Parascha Jitro ist eines der zentralen Kapitel der Tora. Es berichtet unter anderem davon, wie das Volk Israel am Berg Sinai die Tora – und mit ihr die für uns so essenziellen, auf riesige Steintafeln geschriebenen Zehn Gebote – erhielt. Sicherlich wäre es falsch, zu behaupten, dass die Tora aus wichtigeren und weniger wichtigen Abschnitten besteht. Alle sind bedeutsam und transportieren wichtige Botschaften. Doch den Zehn Geboten, den Tafeln des Propheten Mosche, gebührt besondere Beachtung. Unser Wochenabschnitt ist demnach ein zentraler Teil der Tora.

Paraschat Jitro beschreibt, wie Mosche auf den Berg Sinai steigt, um G’ttes Befehle zu empfangen. Generationen von Kommentatoren versuchten sich an der korrekten Deutung vor allem eines Satzes. Wörtlich heißt es da: »Und das Volk sprach: ›Alles, was der Herr uns gesagt hat, werden wir tun, und wir werden hören‹ (na’ase ve nischma)« (2. Buch Mose 24,7).

Idee Hier stellt sich jedem logisch denkenden Menschen die Frage: Wie kann man etwas tun, bevor man es hört? Der Satz erscheint auf den ersten Blick paradox. So haben einige Kommentatoren die Auffassung vertreten, dass die Worte »na’ase ve nischma« bedeuten: »Wir werden tun und verstehen« statt »tun und hören«. Dieser Interpretation liegt eine interessante Idee zugrunde: dass nämlich die Wirkung einer Handlung zu ihrem Verständnis führt. Viele talmudische Weise haben nicht versucht, das Paradox zu vermeiden – im Gegenteil, sie verschärften es, indem sie sagten: »Die Kinder Israels versprachen zu erfüllen, bevor sie hörten« (Schabbat 88a).

Rabbi Elazar zufolge war, als die Kinder Israels das Versprechen gaben, die Stimme des Himmels zu hören: »Wie haben die Kinder mein Geheimnis, das nur den Engeln bekannt ist, entdeckt?« (Schabbat 88a). Die Kinder Israels reagierten während der Offenbarung der Tora tatsächlich nicht wie Menschen. Sie waren wie Engel, erst handelten sie und danach hörten sie. Allerdings erfahren wir auch, dass die Tora nicht für Engel, sondern für Menschen gedacht ist.

Warum also kann etwas, das für Menschen konzipiert ist, nur tatsächlich erreicht oder verstanden werden, wenn man sich auf eine Stufe mit Engeln stellt und sich wie sie verhalten soll? Es erscheint paradox, dass der Empfang der Tora den Menschen übermenschliche Fähigkeiten abverlangt.

Zustimmung Es heißt, dass die Israeliten unten am Berg standen und sich entscheiden mussten: Sollten sie die Tora annehmen oder nicht? Ihre Zustimmung war eine notwendige Bedingung für die Annahme der Tora. Tatsächlich müsste man zuerst hören und verstehen und dann tun, um erfüllen zu können. Aber sie mussten sich entscheiden, ohne das Für und Wider vorher abwägen zu können.

Die berühmte rabbinische Debatte darüber, ob die Lehre oder die Handlung wichtiger sei, endet mit dem Fazit: »Die Lehre ist wichtiger, denn sie führt zu einer Aktion« (Kidduschin 40b). Der Midrasch geht weiter und erklärt, dass nur das Volk Israel bereit war, G’ttes Wünsche bedingungslos zu erfüllen. Die anderen Völker wollten die Tora aus verschiedenen Gründen nicht annehmen, vor allem wegen einiger Gebote, die ihnen zu schwer zu befolgen waren. Für einige war es schwierig, ein Leben ohne Verbrechen zu führen, für andere erwies sich die sexuelle Moral der Tora als zu kompliziert.

Chatam Sofer Eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert erklärt viel über die Bedeutung von »na’ase ve nischma« für Juden in jeder Zeit. Der Chatam Sofer (1762–1839) reiste einmal nach Budapest, um einen Bankier zu überreden, seine Bank am Schabbat zu schließen. Der Bankier wollte nicht nachgeben und erklärte dem Chatam Sofer, dass er nicht religiös sei und die Gebote der Tora nicht befolge. Der Chatam Sofer erwiderte, der Bankier solle nicht wegen seiner eigenen Frömmigkeit die Gebote der Tora einhalten, sondern wegen der öffentlichen Schande für ihn.

»Schande?«, wunderte sich der Bankier. »Was hat das damit zu tun? Welche Schande bringt mir denn die Tatsache, nicht fromm zu sein?« Da antwortete ihm der Chatam Sofer: »Unsere Weisen erklären uns im Talmud im Traktat Nedarim (20) das folgende Prinzip: Wer beim Begehen einer Sünde keine Schande fühlt, dessen Vorfahren waren nicht am Berg Sinai.«

Als das Volk Israel »na’ase ve nischma« sagte, waren wirklich alle Juden anwesend, ganz unabhängig von ihrer Frömmigkeit. Es gab unter ihnen auch Häretiker und solche, die nicht alle Gebote halten. Wieso haben auch sie »na’ase ve nischma« gesagt? Wir erfahren aus der Tora, dass »das ganze Volk vereinigt war«, und deswegen wollte niemand etwas anderes sagen. Die Menschen haben sich geschämt, die Einheit zu zerstören und eine andere Meinung zu vertreten. Deswegen mahnen uns unsere Weisen, dass diejenigen unter uns, die bei öffentlich begangenen Sünden keine Scham empfinden, so gesehen werden, als seien ihre Vorfahren damals am Berg Sinai nicht mit dabei gewesen.

Wünsche Es gibt Juden, die aus verschiedenen Gründen nicht alle Gebote der Tora halten können. Und es gibt viele andere, die versuchen, alle Wünsche G’ttes zu erfüllen. Aber auf jeden Fall waren sie alle am Berg Sinai und haben »na’ase ve nischma« gesagt.

Der Gaon von Wilna kommentiert, es sei kein Zufall gewesen, dass das ganze Volk dies sagte. Das habe mit der Offenbarung der Tora zu tun. Die Mizwot sind eine kollektive Verpflichtung und können nur gemeinsam erfüllt werden. Der Einzelne kann nicht die gesamte Tora umsetzen. Die Priester (Kohanim) befolgen einen Teil, die Leviten einen anderen; die Männer haben eigene Mizwot und die Frauen wiederum andere; die Reichen können viel für die Armen tun … – und so könnte man noch weitere Gruppen aufzählen. Aber alle gemeinsam können wir die Welt verbessern.

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Jitro trägt den Namen von Mosches Schwiegervater. Außer dieser Parascha sind nur fünf Abschnitte nach Menschen benannt: »Noach«, »Chaje Sara«, »Korach«, »Balak« und »Pinchas«. Die Tora stellt Jitro als einen sehr religiösen, gastfreundlichen und weisen Menschen dar. Er rät Mosche, Richter zu ernennen, um das Volk besser zu führen. Die Kinder Israels lagern am Sinai und müssen sich drei Tage lang vorbereiten. Dann senkt sich G’ttes Gegenwart über die Spitze des Berges, und Mosche steigt hinauf, um die Tora zu empfangen.
2. Buch Mose 18,1 – 20,23

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