Mischpatim

Eine Frage der Verantwortung

»Wenn Feuer ausbricht und (…) das Feld verzehrt wird, soll derjenige vollen Ersatz leisten, der das Feuer entzündet hat« (2. Buch Mose 22,5). Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Der Wochenabschnitt Mischpatim gehört zu jenen Paraschiot der Tora, die auf den ersten Blick unspektakulär wirken. Nach der überwältigenden Erfahrung der Offenbarung am Sinai folgt kein weiterer spiritueller Höhepunkt, sondern eine dichte Abfolge konkreter Rechtsfälle. Pure Halacha: Vorschriften, die mit Haftung, Schäden, Arbeitsrecht und Strafrecht zu tun haben.

Gerade diese nüchterne Darstellung ist jedoch programmatisch. Die Tora verlegt die Begegnung mit dem G’ttlichen aus dem Ausnahmezustand in den profanen Alltag. Sie macht deutlich, dass Heiligkeit nicht nur im Gebet, im Opferdienst und im Ritual liegt, sondern in der Art, wie Menschen in einer zivilisierten Rechtsgesellschaft miteinander umgehen und für die Folgen ihres Handelns einstehen.

Schaden durch Feuer

Ein besonders aufschlussreicher Fall, den der Wochenabschnitt skizziert, ist der Schaden durch Feuer. Die Tora beschreibt ihn in aller Sachlichkeit: »Wenn Feuer ausbricht und Dornen erfasst und ein Kornhaufen oder das stehende Getreide oder das Feld verzehrt wird, so soll derjenige vollen Ersatz leisten, der das Feuer entzündet hat« (2. Buch Mose 22,5).

Dieser Vers ist bemerkenswert präzise und wirkt erst einmal sehr nüchtern. Die Tora spricht weder von Vorsatz noch von zerstörerischer Absicht. Sie beschreibt einen Vorgang, eine Dynamik: Feuer bricht aus, findet Dornen, breitet sich aus. Der Schaden entsteht nicht aus böser Absicht, sondern als Folge einer Kette von Ursachen. Gerade deshalb wird dieser Vers im Talmud zum Schlüsseltext für das Verständnis indirekter Haftung. Mit anderen Worten: Der Talmud lernt aus diesem Vers mehr, als auf den ersten Blick erscheinen mag.

Im talmudischen Traktat Bawa Kamma ordnen die Gelehrten diesen Fall dem System der sogenannten vier »Avot Nesikin« zu, den »vier Grundschäden des jüdischen Schadensrechts«. Diese Kategorien sind keine bloße Sammlung einzelner Fälle, sondern Grundmodelle von Verantwortung.

Symbolik der Schäden

Diese Grundmodelle erscheinen im Wochenabschnitt, sie bauen sich folgendermaßen auf: Schor, der Ochse, steht für Schäden, die durch die bewegte Kraft eines Besitzes entstehen. Bor, die Grube, beschreibt eine passive Gefahrenquelle, einen Schaden durch Unterlassen. Mav’eh wird meist als der Schaden durch den Menschen selbst verstanden, also durch unmittelbare Handlung. Esch, das Feuer, nimmt innerhalb dieses Systems eine besondere Stellung ein. Es wird vom Menschen ausgelöst, doch seine Wirkung entfaltet sich oft unabhängig von seinem direkten Einfluss. Gerade hierin liegt seine halachische und moralische Brisanz: Der Mensch trägt Verantwortung für Prozesse, die er begonnen hat, auch wenn er deren Verlauf nicht mehr vollständig kontrolliert.

Denn anders als beim schlagenden Menschen oder beim stoßenden Tier ist es nicht der Mensch selbst, der den konkreten Schaden ausführt. Zwischen Handlung und Schaden liegen Zeit, Raum und die Wirkung natürlicher Kräfte. Und doch formuliert der Talmud unmissverständlich: »Feuer ist – rechtlich zu betrachten – wie ein Pfeil.«

Das Feuer wird damit dem Menschen zugerechnet wie ein abgeschossener Pfeil. Wer ihn loslässt, bleibt verantwortlich, auch wenn der Pfeil fliegt, nachdem die Hand ihn bereits losgelassen hat. Der entscheidende Moment ist nicht das Auftreffen, sondern das Abschießen. Verantwortung erstreckt sich also über Zeit und Raum und ist an die ursprüngliche Handlung gebunden.

Halacha verlangt vom Menschen, die Welt mitzudenken

Besonders interessant ist die Diskussion über den Wind. Intuitiv könnte man argumentieren, dass nicht das Feuer, sondern der Wind den Schaden verursacht habe. Doch der Talmud weist dies zurück: Der Wind gilt als »ruach metzuja«, als normale, vorhersehbare Bedingung der Welt. Wer Feuer entzündet, handelt immer in Kenntnis der realen Umweltbedingungen. Die Halacha verlangt vom Menschen, die Welt so mitzudenken, wie sie ist, nicht wie sie idealerweise sein sollte.

Gleichzeitig kennt das jüdische Recht differenzierte Abstufungen. Unter außergewöhnlichen, nicht vorhersehbaren Umständen kann sich die Haftung verändern. Das System ist weder starr noch blind. Es fragt stets nach dem Maß an Sorgfalt, das einem Menschen vernünftigerweise zugemutet werden kann. Fahrlässigkeit beginnt dort, wo erkennbare Risiken ignoriert werden. Wer den Funken setzt, trägt Verantwortung für seine absehbare Wirkung. Das alles steckt im zitierten Vers aus unserem Wochenabschnitt.

Die vier »Avot Nesikin« insgesamt sind dabei ein faszinierendes Beispiel für rabbinische Systematik. Sie ordnen die Vielzahl von Schadensfällen der Tora in vier archetypische Kategorien, die das gesamte Spektrum menschlicher Haftung abdecken: aktive Kräfte, passive Gefahren, direkte Handlungen und indirekt ausgelöste Prozesse. Damit zeigt die Tora, dass Verantwortung nicht nur auf den ersten Blick messbar ist, sondern strukturell und konzeptionell erfasst werden kann. Sie lehrt den Menschen, dass jede Handlung in einem größeren Gefüge von Wirkungen steht und die ethische Dimension in der Fähigkeit liegt, diese Zusammenhänge zu erkennen.

Feuer steht für Prozesse, die der Mensch auslöst, ohne sie kontrollieren zu können

Philosophisch gelesen ist der Schadensfall Feuer, also »Esch«, weit mehr als ein technischer Haftungsfall. Feuer steht für Prozesse, die der Mensch auslöst, ohne sie vollständig kontrollieren zu können. Worte, gesellschaftliche Dynamiken, politische Entscheidungen oder ideologische Bewegungen können sich ausbreiten wie Feuer, wirken über die Zeit und entfalten Folgen, die der Auslöser nicht mehr steuern kann.
Unser Wochenabschnitt macht deutlich: Wer den Funken setzt, bleibt verantwortlich, auch wenn sich der Schaden verselbstständigt. Verantwortung endet nicht dort, wo Kontrolle aufhört.

So wird deutlich, dass die Rechtsfälle dieses Wochenabschnitts keine trockenen Paragrafen sind, sondern eine tiefgreifende Ethik des Handelns in einer vernetzten Welt. Das Feuer lehrt, dass menschliche Freiheit untrennbar mit Verantwortung verbunden ist. Die Tora fordert, das Wirken der eigenen Hand immer in einem größeren Zusammenhang zu sehen, sowohl praktisch als auch moralisch.

Mischpatim formuliert damit eine leise, aber radikale Botschaft: G’tt begegnet dem Menschen nicht nur im Wunder, sondern im Maß seiner Verantwortungsbereitschaft. Wer das Feuer entzündet, bleibt verantwortlich für das, was daraus wird. In einer Welt, in der Funken sich schnell zu Bränden entwickeln, ist diese alte halachische Einsicht von erschreckender und zugleich zeitloser Aktualität.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Mainz-Rheinhessen.

Mischpatim
Der Wochenabschnitt Mischpatim wird auch als Buch des Bundes bezeichnet. Hier geht es um Gesetze, die das Zusammenleben regeln. Der zweite Teil besteht aus Regelungen zur Körperverletzung, daran schließen sich Gesetze zum Eigentum an. Den Abschluss der Parascha bildet die Bestätigung des Bundes. Am Ende steigen Mosche, Aharon, Nadav, Avihu und die 70 Ältesten Israels auf den Berg, um den Ewigen zu sehen.
2. Buch Mose 21,1 – 24,18

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