Talmudisches

Der großzügige Elasar

Foto: Getty Images

Die Gemara (Taanit 24a) erzählt die bewegende Geschichte von Elasar Isch Birta. Er war bekannt für seine außergewöhnliche Wohltätigkeit. Sogar die Verwalter der Zedaka, der Wohltätigkeitskasse, versteckten sich vor ihm, sobald sie ihn sahen, weil er ihnen jedes Mal sein ganzes Geld geben wollte.

Eines Tages ging Elasar auf den Markt, um Aussteuer für seine Tochter zu kaufen. Wieder begegnete er den Zedaka-Verwaltern. Er lief ihnen nach und drängte sie, ihm zu sagen, wofür sie sammelten. Sie erklärten, dass es Geld für die Hochzeit eines Waisenjungen und eines Waisenmädchens sei. Da rief Elasar: »Beim Tempeldienst! Diese haben Vorrang vor meiner eigenen Tochter!« Er gab ihnen alles, was er bei sich hatte. Nur ein einziger Sus blieb übrig. Davon kaufte er Weizen und brachte ihn in seinen heimischen Vorratsraum.

Seine Frau fragte die Tochter, was der Vater mitgebracht habe. »Er hat alles in den Vorratsraum geworfen«, antwortete sie. Daraufhin sah die Mutter, dass der Speicher bis oben hin mit Weizen gefüllt war, sodass die Tür nicht mehr zu schließen war. Die Tochter lief in den Beit Midrasch und rief: »Vater, komm und sieh, was derjenige, der dich liebt, für dich getan hat!« Elasar antwortete ruhig: »Dieses Getreide ist geheiligt – du hast daran keinen Anteil, außer als einer der Armen Israels.«

Elasar Isch Birta war zweifellos von außerordentlicher Großzügigkeit. Doch stellt sich die Frage: Wie konnte er sein ganzes Vermögen spenden, obwohl die Rabbiner von Uscha (Kesubot 50a) verboten, mehr als ein Fünftel des eigenen Besitzes zu geben?

Der Ben Yehoyada vermutet, dass dieser Erlass erst nach der Zeit Elasars in Kraft trat. Gevuras Ari verweist auf eine Stelle in Arachin 28a, in der es auch damals eine abweichende Meinung gab – Elasar folgte offenbar dieser Ansicht.

Die Kommentatoren erklären, dass Elasar zwar alles gab, was er bei sich hatte, aber nicht sein gesamtes Vermögen.

Doch warum stellte Elasar die Waisen über seine eigene Tochter? Nach der Halacha hat die eigene Familie bei Zedaka Vorrang. Die Kommentatoren, darunter Maharscha, Anaf Yosef und Ben Yehoyada, erklären, dass Elasar zwar alles gab, was er bei sich hatte, aber nicht sein gesamtes Vermögen. Er überschritt also nicht die halachischen Grenzen. Der Iyun Yaakov meint zudem, Elasar habe diesen Fall als Ausnahme betrachtet: Die Waisen hatten niemanden, der für sie sorgen konnte, während er für seine Tochter später noch Mittel hätte finden können.

Als das Wunder des überquellenden Weizens geschah, wollte Elasar nicht, dass seine Familie davon profitiert. Er erklärte das Getreide für heilig. Doch wie konnten dann die Armen davon essen? Menachem Meishiv Nefesh erläutert, dass dieses Wunder nicht zugunsten der Armen, sondern für Elasar selbst geschah. Daher durften sie es nutzen – und da seine Tochter nun selbst arm war, durfte auch sie davon profitieren.

Der Ben Yehoyada und Rabbi Jakob Emden geben eine allgemeine Regel über Wunder: Nur wenn das Wunder auf etwas Physischem aufbaut, darf man daraus Nutzen ziehen. Beispiele dafür sind die Geschichte des Propheten Elijahu, der das Öl und Mehl der Witwe von Zarfat vermehrte (Melachim I, 17,14), oder das Chanukka-Wunder, bei dem ein kleiner Krug Öl acht Tage lang reichte. Auch Elasars Wunder folgte diesem Muster – aus einem kleinen Rest Weizen entstand unendlicher Segen.

Warum kaufte Elasar ausgerechnet Weizen mit seinem letzten Sus? Der Benayahu erklärt, dass er trotz seiner Spende fest an Haschems Versorgung glaubte. Der Weizen sollte symbolisch für die Hochzeit seiner Tochter stehen, für Brot und Überfluss, die Segen ins Haus bringen. In Bava Metzia (59a) heißt es, dass Brot mit Frauen verglichen wird – denn durch sie kommt Segen ins Haus.

So wird Elasar Isch Birta zum Symbol wahrer Großzügigkeit. Er vertraute auf Haschem, gab mit offenem Herzen, und G’tt füllte sein Haus über alle Grenzen hinaus. Seine Geschichte lehrt uns, dass echter Reichtum im Geben liegt – und dass der, der mit reinem Herzen spendet, nie leer ausgeht.

Meinung

Wer definiert das Judentum?

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland verleiht dem messianischen Rabbiner Mark S. Kinzer die Ehrendoktorwürde. Das belastet das jüdische Verhältnis zu einem katholischen Partner

von Zsolt Balkanyi-Guery  12.05.2026

Israel

In Deboras Fußstapfen

Seit 2018 versuchen Frauen, an den Halacha-Prüfungen des Oberrabbinats teilzunehmen. Nun ist es ihnen gelungen

von Sophie Goldblum  08.05.2026

Talmudisches

Die Zahl 80

Was unsere Weisen über die wahre Stärke im Alter lehren

von Avi Frenkel  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026

Medien

Worte wiegen schwer

Was dürfen Journalisten? Auch Pressekodex und Gesetz kennen Grenzfälle. In der jüdischen Ethik wirft der Chafetz Chaim einen interessanten Blick auf die Frage, was an die Öffentlichkeit gehört

von Mascha Malburg  07.05.2026

Behar–Bechukotaj

Vom Joch befreit

Wie der Ewige seinem Volk die Last der Unterdrückung nimmt

von Rabbiner Avraham Radbil  07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  06.05.2026