Versöhnungstag

Ein Schritt ins Allerheiligste

Zwischen Nuweiba und Taba: Straße auf dem Sinai Foto: picture alliance / Artcolor

Der Toraabschnitt für Jom Kippur, der auch an einem Schabbat gelesen wird, ist von den Weisen so ausgewählt worden, dass die Vorbereitung und der Dienst des Hohepriesters (Kohen Gadol) im Mischkan, dem »Zelt der Begegnung«, an diesem Tag recht detailliert beschrieben wird. Zunächst ist jedoch vom Kohen Gadol keine Rede. Im Text wird Aharon angesprochen. Erst in Vers 32 (3. Buch Mose 16) sagt die Tora: »Und es sühne der Kohen, den man gesalbt und den man bevollmächtigt hat, den Priesterdienst zu tun an der Stelle seines Vaters, und der angelegt hat die Kleider von Linnen, die heiligen Kleider.«

An dieser Stelle wird hervorgehoben, dass dieser Dienst nicht nur von Aharon durchgeführt werden kann. So schreibt Raschi (1040−1105): »Die Sühne an Jom Kippur ist nur dann gültig, wenn sie vom Hohepriester vollzogen wird. Da in diesem ganzen Abschnitt nur von Aharon die Rede ist, war die Schrift gezwungen, hier zu sagen, dass jeder Kohen Gadol, der ihm nachfolgt, ihm gleich sein soll.«

Erst so autorisiert konnte der Kohen Gadol an nur diesem einen Tag im Jahr, an Jom Kippur, einen bestimmten Bereich im Heiligtum betreten: den Kodesch Kodaschim, das Allerheiligste. Diesen Bereich gab es später auch im Tempel, der den Mischkan, das mobile Heiligtum, ablöste. Wenn wir davon ausgehen, dass der Mischkan den Sinai symbolisiert, also jenen Ort, an dem die Tora übergeben wurde, dann hat dieses Detail in unserem Text weitreichende Folgen.

Es gibt Parallelen zwischen den Bauanweisungen für den Mischkan und der Schilderung des Berges, auf den Mosche stieg, um die Tora zu erhalten.

Tatsächlich gibt es Parallelen zwischen den Bauanweisungen für den Mischkan und der Schilderung des Berges, auf den Mosche stieg, um die Tora zu erhalten. Abraham Ibn Ezra (1089−1167), einer der großen Exegeten des Mittelalters, verwendete für den Mischkan das Wort »Mikdasch« aus dem Lied am Schilfmeer (2. Buch Mose 15,17). Dort, am Schilfmeer, ist »Mikdasch« der Sinai: »Du wirst sie auch bringen auf den Berg Deines Eigentums, die Stätte, die Du zu Deinem Sitz gemacht hast, Haschem; das Mikdasch, Haschem, das Deine Hände errichtet haben.«

Was wären also die Folgen? Das Betreten des Allerheiligsten, auf das sich der Kohen Gadol hier vorbereitet, kann als Höhepunkt von Jom Kippur bezeichnet werden. Das Eintreten in diesen Bereich ist, wenn wir die Parallelen betrachten, ein Nachstellen des Hinaufsteigens auf den Berg, das nur Mosche gestattet war und niemand anderem. Dort wurden ihm die Tafeln des Bundes übergeben.

Raschi identifizierte diesen Tag als den 10. Tischri, jenen Tag, den die Tora in unserem Abschnitt als Datum für Jom Kippur festlegt: »Dieses sei euch zur ewigen Satzung: Am zehnten des siebenten Monats sollt ihr euch kasteien und keinerlei Werk verrichten, der Eingeborene und der Fremde, der unter euch weilt« (16,29). Das erklärt auch, warum der Hohepriester nur mit Weihrauch und »Sühneblut« im Aller­heiligsten erscheint. Es werden keinerlei Lebensmittel mit ins Allerheiligste hineingenommen, und die versammelten Kinder Israels fasten.

Nadaw und Awihu wollten die Begegnung im Mischkan unmittelbar erzwingen.

Über Mosche auf dem Berg Sinai heißt es (2. Buch Mose 34,28), er habe »Brot nicht gegessen und Wasser nicht getrunken«. Die Parallele zu Jom Kippur ist offensichtlich, und hier schließt sich der Kreis mit dem ersten Satz unseres Wochenabschnitts (16,1): »Der Ewige sprach zu Mosche nach dem Tod der beiden Söhne Aharons, die starben, da sie vor den Ewigen traten.« Während Mosche sich darauf vorbereitete hinaufzusteigen, um die Offenbarung Gʼttes zu erleben, wollten Aharons Söhne Nadaw und Awihu ihr »fremdes Feuer« direkt und unmittelbar opfern.

Das entspräche dem Geist unserer Zeit: Das Ergebnis muss sofort zu sehen und zu erleben sein. Nadaw und Awihu wollten die Begegnung im Mischkan hingegen unmittelbar erzwingen. Nun wird Aharon also mitgeteilt, dass die Begegnung möglich ist, aber nur nach einer Vorbereitung und auch nur für bestimmte Personen. Der große Kommentator Abarbanel (1437−1508) schreibt, dass der Abschnitt, den wir lesen, ebenjene Möglichkeit eröffnet. Schritt für Schritt. Vergleichen könnte man das mit jemandem, der aus der Dunkelheit ins Licht geht. Ratsam wäre es, einen allmählichen Gewöhnungsprozess zu durchlaufen, denn wer mehrere Stunden in der Dunkelheit verbracht hat, sieht, wenn er plötzlich gleißendem Sonnenlicht ausgesetzt wird, zunächst nichts.

Aharon sollte mit etwas beginnen, das er kennt. Das Tamid-Opfer als tägliches Opfer war ihm bekannt. Dann folgten weitere Elemente, um schließlich den Bereich vor dem Parochet, der Stelle vor dem Vorhang des Allerheiligsten, zu betreten. Er musste ein Gewürzopfer darbringen, Blut auf den Parochet spritzen und konnte erst dann eintreten. In einer Zeit, in der sich jeder viel vornimmt, ist das hilfreich: Wir können das Ergebnis unserer Bemühungen nicht sofort erreichen. Ein Schritt muss nach dem anderen erfolgen.

Wir können das Ergebnis unserer Bemühungen nicht sofort erreichen. Ein Schritt muss nach dem anderen erfolgen.

Raschis Kommentar, in dem er den 10. Tischri identifiziert, bezieht sich auf die zweite Übergabe der Tafeln, nachdem Mosche die ersten, nach dem Vorfall mit dem Goldenen Kalb, zerschmettert hatte. In dieser Szene spricht Gʼtt zu Mosche: »Der Ewige, der Ewige, Gʼtt, erbarmungsvoll, gnädig, langmütig, reich an Gnade und Wahrheit, bewahrt die Gnade bis in die tausendste Generation, verzeiht Schuld, Frevel und Sünde und läutert« (2. Buch Mose 34, 6–7). Dieser Text wurde später als die »13 Middot« in die Gebete von Jom Kippur aufgenommen.

Die Erinnerung an die Übergabe der Tora, die Vergebung an Jom Kippur und der Mischkan sind miteinander verwoben. Auch das Fasten und das Vermeiden von Lederschuhen (»Zieh deine Schuhe von deinen Füßen«, 2. Buch Mose 3,5) sind Elemente, die auf die Begegnung mit Gʼtt hinweisen. Ebenso die 13 Middot. Jom Kippur ist in der Tora weit mehr als ein plötzlich auftretendes Datum mit der Aussicht auf Versöhnung. Er ist Erinnerung und Anleitung, wie diese zu geschehen hat: Schritt für Schritt.

Der Autor ist Blogger und lebt in Gelsenkirchen

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

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