Talmudisches

Die sechs Fragen

Nach dem Tod wird jeder Mensch vor Gottes Tribunal erscheinen. Foto: Thinkstock

Talmudisches

Die sechs Fragen

Vom himmlischen Gericht

von Yizhak Ahren  11.06.2018 21:21 Uhr

Was erwartet einen Menschen nach seinem Tod? Rabbi Elasar Hakappar stellt fest, dass jeder Mensch dann vor Gottes Tribunal erscheinen wird: »Es beruhige dich nicht dein böser Trieb, dass die Gruft eine Zufluchtsstätte dir sei, denn unfreiwillig wurdest du gebildet, unfreiwillig geboren, unfreiwillig lebst du, unfreiwillig stirbst du; und unfreiwillig musst du eines Tages Rechenschaft ablegen vor dem König aller Könige, dem Heiligen, gelobt sei Er« (Sprüche der Väter 4,29).

Im Talmud (Schabbat 31a) sind ein halbes Dutzend Fragen aufgelistet, die das himmlische Gericht betreffen. »Raba sagte: ›Wenn man den Menschen zu Gericht bringt, fragt man ihn: Hast du deinen Handel in Redlichkeit betrieben? Hast du Zeiten für die Tora festgelegt? Hast du dich mit Fortpflanzung beschäftigt? Hast du auf das Heil gehofft? Hast du über Weisheiten diskutiert? Hast du verstanden, Sache auf Sache zu folgern?‹«

redlichkeit Bemerkenswert ist, dass die allerers­te Frage sich auf die Redlichkeit im Handel bezieht. Warum kommen zwischenmenschliche Angelegenheiten vor jenen Themen zur Sprache, die das Verhältnis zwischen Mensch und Gott betreffen? Rabbiner Abraham Samuel Benjamin Sofer (1815–1871), der Verfasser des Res­ponsums Ktav Sofer, antwortete: Die Erfüllung zahlreicher Gebote hängt davon ab, dass das aufgewendete Geld redlich verdient wurde. Wer zum Beispiel durch Täuschung erworbenes Geld für wohltätige Zwecke ausgibt, der hat keine gottgefällige Handlung getan!

Wenden wir uns nun der zweiten Frage zu: »Hast du Zeiten für die Tora festgesetzt?« Der Mensch wird nicht gefragt, ob er überhaupt Tora studiert habe. Man will von ihm wissen, ob er für das Torastudium bestimmte Zeiten festgelegt hatte. Wie Raschi (1040–1105) erklärt, ist jeder verpflichtet, einem Beruf nachzugehen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es entsteht die große Gefahr, dass man den ganzen Tag mit geschäftlichen Aktivitäten ausfüllt. Daher die Pflicht, für das gebotene Toralernen feste Zeiten zu bestimmen. Im Fall, dass gelegentlich etwas dazwischenkommt, sollte man die ausgefallene Lernzeit später nachholen (Mischna Berura 155,4).

Fortpflanzung Die Frage »Hast du dich mit Fortpflanzung beschäftigt?« scheint eindeutig zu sein. Für den Weiterbestand seines Volkes zu sorgen, ist ohne Zweifel von immenser Bedeutung. Erwähnenswert ist ein Kommentar des Maharscha, Rabbiner Schmuel Elieser Edels (1555–1631): »Es heißt nicht: Hast du das Gebot der Fortpflanzung erfüllt? Sondern: Hast du dich mit Fortpflanzung beschäftigt? Das bedeutet: Waisenkinder zu verheiraten!« Der Mensch wird also nach der Interpretation des Maharscha vom himmlischen Gericht gefragt, ob er für die Verheiratung von Waisenkindern gesorgt habe.

Was bedeutet die vierte Frage: »Hast du auf das Heil gehofft?« Raschi erklärt, man sei verpflichtet zu hoffen, dass die Worte der Propheten in Erfüllung gehen. Daher sagen manche Juden täglich nach dem Morgengebet: »Ich glaube mit voller Überzeugung an das Kommen des Messias. Obwohl er säumt, warte ich trotzdem jeden Tag, dass er komme.« Dieser Glaubenssatz wurde übrigens zur Hymne derjenigen, die die Schoa überlebt haben.

Torastudium Die beiden letzten Fragen beziehen sich auf die Qualität des Torastudiums: »Hast du über Weisheiten diskutiert? Hast du verstanden, Sache aus Sache zu folgern?« Beim Torastudium soll man den Text nicht nur einfach wiederholen, sondern in die Tiefe dringen und möglichst auch Schlüsse für die Praxis ziehen. Diese Aufgabe zu erfüllen, ist gewiss nicht leicht.

Die von Raba aufgelisteten Fragen des himmlischen Tribunals sind für uns deshalb sehr wichtig, weil sie uns eine Orientierungshilfe geben. Nun wissen wir, auf welche Punkte wir in unserem Leben in dieser Welt besonders achten müssen, damit wir nach dem Tod nicht völlig überrascht sind und in eine tiefe Verlegenheit geraten. Denn dann ist es für Korrekturen zu spät!

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