Selichot

Die richtige Zeit für Vergebung

Mit den Selichot-Gebeten stimmen sich Juden in aller Welt auf die Hohen Feiertage ein. Foto: Flash90

Ein Tag im September, 5.30 Uhr am Morgen. Die Straßen von Jerusalem sind dunkel und fast menschenleer. Um diese Zeit sind Egged-Busse mit mürrischen Fahrern und auf Hochglanz polierte Taxis bis auf wenige Ausnahmen noch allein unterwegs. Sie transportieren Frühaufsteher verschiedener Herkunft und Religion zu ihren Zielen. Der Morgen dämmert, die Luft ist noch kühl. Erst in einigen Stunden wird die Hitze die Bewohner und Besucher von Jerusalem wieder plagen.

Während die meisten Menschen noch ihre letzten Stunden Schlaf genießen, sind die sefardischen Synagogen bereits hell erleuchtet, und ihr Gesang lädt die schlummernde Stadt ein, zu erwachen und sich ihnen anzuschließen: »Mensch! Warum schläfst du noch? Steh schon auf und rufe in Bittgebeten; schüttle dein Herz aus und bitte um Verzeihung vor dem Herrn der Herren.«

Ritus Mit diesem »Pijut« (Hebräisch für »Lied« oder »Gedicht«) eines unbekannten Verfassers beginnt man laut dem sefardischen Ritus täglich die Selichot, Bitte um Vergebung. Das »Erwachen« in diesem Pijut hat eine doppelte Bedeutung: Zum einen ist das physische Erwachen und das frühe Aufstehen für die Selichot gemeint.

Die betagten Jeruschalmis können sich noch daran erinnern, wie der alte Gabbai, der Synagogendiener, im Monat Elul in den alten Vierteln von Jerusalem von Tür zu Tür ging und an die Fenster klopfte, um die Menschen zum Gebet aufzuwecken. Zum anderen ist das Erwachen aus dem »spirituellen Schlaf« gemeint. Im Laufe des Jahres neigen wir Menschen dazu, in einen spirituell schlafähnlichen Zustand zu versinken, in dem wir uns schlechte Gewohnheiten aneignen und nicht (genug) über unsere Taten und ihre Konsequenzen nachdenken. Auch aus diesem Schlaf fordert uns das Lied auf, zu erwachen.

Die sefardischen Juden beginnen schon Anfang des Monats Elul mit den Selichot.

Der Begriff »Selichot« leitet sich von »Selicha« ab, was »Verzeihung« bedeutet. Sie sind eine Sammlung von Gebeten, in denen wir G’tt im Vorfeld und während der Hohen Feiertage um Verzeihung bitten. Im Zentrum der Selichot stehen die »13 Attribute der Barmherzigkeit«.

Die Tora berichtet, dass, nachdem das jüdische Volk beziehungsweise ein Teil davon, das Goldene Kalb anfertigte und es anbetete, G’tt das Volk mit Ausnahme von Mosche vernichten wollte. Mosche flehte G’tt an, ihnen zu verzeihen, und zählte die 13 Attribute der Barmherzigkeit auf, woraufhin sich G’tt besänftigen ließ: »G’tt, G’tt! Barmherziger und gnädiger G’tt, langsam zum Zorn und reich an unerschütterlicher Güte; der Güte bis in die tausendste Generation ausdehnt, der Schuld, Missetat und Sünde vergibt.«

Barmherzigkeit Laut dem Midrasch war es G’tt selbst, der Mosche die 13 Attribute der Barmherzigkeit beigebracht hatte und ihm versprach, dem jüdischen Volk stets zu verzeihen, wenn es diese aufsagt. Im Laufe der Jahrhunderte wurden poetische, thematisch passende Gebete verfasst und an die 13 Attribute angeschlossen, sodass schließlich die Selichot entstanden.

Im Gegensatz zu den aschkenasischen Juden, die erst in der Woche von Rosch Haschana mit den Selichot beginnen, haben die sefardischen Juden den Brauch, schon zu Beginn des Monats Elul mit den Selichot zu beginnen. Wie kam es zu diesem Unterschied?

Im Midrasch steht, dass Mosche nach der tragischen Geschichte mit dem Goldenen Kalb am ersten Tag des Monats Elul erneut auf den Berg Sinai hinaufstieg, um eine endgültige Vergebung von G’tt zu bewirken. 40 Tage und 40 Nächte später, am 10. Tischri, kehrte Mosche mit zwei neuen Bundestafeln zurück, ein Zeichen dafür, dass G’tt dem jüdischen Volk tatsächlich für seine Sünde verziehen hat. Das waren sozusagen die ersten Hohen Feiertage in der Geschichte des jüdischen Volkes.

rezitation Rabbi Isaac Ibn Ghiyyat (1030/1038–1089) und Rabbi Jakov Ben Ascher (1269–1343) zitieren die Meinung von Rabbi Hai Gaon (939–1038), dass man am 1. Elul mit den Selichot beginnen soll, weil Mosche an diesem Tag auf den Berg Sinai hinaufstieg und so die 40 Tage der Selichot-Rezitation der Zeit entsprechen, die Mosche auf dem Berg verbrachte.

Im Talmud gibt es jedoch eine Meinungsverschiedenheit zwischen den Tannaim, den großen rabbinischen Lehrern, darüber, in welchem Monat die Welt erschaffen wurde. Rabbi Eliezer ist der Ansicht, dass die Welt im Monat Tischri erschaffen wurde. Und Rabbi Jehoschua ist der Überzeugung, dass es im Nissan war. Die Tosafisten, die später den Talmud mit ihren Interpretationen ergänzten, argumentieren wiederum, dass die Schöpfung der Welt in Wahrheit am 25. Elul begann und der Mensch am 1. Tischri, dem sechsten Tag der Schöpfung, erschaffen worden ist.

Die Kotel ist ein besonderer Ort, um die Vergebungsgebete zu rezitieren.

Rabbi Nissim von Gerona (1320–1380) schreibt, dass es daher in Barcelona üblich war, erst am 25. Elul mit den Selichot zu beginnen. Rabbi Joseph Karo (1488–1575), Autor des Schulchan Aruch und die halachische Autorität für sefardische Juden, folgt der Meinung von Rabbi Hai Gaon, dass Selichot im gesamten Monat Elul gesagt werden sollen. Die halachische Autorität für aschkenasische Juden, Rabbi Mosche Isserles (1530–1572), folgt hingegen dem Brauch von Barcelona, legte jedoch fest, dass man stets am Sonntag in der Woche von Rosch Haschana beginnen soll, da er befürchtete, dass man sich sonst im Datum irren könnte.

Kabbalist In der Regel sind die aschkenasischen Bräuche für Aschkenasen und sefardische Bräuche für Sefarden bindend, aber hinsichtlich der Selichot schien das weniger so zu sein, denn es gab aschkenasische Gelehrte, die dem sefardischen Brauch folgten. So soll der bekannte Kabbalist, Rabbi Isaac Luria Aschkenazi (1534–1572), den ganzen Monat Elul Selichot gesagt haben.

Obwohl Selichot in jeder aschkenasischen und sefardischen Synagoge rezitiert werden, gibt es einen besonderen Ort, an dem sich jedes Jahr Tausende Menschen versammeln, um gemeinsam Selichot zu sagen, nämlich an der Kotel, der Westmauer in Jerusalem. Im Midrasch steht, dass sie der nächste Ort zu den »Toren des Erbarmens« ist. In diesen Tagen erhoffen wir uns Barmherzigkeit und Erbarmen von G’tt, und daher bevorzugen es viele Menschen, gerade an dieser Stelle Selichot zu sagen. Laut einer Schätzung der Polizei kamen im Jahr 2019 mehr als 200.000 Menschen am Vortag von Jom Kippur zu den letzten Selichot an die Kotel.

In Israel leben viele Juden verschiedener Herkunft, mit verschiedenen Riten und Ausrichtungen der Religiosität, und es ist kein Geheimnis, dass es zwischen ihnen viele Meinungsverschiedenheiten und oft leider auch Konflikte gibt. Wenn sie aber alle Seite an Seite an der Kotel stehen und gemeinsam zu G’tt beten, ohne ihrer Herkunft, Hautfarbe oder der genauen Beschaffenheit der Kippot Bedeutung zu schenken, dann erinnern wir uns daran, dass wir alle Teil eines Volkes sind. In diesem Sinne beten wir auch an Rosch Haschana und Jom Kippur: »Und alle werden sich in einen Bund vereinigen, Deinen Willen mit dem ganzen Herzen zu erfüllen.«

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