Spiritualität

Die Macht der Gerüche

»Das soll das tägliche Räucheropfer sein vor dem Ewigen bei euren Nachkommen« (2. Buch Mose 30,8). Foto: Thinkstock

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Die Macht der Gerüche

Warum die wichtigsten Tagesgebete Aharons Rauchopfer erwähnen

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  19.02.2018 18:30 Uhr

Am Ende des Wochenabschnitts Tezawe wird berichtet, dass Mosche von Gott den Auftrag erhält, einen Altar für das Rauchopfer (Ketoret) zu errichten. »Und Aharon soll darauf verbrennen gutes Räucherwerk jeden Morgen, wenn er die Lampen zurichtet. Desgleichen, wenn er die Lampen anzündet gegen Abend, soll er solches Räucherwerk auch verbrennen. Das soll das tägliche Räucheropfer sein vor dem Ewigen bei euren Nachkommen« (2. Buch Mose 30, 7–8).

Auf der Grundlage dieser göttlichen Weisung findet das Rauchopfer seine Erwähnung im täglichen Morgen- (Schacharit) und Nachmittagsgebet (Mincha), den wichtigsten Tagesgebeten. Auch im mystischen Buch Sohar wird seine Wichtigkeit betont.

Altäre Nun waren in der Stiftshütte zwei Altäre in Gebrauch. Auf dem kupfernen wurden alle Opfer dargebracht außer den Räucheropfern, die auf dem goldenen Altar vollzogen wurden. Im Kommentar Kli Jakar von Rabbi Schlomo Ephraim Luntschitz (1550–1619) lesen wir, dass diese zwei Altäre einander ergänzten und keiner ohne den anderen vollkommen war. Wie kam es zu dieser Vorstellung, und warum gibt es diese zwei Altäre?

Stellen wir uns den Menschen vor. Er besteht aus einer Einheit von Körper und Seele. Er weist eine materielle und eine spirituelle Seite auf. Wenn der Mensch sündigt, brauchen Körper und Seele Versöhnung. Beide sind aus dem Gleichgewicht geraten und in Mitleidenschaft gezogen. Ein Sühneopfer wird notwendig. Um der immateriellen wie der materiellen Seite gerecht zu werden, hat Gott entsprechend befohlen, zwei Altäre zu bauen: den kupfernen für die Entsühnung des leiblichen und den goldenen Altar für die Entsühnung des seelischen Menschen.

Auf dem kupfernen Altar wurden Tiere geopfert. Bei Mensch und Tier finden sich ähnliche Züge und Gemeinsamkeiten. Ge­netischer Code und Körperaufbau ähneln einander, die Konstruktion des Körpers beider Gattungen ist miteinander vergleichbar, und so wie das Tier wird auch der Mensch von Trieben und Instinkten geleitet.

Diese Verwandtschaft legt es nahe, Tiere stellvertretend für den zu entsühnenden materiellen Teil des Menschen zu opfern. Aber damit wäre dem Menschen erst zur Hälfte gedient, denn auch seine Seele stellt eine Realität dar. Diese aber findet keine Entsprechung im Tier. Deshalb hat Gott befohlen, einen Räucheraltar zu errichten. Denn der dort aufsteigende Geruch leistet die Entsühnung für die Seele.

Sinne Wie viele Sinne (Tast-, Seh-, Geschmackssinn ...) dem Menschen auch immer zugeschrieben werden – der Geruchssinn weist eine besondere Affinität zum Spirituellen auf. Man kann es sich so vorstellen: Wie der Rauch bei der Opfergabe aufsteigt, so steigt durch ihn materialisiert die Seele (Neschama) wieder zu Gott auf, die sich vorher durch Sünde von ihm entfernt hatte.

Eine weitere interessante Beobachtung zur Charakterisierung des Geruchssinns und seinem Vorzug gegenüber allen anderen Sinnen des Menschen machen wir in dem chassidischen Buch Bnei Jissachar von Rabbi Zwi Elimelech aus Dinov (1783–1841). Dort heißt es im Kapitel über den Monat Adar: Als der erste Mensch sündigte, seien vier seiner Sinne in ihrer Funktionstüchtigkeit wesentlich beeinträchtigt worden. Dazu gehört das Sehen, das von Chawa missbraucht wurde, denn im 1. Buch Mose 3,6 heißt es: »Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte.«

Ebenso, schreibt Rabbi Zwi Elimelech, sei der Tastsinn in Mitleidenschaft gezogen worden, als Chawa von der verbotenen Frucht nahm. Und auch der Geschmackssinn sei zu Schaden gekommen, weil sie von der Frucht aß. Das Hören, das zum Gehorsam auf Gottes Stimme und seine Gebote dienen sollte, sei durch Adams Ungehorsam verdorben worden, denn es heißt: »Und zum Mann sprach der Ewige: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem Ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen.«

So sehr die genannten Sinne versehrt sind – so sei jedoch der Geruchssinn durch die Sünde des Menschen nicht geschädigt, führt Rabbi Zwi Elimelech aus. Der Geruchssinn sei eine spirituelle Brücke zwischen Gott und Mensch. Vor diesem Hintergrund verstehen wir auch, warum wir bei der Hawdala zum Schabbatausgang unsere Neschama jetera (Ersatzseele) mit wohlriechenden Gewürzen verabschieden und zu Gott zurückkehren lassen.

Lichter Rabbi Schlomo Ephraim Luntschitz sieht in der Tatsache, dass die Tora genau ausführt, wann Aharon das Rauchopfer darbringen soll, einen Zusammenhang zwischen dem Rauchopfer und dem Anzünden der Menoralichter beziehungsweise der Reinigung des Leuchters. Am Abend wurden die Lichter der Menora angezündet und brannten die ganze Nacht hindurch. Am Morgen mussten sie vom Ruß gereinigt werden. Parallel zum Entzünden der Menoralichter am Abend und zu ihrer Reinigung am nächsten Morgen soll jeweils das Rauchopfer dargebracht werden.

In Mischle 20,27 heißt es: »Eine Leuchte des Ewigen ist des Menschen Geist.« Auch der Mensch hat seine Zeit, dass das Licht seines Geistes angezündet wird. Es geschieht am Morgen, wenn das Leben wieder in ihn zurückkehrt und er durch den Schlaf ertüchtigt ist. Gegen Abend verliert die Leuchte seines Geistes an Strahlkraft, die Seele verlischt im Schlaf. Und wenn Aharon die Kerzen der Menora am Abend anzündete, war diese Handlung der Hinweis darauf, dass die Seele an ihren ursprünglichen Ort – zu Gott, ihrem Schöpfer – rein zurückkehrt, begleitet von einem entsühnenden Rauchopfer.

Am frühen Morgen, beim Erwachen vom Nachtschlaf, ist es unsere Pflicht, unsere Le­benskerze, die Seele, im Schacharitgebet Gott zu weihen, Ihn durch unsere Gebete wie durch ein liebliches Rauchopfer zu erfreuen. Aus diesem Grund ist der Abschnitt über die Ketoret ein wichtiger Bestandteil des Schacharitgebets.

Der Autor ist Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) und war bis 2011 Landesrabbiner von Sachsen.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Tezawe berichtet davon, wie den Kindern Israels aufgetragen wird, ausschließlich reines Olivenöl für das ewige Licht, das Ner Tamid, zu verwenden. Auf Geheiß des Ewigen soll Mosche seinen Bruder Aharon und dessen Söhne Nadav, Avihu, Eleazar und Itamar zu Priestern machen. Für sie übermittelt die Parascha Bekleidungsvorschriften. In einer siebentägigen Zeremonie werden Aharon und seine Söhne in das Priesteramt eingeführt. Dazu wird Aharon angewiesen, Weihrauch auf einem Altar aus Akazienholz zu verbrennen.
2. Buch Mose 27,20 – 30,10

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