Schelach Lecha

Die Logik der Tora

Das Wort Tora ist mit den Worten »Hora’a« (Anweisung) und »Ora« (Licht) verwandt. Foto: Marco Limberg

Stellen Sie sich eine Gruppe von streitenden Verwandten vor: Auf der einen Seite zehn respektable Großeltern, Tanten und Onkel, die fest davon überzeugt sind, »das Internet ist gelöscht« und der PC irreparabel. Auf der anderen Seite zwei vermeintlich freche Enkel, die meinen, dass mit Papas Hilfe alles bestimmt behoben werden kann.

Auf welche Seite soll man sich stellen? Soll man sich hier der Mehrheit anschließen? Man weiß, wie gruppendynamische Prozesse in einer solchen Situation funktionieren: Die Schuld wird bei den Enkeln gesucht – und gefunden, während der Rest der Familie über den finanziellen Schaden trauert. Als außenstehender technisch begabter Leser ist in einer solchen Situation intuitiv klar, dass das Mehrheitsprinzip hier nicht anzuwenden ist.

Auf den ersten Blick könnten wir meinen, das Problem sei vielleicht das fehlende Fachwissen. Doch es gibt immer Momente, in denen wir nicht genügend Informationen haben, manchmal sind wir uns dessen nicht einmal bewusst. Entscheidend ist, wie wir mit der Situation umgehen.

HYSTERIE Im Wochenabschnitt Schelach Lecha erzählt die Tora die tragische Geschichte der zwölf Kundschafter: Mosche entsendet zwölf Fürsten aus den Stämmen Israels, um das verheißene Land auszuspähen. Von der Mission bringen die Kundschafter riesige Früchte mit und preisen das vorzügliche Land. Zehn Kundschafter jedoch berichten auch, dass die Menschen dort Riesen sind und das jüdische Volk keine Chance hat, das Gebiet einzunehmen. Eine Massenhysterie bricht aus, und das jüdische Volk weint die ganze Nacht.

Die Israeliten geben die Hoffnung auf das gelobte Land auf und wollen sogar nach Ägypten zurückkehren. Die Kundschafter Jehoschua und Kalev versuchen, dem Volk Mut und Hoffnung zuzusprechen, jedoch geraten sie dadurch schnell in Verruf.

Die Folgen sind verheerend: Gott beschließt, dass es an diesem 9. Aw in der späteren jüdischen Geschichte noch genügend Gründe geben wird zu weinen. Nur indem Mosche Gott bittet und Argumente vorbringt, kann das Schlimmste verhindert werden, und das Urteil wird »abgemildert«: Alle Erwachsenen, die älter als 20 sind, werden dazu verdammt, in den nächsten 40 Jahren in der Wüste zu sterben, damit keiner von ihnen jemals das Land Israel betritt, außer Jehoschua und Kalev.

vergehen Man könnte sich fragen: Was war denn genau das große Vergehen der Kundschafter? Ist es denn nicht legitim, über die schwierige militärische Lage zu berichten?

Der Talmud (Sota 34a) erklärt, dass zehn Kundschafter sich schon während ihrer Mission verschworen haben, um dem jüdischen Volk vom Land Israel abzuraten. Als Requisiten dafür trug einer von ihnen eine riesige Feige, ein anderer einen monströsen Granatapfel, und weitere acht Kundschafter schleppten eine gigantische Weinrebe.

Sie wollten zeigen: »So wie die Früchte dort übermächtig sind, so sind es auch unsere Feinde.« Jehoschua und Kalev jedoch trennten sich von der Gruppe und beteten, dass sie in dieses Unterfangen nicht hineingezogen werden.

DEBATTE Im Judentum geht es bei Entscheidungsfindungsprozessen nicht um die Präsentation, um die Eloquenz oder Herkunft des Redners. Das alles Entscheidende ist die Logik auf Basis der Tora. Mosche selbst verkörperte diese Idee: Er stotterte und war kein charismatischer Anführer, der die Massen in seinen Bann ziehen konnte.

Die zehn Fürsten jedoch inszenieren eine öffentliche Debatte, spielen mit Ängsten und entfachen eine Massenpanik, um eine Entscheidung nach ihrer Auffassung zu erzwingen. Dies erklärt die Schwere ihres Vergehens. Doch warum ist das ganze Volk schuldig, nur weil es von einer Gruppe in die Irre geführt wurde? Zudem besteht das Prinzip, dass man bei widersprüchlichen Meinungen der Mehrheitsmeinung folgt.

Der jüdische Ansatz ist, ein Problem immer aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten, jede Annahme zu hinterfragen und jeden Aspekt auseinanderzunehmen. Wir sollen den Intellekt, den uns Gott gegeben hat, maximal nutzen, um die Wahrheit herauszufinden. Dies ist ein absolut grundlegendes Prinzip des Judentums.

Sollte man von einer anderen Person beauftragt werden, etwas Verbotenes zu tun oder sich zum Beispiel von gruppendynamischen Prozessen leiten zu lassen, hat dies im jüdischen Recht keine strafmildernde Wirkung.

Im jüdischen Recht gilt der Grundsatz: »Ejn Schlichut baDwar Awera« (Kidduschin 42b–43a). Dies besagt, dass man bei einer verbotenen Handlung immer primär selbst haftet und die Verantwortung für eine Handlung nicht auf andere schieben kann.

KOMPASS Das auserwählte Volk hat eine moralische Pflicht, seinen eigenen Verstand zu benutzen. Um dieses Prinzip in unser Volk einzupflanzen und den moralischen Kompass jüdisch auszurichten, hat Gott uns 40 Jahre in der Wüste Tora lernen lassen.

Der Sanhedrin, das oberste jüdische Gericht, war genau diesem Prinzip verschrieben: Es war kein Parlament mit öffentlichen Debatten und Parteien im politischen Sinne. Es war eine Versammlung der größten Tora-Experten, die ihren Verstand einsetzten, um die logisch kohärente Anwendung der Halacha für einen bestimmten Fall herauszufinden.
Konnte auch nach ausgiebiger Analyse kein Entschluss gezogen werden, dann kam es, als letztes Mittel zur Entscheidungsfindung, zur Abstimmung der Experten, um mit den besten Chancen bei der Wahrheit anzukommen.

Nicht zufällig lehrt uns die Tora im Anschluss an die Geschichte von den Kundschaftern: Wenn etwa der Sanhedrin irrtümlich etwas erlaubt hatte, was eigentlich strengstens verboten ist, dann muss der Sanhedrin ein Sühneopfer bringen für die Sünde, dass die Mitglieder ihren Intellekt nicht hinreichend genutzt hatten, um zur richtigen Entscheidung zu gelangen.

Gott sei Dank haben uns die 40 Jahre in der Wüste geholfen, sodass wir uns sogar ab und zu über das jüdische Denken lustig machen können. Heißt es doch nicht umsonst: zwei Juden – drei Meinungen. Aber besser so, als bei einem Problem mit drei Nuancen nur zwei Seiten zu sehen.

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin.

inhalt
Mit G’ttes Erlaubnis sendet Mosche zwölf Männer in das Land Kanaan, um es auszukundschaften. Von jedem Stamm ist einer dabei. Zehn kehren mit einer erschreckenden Schilderung zurück: Man könne das Land niemals erobern, denn es werde von Riesen bewohnt. Lediglich Jehoschua bin Nun und Kalev ben Jefune beschreiben Kanaan positiv und erinnern daran, dass der Ewige den Israeliten helfen werde. Doch das Volk schenkt dem Bericht der zehn Kundschafter mehr Glauben und ängstigt sich. Darüber wird G’tt zornig und will das Volk an Ort und Stelle auslöschen. Doch Mosche kann erwirken, dass G’ttes Strafe milder ausfällt.
4. Buch Mose 13,1 – 15,41

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