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Der schöne Geruch

Die Tora beschreibt detailliert, aus welchem Anlass was und wie viel geopfert werden sollte

von Rabbiner Walter Rothschild  22.03.2019 09:11 Uhr

Bildhafter geht nicht: Manche Passage aus dem Buch Wajikra liest sich fast wie die Anleitung für ein Barbecue. Foto: Getty Images

Die Tora beschreibt detailliert, aus welchem Anlass was und wie viel geopfert werden sollte

von Rabbiner Walter Rothschild  22.03.2019 09:11 Uhr

Gott und Mosche können oben auf einem Berg abstrakt miteinander reden, aber das Volk braucht etwas Konkretes: Es braucht ein Bildnis, und es braucht Opfer. Im Buch Wajikra wird den Israeliten mitgeteilt, wie sie mit Gott kommunizieren und wie sie Ihm opfern können.

Manche Passage liest sich fast wie die Anleitung für ein Barbecue; alles ist genau geregelt. Doch es fehlt die Frage nach dem Warum.

Sind diese Gesetze, seit es keinen Tempel, keine Kohanim und keinen Altar mehr gibt, vollkommen irrelevant geworden?

Eine jüdische Antwort darauf wäre: »Ja, aber …« Klar ist, die detaillierten Beschreibungen sind seit fast 2000 Jahren nicht mehr relevant. Wahr ist auch, dass der Mensch eine Beziehung zu Gott braucht, doch wie, wenn nicht durch den Opferdienst? Die Babylonier glaubten, sie kämen Gott näher, indem sie einen Turm gen Himmel bauen – doch wir wissen, wie die Geschichte ausging.

Pflicht Was bedeutet Opferdienst, was Gabe, und gibt es einen Unterschied zwischen beidem? »Gabe« heißt, jemandem ein Geschenk zu machen nur aus Liebe und Dankbarkeit. »Opfer« heißt, etwas aus einer Pflicht heraus abzugeben.

Das hebräische Wort »Korban« (Opfer) leitet sich von »karow« (nahe) ab. Man nähert sich Gott, fühlt sich Ihm nah, ist an einer engen, fast intimen, wenn auch formalen Beziehung interessiert.

Damals gab es Vermittler, die Priester, und fest geregelte Riten. Später haben die Rabbiner daraus die »Awoda scheBaLev« gemacht – einen Dienst, der im Herzen stattfindet oder vom Herzen kommt. Sie sprachen von der »Gabe unserer Lippen« – vom Gebet statt vom Tieropfer.

Was heißt es, ein Opfer darzubringen? Und wozu tut man das? Es wirkt widersprüchlich, dass man dem etwas zurückgibt, der einem etwas gegeben hat – es scheint sogar eine Art von Undankbarkeit zu sein. Aber wenn ein Kind von dem Taschengeld, das ihm seine Eltern gegeben haben, ein Geschenk für die Eltern kauft, dann wissen zwar alle, woher die Mittel stammen – doch was zählt, ist das Gefühl, die Motivation.

In fast allen Religionen findet man dieses Konzept: Man gibt Gott (oder den Göttern) etwas Wertvolles – nicht unbedingt, weil Gott es braucht, sondern weil man zeigen möchte, wie wichtig einem die Liebe zu Gott ist.

Früher gab es Menschenopfer, und auch im Tanach lesen wir von Israeliten, die bereit waren, ihre erstgeborenen Söhne dem Moloch zu opfern.

Im 1. Buch Mose 22 verlangt Gott etwas Ähnliches von Awraham. Dieser reagiert nicht ablehnend, sondern geht einfach weg, um es zu tun. In allerletzter Sekunde sagt Gott: »Nein, das will ich nicht« – und so opfert Awraham stattdessen einen Widder, den er dort findet.

Garantie Der Allererste, der Gott ein Opfer darbrachte, war Kain (1. Buch Mose 4, 3–5). Es steht nicht im Text, warum er das tat – wir lesen lediglich, dass Gott Kains Opfer nicht so gut fand wie das seines Bruders Hewel. Es gab also keine Garantie, dass das Opfer auch angenommen wurde.

Was sollte man geben? Etwas Gutes und Reines. Der Nächste, der opferte, war Noach. Er hatte bereits von »reinen« und »unreinen« Tieren gehört – Tierarten, die man opfern durfte, und solchen, die verboten waren.

Nach seiner Rettung aus der Sintflut opferte Noach von allen reinen Tieren und von allen reinen Vögeln (1. Buch Mose 8,20). Das wirkt seltsam, nachdem er sich so viel Mühe gegeben hatte, die Tiere zu retten. Aber diese Brandopfer zeigten Wirkung: Gott wurde durch den »schönen Geruch« besänftigt und segnete Noach.

In verschiedenen heidnischen Religionen wurden früher Jungfrauen geopfert und den Göttern geschenkt: verbrannt, einen Felsen hinabgeworfen oder auf einem Altar geschlachtet.

Im Judentum waren die Opfer – Stiere, Ziegen, Lämmer – fast immer männlich. (Das hatte auch praktische Gründe. Man brauchte für die Zucht nicht so viele männliche Tiere, und Milch gaben sie auch nicht. Viele waren deswegen sozusagen überflüssig.)

Die Opfer, sowohl Tiere als auch Früchte, mussten jung, gesund und in gutem Zustand sein. Nur das Beste für Gott! Der Ritus war keine Möglichkeit, B‐Ware loszuwerden. In einige Religionen bringt man Kerzen oder Weihrauch, einen schönen Duft, vor ein Gottesbild. Alles dies hat etwa die gleiche Funktion: Gott (oder wem auch immer) Respekt, Liebe, Hingabe, Dank, Reue oder Ehrfurcht zu zeigen.

Preisliste In unserem Wochenabschnitt wird beschrieben, dass man unterschiedliche Opfer zu unterschiedlichen Zwecken darbringt. Und es gibt eine Art Preisliste, ganz transparent: Alle können lesen, was ein Schuld‐ oder ein Dankopfer kosten soll. Es gab den »normalen« Preis und – für die Armen – manchmal einen Rabatt, ein paar Tauben statt einem Widder.

Auch können alle lesen, welcher Prozentsatz von den Priestern behalten werden darf. Einige Opfer wurden ganz verbrannt, andere zwischen Gott, dem Priester und dem Spender aufgeteilt. Alles war genau geregelt.

Die Einzelheiten scheinen wichtig zu sein. In einigen Fällen genügen die ersten Früchte der Ernte, in anderen ein reines, gesundes, feines (und normalerweise männliches) Tier. Es muss sterben, sein Blut – in dem sich das Leben befindet – wird um den Altar gegossen, ein Teil des Fleisches (ohne Blut) – mit Fett – wird verbrannt, und ein Teil wird gegessen. Dazu kommen normalerweise Mehl und Öl, von beidem nur das Feinste.

In Scharen kamen die Israeliten mit ihren spirituellen Bedürfnissen: Schuldopfer, Dankopfer … Es gab unterschiedliche Gründe für ein Opfer. In Kapitel 6 lesen wir von Ola, Mincha, Korban Aharon und Chata’at. Es gab Opfer für das Volk und individuelle Opfer, es gab Dankesopfer und Sühnopfer – ein sehr kompliziertes System. Doch es bleibt die Frage: Wozu?

Eine mögliche Antwort wäre: Es ging um eine gemeinsame Mahlzeit. Wie zeigt man Freundschaft und Verbundenheit? Durch ein gemeinsames Essen. Durch den Opferritus konnte man einen Teil der Mahlzeit hier auf Erden essen, während ein Teil in Form von Rauch hinaufstieg zu Gott. So erlebte man eine gemeinsame Mahlzeit mit dem Ewigen, der diesen Rauch empfangen und denken würde: »Das ist ein Rejach nichoach!«, ein schöner Geruch.

Und heute? Wie schaffen wir eine gemeinsame Mahlzeit mit Gott? Indem wir Ihn »nach unten« einladen, durch Brachot (Segenssprüche) vor dem Essen und mit dem Birkat HaMason, unserer Danksagung nach dem Essen. So bleibt man einander nah, so bleibt man in Verbindung mit Gott.

Der Autor ist Rabbiner bei Beit Polska, dem Verband progressiver jüdischer Gemeinden in Polen.

 

Inhalt

Im aktuellen Wochenabschnitt werden die fünf Arten von Opfern, welche die vorige Parascha eingeführt hat, näher erläutert. Diese sind 
das Brand‐, das Friedens‐, das Sünden‐ und das Schuldopfer sowie verschiedene Arten von Speiseopfern. Dem folgen die Schilderungen, wie das Stiftszelt eröffnet und Aharon mit seinen Söhnen ins Priesteramt eingeführt wird.

3. Buch Mose 6,1 – 8,36

Talmudisches

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Paraschat Balak

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17. Tamus

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