Talmudisches

Der richtige Zeitpunkt

Foto: Getty Images/iStockphoto

Talmudisches

Der richtige Zeitpunkt

Wann man andere besänftigen, trösten oder ermahnen sollte

von Yizhak Ahren  05.05.2023 09:54 Uhr

In den Sprüchen der Väter zählt der Tannait Rabbi Schimon Ben Elasar vier Dinge auf, die man tunlichst unterlassen sollte. Er sagt: »Suche deinen Genossen nicht zu besänftigen zur Zeit seines Zornes. Suche ihn nicht zu trösten, solange sein Toter vor ihm liegt. Suche ihn nicht zur Lösung seines Gelöbnisses zu veranlassen in dem Augenblick seines Gelobens. Und bemühe dich nicht, ihn zu sehen im Augenblick seiner Erniedrigung« (4,23).

Bevor wir das den Beispielen in unserer Mischna zugrunde liegende Prinzip hervorheben, sei zunächst jeder der vier Ratschläge für sich betrachtet.

RATSCHLÄGE Einen zornigen Freund zu besänftigen, ist zweifellos eine gute und lobenswerte Tat. Was mag Rabbi Schimon dagegen einzuwenden haben? Ihm gefällt das Timing nicht. Er macht darauf aufmerksam, dass nicht jeder Augenblick für den Versuch einer Besänftigung geeignet ist. Wenn der Zornige noch nicht wieder in der Lage ist, ruhig zu überlegen, sollte ein Freund besser schweigen, um die vorhandene Erregtheit nicht noch zu steigern. Erst nach erlangter Gemütsruhe können besänftigende Worte auf ihn beruhigend wirken. Natürlich ist es in der Praxis oft nicht einfach, den richtigen Augenblick für die Intervention zu erkennen.

Wenden wir uns jetzt dem zweiten Fall unserer Mischna zu. Rabbi Schimon lehrt, dass man Trauernde nicht vor der Beerdigung trösten soll. Sofort drängt sich die Frage auf: Warum denn nicht?

Rabbiner Seckel Bamberger (1863–1934) erklärt: »Es erscheint dies als Teilnahmslosigkeit und ist daher wirkungslos. Ist der Gegenstand seines Schmerzes seinem Gesichtskreise entrückt, wird er für tröstende Worte empfänglich sein.« Es gibt also für das Trösten im Trauerfall einen falschen Zeitpunkt und einen richtigen.

gelübde Die dritte Handlung, von der Rabbi Schimon spricht, betrifft ein Gelübde (hebräisch: Neder). Ein Neder, den jemand aus irgendeinem Grund gemacht hat, bindet diese Person. Jedoch kann eine solche Selbstverpflichtung aus triftigen Beweggründen von einem Gerichtskollegium aufgelöst werden.

Mögliche Gründe zur Auflösung des Neders sollen aber, so lehrt Rabbi Schimon, nicht im Augenblick des Gelobens vorgebracht werden. Was spricht gegen ein solches Vorgehen, das den »Schaden« sogleich beheben will? Die gelobende Person könnte im Moment der Begeisterung für das Gelübde gute Argumente abwehren und dadurch unbrauchbar machen, die später eine Auflösung des Neders jedoch ermöglicht hätten.

Der vierte und letzte Fall unserer Mischna spricht von einer Person, die gesündigt hat und danach aus Scham allein zu sein wünscht. Nach Rabbi Schimon sollte jemand, der diesem Mann beziehungsweise jener Frau behilflich sein möchte, den nachvollziehbaren Wunsch berücksichtigen und vorläufig von einem Besuch absehen. Denn erst zu einem späteren Zeitpunkt kann es Besuchern gelingen, durch Zuspruch und Trost eine positive Entwicklung einzuleiten. Hingegen kann eine wohl gemeinte Unterstützung, die viel zu früh kommt, mehr schaden als nützen.

TIMING Die vier Fälle, die Rabbi Schimon in der Mischna auflistet, stehen keineswegs unverbunden nebeneinander, sondern es verbindet sie die Frage des richtigen Timings. Die rechte Tat muss zur rechten Zeit geschehen, wenn sie den erwünschten Erfolg haben soll. Das gilt übrigens, wie Sigmund Freud (1856–1939) lehrte, auch für die Deutung in der klassischen Psychoanalyse. Gibt der Psychotherapeut in der Behandlung eine bestimmte Deutung zu früh, dann wird die vorgeschlagene Interpretation abgewehrt.

Die gute Absicht reicht also nicht aus, wenn jemand einer anderen Person helfen möchte. Stets gilt es, sorgfältig zu bedenken, ob eine an sich gute Handlung oder Bemerkung die erwünschte Wirkung haben wird. Daher heißt es im Hinblick auf das Toragebot der Zurechtweisung (3. Buch Mose 19,17) im Talmud: »Rabbi Ilea sagte im Namen von Rabbi Eleasar Ben Rabbi Schimon: ›Wie es einem Menschen geboten ist, etwas zu sagen, wenn man dem gehorcht, so ist es ebenso geboten, etwas nicht zu sagen, wenn man dem nicht gehorcht‹« (Jewamot 65b).

Feiertage

Rosch Haschana für Anfänger

Vom Lichterzünden bis zum Taschlich: eine kleine Einführung für weniger erfahrene Synagogenbesucher

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  11.09.2026 Aktualisiert

Rosch Haschana

»Wenn ich einmal reich wärʼ …«

An Neujahr, so sagt der Talmud, legt Gʼtt die Summe fest, die wir im kommenden Jahr verdienen werden. Warum wir trotzdem arbeiten, planen und gut haushalten sollten

von Rabbiner Dovid Gernetz  11.09.2026

Teschuwa

Auf die echte Erneuerung!

Statt einfach nur unsere schlechten Laster loszuwerden, bedeutet die Mizwa vielmehr das Finden unseres wahren Ichs

von Rabbiner Jaron Engelmayer  11.09.2026

Neujahr

Stunde null

Zu Rosch Haschana können wir alljährlich durch Teschuwa unsere guten Potenziale hervorrufen

von Rabbinerin Elisa Klapheck  11.09.2026

Rosch Haschana

Jahr der Einheit

Wenn wir uns gegenseitig stärken, werden wir viel erreichen

von Rabbiner Avichai Apel  11.09.2026

Ernte

Von Möhren und Mehrn

Unsere Redakteurin will zu Rosch Haschana eine selbst gezogene Karotte essen. Ein jiddisches Wortspiel brachte sie auf die Idee – und auf einen Weg, auf dem sie manches über das Judentum und über sich selbst lernte

von Mascha Malburg  11.09.2026

Spiritualität

Eine Reise zum Ich

Unser Autor verbrachte die Feiertage als Kind in der Enge der jemenitischen Gemeinschaft von Kiryat Arba. Dann verließ er die religiöse Welt – und fand sie an Rosch Haschana in der Ukraine wieder

von Yonatan Amrani  11.09.2026

Zuwendung

Hagars Schicksal

Am Neujahrstag erzählt der Toraabschnitt von Saras ägyptischer Magd, der Mutter Jischmaels. Oft übersehen, ist sie eine Figur, die uns mahnt, die Augen offen zu halten und uns anderen Völkern nicht zu verschließen

von Paige Harouse  11.09.2026

Tekia

Wenn das Schofar zur Hoffnung ruft

Warum auch in bewegten Zeiten Zuversicht wachsen kann

von Rabbiner Raphael Evers  11.09.2026