Vorbildfunktion

Der Meisterschüler

Wie das Verhältnis von Lehrenden und Lernenden im Judentum sein soll

von Rabbiner Yehuda Teichtal  26.07.2010 12:35 Uhr

Von Älteren lernen und dabei kreativ bleiben: ein Prinzip, das Schüler schon im Klassenraum üben. Foto: imago

Wie das Verhältnis von Lehrenden und Lernenden im Judentum sein soll

von Rabbiner Yehuda Teichtal  26.07.2010 12:35 Uhr

Die Beziehung zwischen einem Meister und seinem Schüler unterscheidet sich im Judentum von anderen Philosophien. Wenn wir uns anschauen, was es in unserer Religion bedeutet, Meister oder Schüler zu sein, können wir dieses Konzept verstehen. Ein Weiser oder ein Gelehrter wird im Judentum »Talmid Chacham« genannt – ein weiser Schüler. Ein Weiser ist also zuallererst ein Schüler.

Im Gegensatz zum allgemeinen Verständnis, dass man erst Schüler, dann Auszubildender, später Geselle wird, um im Laufe der Zeit zum Meister zu werden, geht die jüdische Betrachtungsweise davon aus, dass man ewig ein Schüler bleibt. Der größte Vorteil eines Meisters ist, dass man von einem, der größer ist als man selbst, etwas erhält. Nicht, dass man selber Konzepte entwickelt hat, sondern dass man zuallererst etwas erhalten hat. Damit wurde man zu einer Quelle, die Kraft sammelt und von innen heraus wächst.

Bescheidenheit Hier ein Beispiel: Im Judentum gibt es das schriftliche und das mündliche Gesetz. Das schriftliche Gesetz sind die fünf Bücher Moses, das mündliche Gesetz sind die Mischna und der Talmud. Eines der Haupttraktate ist die »Ethik unserer Väter«, das mit den Worten beginnt: »Moses erhielt die Tora vom Sinai.« Diese Aussage ist scheinbar falsch, denn Moses hat die Tora nicht vom Berg erhalten, sondern vielmehr von G’tt auf dem Berg Sinai. Warum steht also geschrieben, dass er die Tora vom Berg erhalten hat? Der Midrasch erklärt uns: Als G’tt die Tora überreichen wollte, erhoben viele Berge den Anspruch, dass dies auf ihnen geschehen sollte.

Der Carmel sagte: »Ich bin der höchste«, und andere behaupteten, sie seien die schönsten. Nur ein Berg hielt sich zurück und sagte gar nichts. Dies war der Berg Sinai. Er meinte, er sei zu klein und unbedeutend, als dass G’tt ihn aussuchen würde. »G’tt wird bestimmt nicht mich erwählen, um auf mir die Tora zu überreichen.« Doch G’tt suchte eben den Berg Sinai aus, gerade weil dieser bescheiden war. Dies ist der Grund, warum in der Mischna geschrieben steht, Moses erhielt die Tora vom Berge Sinai. Es soll uns deutlich machen, dass man, wenn man ein Weiser oder ein Meister werden will, erst einmal etwas erhalten muss.

Wer war die bedeutendste Persönlichkeit im Judentum? Moses. Er führte uns aus Ägypten, teilte das Meer und gab uns die Zehn Gebote von G’tt. Dennoch erzählt uns die Tora: »Moses war der bescheidenste von allen«. Bescheidenheit ist die Voraussetzung dafür, neue Weisheit zu erlangen. Auch wenn man bedeutend und großartig ist, muss man, um Weisheit erlangen zu können, stets auf der Empfängerseite stehen. Das gilt umso mehr, wenn man lehren möchte.

Lernen Einer der größten Weisen im Judentum war Rabbi Akiwa, der im Alter von 40 zu studieren begann, und zu einem der größten Meister sowie einem der bedeutendsten Autoren der Mischna wurde. Er studierte und etablierte eine Institution der höheren Lehre mit 24.000 bedeutenden Studenten. Er sagte: »Viel habe ich von meinem Kollegen gelernt. Noch mehr habe ich von meinen Lehrern gelernt. Aber am allermeisten von meinen Schülern«.

Wie kann das sein? Sind die Schüler nicht auf der Empfängerseite, die Zuhörer und Lernenden? Wie kann es sein, dass der Meister und Lehrer den Großteil seines Wissens von seinen Schülern gelernt hat? Die Erklärung hierfür liegt im Konzept der Kabbala, und dem Unterschied zwischen dem Denken und dem Sprechen.

Die Gedanken sind grenzenlos. Sie können von einem Ort zum anderen springen, von einem Konzept zum anderen. Die Gedanken können weder in eine Richtung gezwängt werden, noch geformt werden. Sie sind weit und vielleicht ohne Ziel. Wenn man allerdings diese Gedanken jemand anderem vermitteln will, so muss man sprechen. Sprechen ist nicht bloß der verbale Transfer von Gedanken, es ist kein Lautsprecher, der das vermittelt, was einen im Kopf beschäftigt. Sprechen ist viel mehr. Denn um zu sprechen, muss man eine präzise Zusammenfassung seiner Ge‐
danken vornehmen. Das Sprechen zwingt den Denkprozess, kristallklar zu werden und verständlich für die anderen. So ist es auch mit dem Meister und seinem Schüler. Durch das Unterrichten der Schüler wird auch dem Meister das Thema deutlicher. Durch seine Schüler kann der Meister den tieferen Sinn und die Dimension der Materie besser verstehen.

Wissen Dies setzt natürlich voraus, dass der Meister auch die Qualität des Verständnisses seitens seiner Schüler verbessert. Hierzu gehört auch die positive Einstellung des Meisters zu seinen Schülern, so wie es in der »Ethik unserer Väter« steht (4,12): »Lass Dir die Ehre Deines Schülers so bedeutsam sein wie Deine eigene.« Weiterhin erklärt uns der Talmud, dass der große Meister Raba seinen Unterricht jeweils mit Humor begann. Der Grund war, dass dadurch die Weisheit der Schüler sich öffnen sollte und ein tiefgründiges Niveau der Teilnahme seitens der Schüler möglich wurde. Indem er zuerst ihren externen Intellekt durch Humor und Freude ansprach, wurde die Tür geöffnet, um sie zu Empfängern einer tieferen, inneren Weisheit werden zu lassen. Dies hat nicht nur einen positiven Effekt auf die Schüler, sondern wirkt auch wie eine Art Bumerang auf den Lehrer. Daran können wir erkennen, dass durch das Unterrichten seiner Schüler der Meister mehr Wissen erlangt, nicht nur hinsichtlich der Quantität, sondern auch hinsichtlich der Tiefgründigkeit.

Botschaft Auch im Hinblick auf den Schüler sind einige Bedingungen notwendig. Stichwort: Bitul – Entsagung. Oft meinen Schüler, es gehe nur darum, Wissen zu erhalten. Ein guter Schüler wird allerdings nach viel mehr suchen. Er sucht nach innerer Führung und Richtung. Ein wahrer Schüler legt nicht nur aufs Lernen und Verstehen großen Wert, sondern strebt vielmehr danach, die Botschaft zu verinnerlichen und sich persönlich auf den gelernten Inhalt einzulassen. Im Talmud steht geschrieben, basierend auf den Worten der Tora, dass Moses dem jüdischen Volk gesagt hat, dass sie nach 40 Jahren die Botschaft verinnerlicht haben müssten.

Der Schüler ist dem Meister unterworfen. Doch gleichzeitig muss er autonom seinen eigenen Intellekt benutzen, er muss seine eigene Kreativität anwenden, um das Gelernte weiterzuentwickeln. Diese zwei Elemente treffen gleichermaßen zu – die eigene Entsagung, die es dem Schüler erlaubt, ein Empfänger zu sein, und gleichzeitig der Umstand, dass von ihm erwartet wird, seinen eigenen Verstand zu benutzen.

Intellekt Dies wurde auch von einem der großen Meister unserer Generation gelehrt, von Rabbiner Menachem Schneerson, der sagte (Hitvadut 5748, S. 511): »Hinsichtlich der Verbreitung des Judentums muss der eigene Intellekt angestrengt werden, um den geeigneten Weg der Kommunikation mit anderen zu finden. Man darf kein verwöhntes Kind sein, dem alles vorgegeben wird, selbst das kleinste Detail.«

Der Schüler benutzt seinen eigenen Verstand, um das Thema zu vertiefen. Das kann dazu führen, dass er ein tieferes Verständnis der Materie hat als der Meister selbst. Allerdings basiert dieses Verständnis auf dem Fundament, welches der Meister ihm bereitet hat. Dieses Konzept wird Awodat Hatachton genannt – von unten nach oben. Dies führt dann im Laufe der Zeit dazu, dass der Schüler zum Meister für die anderen Schüler wird, eine interne Quelle und ein Licht. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass die innere Essenz des Schülers der Meister ist. Er kann nicht vom Rahmenwerk des Meisters abweichen.

Die wichtigste Zutat der Meister‐Schüler‐Beziehung ist der Effekt der Kommunikation zwischen beiden. Der Meister muss ein Vorbild sein. Es gibt eine Geschichte vom Philosophen Aristoteles. Er wurde einst dabei beobachtet, wie er etwas tat, was nicht zu ihm passte. Die Schüler fragten ihn, wie er so etwas tun könne. Er antwortete, dass er in dem Moment nicht Aristoteles war. Im Judentum ist diese Herangehensweise nicht möglich. Denn der Meister muss das leben, was er unterrichtet. Das Wort Tora (Bibel) kommt von dem Wort Hor’ah, was Lektion bedeutet. Weisheit kann nur vermittelt werden, wenn sie gelebt wird.

Vor Jahren ist mir ein Satz aufgefallen, der mich persönlich sehr beeindruckt hat: »Jeder Rabbiner hat nur eine Predigt: die Art, wie er sein Leben lebt.« Wir können von heute an bis zum nächsten Rosch Haschana predigen. Aber wenn wir uns nicht so verhalten, wie wir sagen, werden wir unsere Zuhörer nicht erreichen. Die eloquentesten Redner werden es nicht schaffen, ihre Schüler zu beeindrucken, wenn die Schüler wissen, dass ihre Botschaft hohl ist und nicht durch persönliches Engagement gestützt wird. Es heißt: Niemand kümmert sich darum, wie viel sie wissen, bis sie wissen, wie viel sie sich kümmern.

Mark Twain hat einmal gesagt: »Als ich acht Jahre alt war, war mein Vater ein Genie. Als ich 18 war, war er ein Idiot. Nun bin ich 28 Jahre alt, habe selbst Kinder, und sehe ein, dass mein Vater einige gute Ideen hatte. Es ist schon eigenartig, wie viel der Mann in zehn Jahren gelernt hat.«

Engagement Vor einigen Jahren fand eine Gedenkfeier anlässlich des 60. Jahrestages der Kindertransporte statt. Mehr als 1.000 Menschen hatten den Weg nach London auf sich genommen, um daran zu erinnern. Eine der Reden an diesem Tag wurde von dem Filmproduzenten Lord Attenborough gehalten. Im Jahre 1939 lebte er mit seiner Familie in Leicester. Seine Eltern hatten einigen jüdischen Flüchtlingskindern, auf dem Weg in die USA, bei sich zu Hause Asyl gewährt. Als der Krieg ausbrach, wohnten zwei jüdische Mädchen bei ihnen. Es war klar, dass diesen nun die Überquerung des Atlantiks verwehrt war. Was sollten sie tun?

Die Attenboroughs beschlossen, den Mädchen für die Dauer des Krieges ein Zuhause zu geben. Aber diese Entscheidung sollte von der ganzen Familie getragen werden. Richard beschrieb, wie ihn seine Eltern zu sich riefen und die Situation erklärten. Sie sagten, dass die zwei Mädchen, Helga und Irene, jüdisch waren. Ihre Eltern waren in Konzentrationslager deportiert worden und würden diese wahrscheinlich nicht überleben. Die Mädchen aber konnten nirgendwo hin.

60 Jahre später erinnerte sich Lord Attenborough an die Worte seiner Eltern: »Wir möchten die Mädchen adoptieren. Aber wir werden dies nur tun, wenn du damit einverstanden bist. Dies wird Opfer von uns verlangen. Wir sind eine fünfköpfige Familie. Nun werden wir sieben Familienmitglieder sein. Es wird Dinge geben, die wir uns nicht werden leisten können. Du weißt, wie sehr wir dich lieben. Aber nun wirst du diese Liebe mit Helga und Irene teilen müssen. Wir müssen ihnen besondere Aufmerksamkeit geben – du hast eine Familie, aber sie haben niemanden mehr.«

Im Rückblick auf diesen Tag vor sechs Jahrzehnten beschreibt Lord Attenborough ihn als den wichtigsten Tag in seinem Leben. Er hat ihn für immer verändert. Menschlichkeit als Vorbild. In diesem Falle im Verhältnis der Eltern zu ihrem Sohn. Der Meister als Vorbild für den Schüler – dies ist der Kern einer Meister‐Schüler‐ Beziehung.

Der Autor ist Direktor des Jüdischen Bildungszentrums Berlin.

Religionsfreiheit

Beten und abstimmen

Warum gerade wir Juden an der Europawahl teilnehmen sollten

von Rabbiner Raphael Evers  23.05.2019

Lag Baomer

Tag des Leuchtens

Das fröhliche Fest in der Omerzeit eröffnet einen Weg zur tieferen Seite der Tora

von Rabbiner Avichai Apel  22.05.2019

Wittenberger Stadtkirche

»Judensau« darf wohl hängen bleiben

Am Freitag urteilt das Gericht über den Verbleib der Schmähplastik. Schon jetzt ist eine klare Tendenz erkennbar

von Johannes Süßmann  21.05.2019