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Der Bauch der anderen

Was sagt die Halacha zur Leihmutterschaft?

von Diana Kaplan  05.09.2019 12:45 Uhr

Für viele Frauen weltweit ist eine Schwangerschaft keine Selbstverständlichkeit Foto: Getty Images/iStockphoto

Was sagt die Halacha zur Leihmutterschaft?

von Diana Kaplan  05.09.2019 12:45 Uhr

In diesen Tagen wird viel darüber diskutiert, ob die Leihmutterschaft in Deutschland legalisiert werden soll, und falls ja, unter welchen Gesichtspunkten. Es gibt klare Argumente dafür, aber auch viele dagegen, und es wird deutlich, dass es hier um etwas Wichtiges, Fundamentales geht – nämlich um Menschenleben.

In welcher Hinsicht ist das für unser Thema von Bedeutung?

Man mag die Idee, das eigene Kind von einer anderen Frau austragen zu lassen, grotesk finden. Für diejenigen Paare, die sich schließlich für diese Methode entscheiden, ist es oft die letzte Möglichkeit, doch noch ein Kind zu bekommen. Nicht wenige von ihnen haben eine Behandlungsodyssee hinter sich und nachweislich keine andere Möglichkeit, ein Kind zu bekommen.

»Pru-ur’vu« Kinder zu haben, ist eine der wichtigsten Gebote in der Tora. »Pru-ur’vu«, übersetzt: »Mehret euch«, ist sogar die erste und fundamentalste Mizwa. In welcher Hinsicht ist das für unser Thema von Bedeutung?

Kann ein Paar aus bestimmten Gründen kein Kind auf natürlichem Wege zeugen, so stehen ihm heute einige Möglichkeiten zur Verfügung, damit es doch noch zur ersehnten Empfängnis kommt. Rabbi Azarya Berzon bezeichnet in seinem Vortrag zum Thema Leihmutterschaft die In-vitro-Fertilisation (IVF), die sogenannte künstliche Befruchtung, als die am meisten verbreitete und auch halachisch akzeptable Methode.

Eizelle Bei einer künstlichen Befruchtung wird die vorher entnommene Eizelle im Reagenzglas befruchtet und nach erfolgtem Eingriff wieder in den Körper der Frau eingesetzt. Die Verhältnisse sind hier klar, es gibt nur einen möglichen Vater und nur eine mögliche Mutter.

Anders bei der Leihmutterschaft. Und hier, erklärt Rabbi Berzon, wird es kompliziert. Die Kernfrage lautet: »Wer ist, halachisch gesehen, die Mutter des gezeugten Kindes? Ist es diejenige, der die Eizelle gehört, oder diejenige, die das Kind austrägt und zur Welt bringt? Oder sind es gar beide? Und im Falle, dass die Leihmutter nicht jüdisch ist, benötigt das Kind gar eine Konversion?

Auch Rabbiner und Professor Avraham Steinberg bezieht in seinem Buch Ency­clopedia of Jewish Medical Ethics Stellung zum halachischen Aspekt der Leihmutterschaft.

Dabei entstehen außer der Frage nach der Kindesmutter noch andere Fragen, nämlich: »Wer sind die unmittelbaren Verwandten des Kindes? Erfüllt das Paar, das auf einem anderen Weg kein Kind bekommen kann, durch die Inanspruchnahme der Leihmutterschaft die fundamentale Mizwa von »Pru-ur’vu«, also Kinder zu haben?

Erbschaftsfragen Wie werden Erbschaftsfragen durch die Leihmutterschaft beeinflusst? Und besteht hier die Gefahr, dass das Kind durch die Inanspruchnahme der Leihmutter den halachischen Status eines Mamsers (des außerehelich Gezeugten) haben könnte, was weitere Folgen nach sich zieht?

Anhand dieser Themenkomplexe, und das sind bei Weitem nicht alle, wird klar, wie schwierig es ist, eine eindeutige Antwort auf die Frage der Leihmutterschaft zu bekommen. Es kristallisieren sich allerdings die wichtigsten Positionen und Antworten heraus.

Allein auf die erste Frage, wer die Mutter ist, gibt es drei mögliche Antworten: 1. Die Frau, der die Eizelle gehört (die genetische Mutter) ist, halachisch gesehen, die richtige Mutter. 2. Die Leihmutter, die das Kind austrägt, ist die richtige Mutter. 3. Beide Frauen sind Mütter des Kindes, da beide Elemente nötig sind, um eine Frau zur »halachischen« Mutter zu machen. Fragen über Fragen.

Laut Raschi ist ein Mann bereits bei der Zeugung der Vater, die Mutter wird es erst bei der Geburt.

Im Jahr 2013 veröffentlichten die Wissenschaftler John D. Loike und Rabbiner Moishe D. Tendler eine bemerkenswerte Arbeit zum Thema Leihmutterschaft und ihren halachischen Aspekten. Um zu einer Schlussfolgerung zu gelangen, wer die richtige Kindesmutter ist, zitieren die beiden Wissenschaftler den Talmud als Quelle.

Konversion Im Traktat Jebamot 42a wird das Beispiel eines verheirateten nichtjüdischen Paares gebracht, das zum Judentum konvertieren möchte. Die Halacha fordert von ihnen, dass sie drei Monate vor ihrem Übertritt damit aufhören, ehelichen Pflichten nachzugehen und in dieser Beziehung Abstand voneinander nehmen.

Warum ist dies erforderlich? Damit die mögliche Zeugung eines Kindes erst nach ihrer Konversion geschieht. Anhand der Betonung der Drei-Monats-Frist wird klar, dass die Zeugung des Kindes für die Bestimmung der halachischen Mutterschaft von Bedeutung ist – und nicht die Geburt.

Doch auch für die andere Möglichkeit, dass die Leihmutter die halachische Mutter ist, finden die Wissenschaftler eine Quelle. Der Talmud im Traktat Megilla bringt eine bemerkenswerte Interpretation der Megillat Esther:

Esther »Und er zog Hadassa, das heißt Esther, die Tochter seines Onkels, groß, da sie weder Vater noch Mutter hatte (…), und wenn ihr Vater und ihre Mutter starben, so nahm Mordechai sie als eigene Tochter auf.« Der Talmud fragt an dieser Stelle, warum sich die Schrift wiederholt. Wenn schon erwähnt wurde, dass Esther eine Waise war, warum wurde dies ein zweites Mal betont?

Raschi interpretiert diese Stelle wie folgt. Kurz nachdem Esther gezeugt wurde, verstarb ihr Vater. Ihre Mutter starb bei der Geburt. Raschi erklärt, dass ein Mann, halachisch gesehen, bereits bei der Zeugung zum Vater wird. Die Mutter erlangt ihren Status als Mutter erst durch Geburt. Da Esthers Mutter kurz vor der Geburt starb, erlangte sie nie den halachischen Status der Mutter von Esther.

Und nun? Die beiden hier angeführten Quellen sind zwar relevant für die Bestimmung der Mutterschaft, aber sie sind auch völlig gegensätzlich. Wer ist nun, halachisch gesehen, die richtige Mutter?

Giur le’chumra Rabbiner Shlomo Zalman Auerbach sagt, dass es bei dieser Diskussion sehr schwierig ist, eine eindeutige Position zu beziehen, da es für beide Seiten zahlreiche Quellen gibt. Er schlägt daher folgenden Kompromiss vor: Die Leihmutter sollte am besten nichtjüdisch sein, und das Kind sollte nach der Geburt eine vereinfachte Konversion (Giur le’chumra) durchlaufen.

Das wäre vor allem in dem Fall relevant, wenn das Kind ein Mädchen wäre und später einen Kohen heiraten wollte. Sollte die Leihmutter jüdisch und verheiratet sein, würde es die ganze Situation noch zusätzlich verkomplizieren, daher verweist Rabbiner Auerbach auf die Möglichkeit, eine nichtjüdische Leihmutter zu nutzen.

Halachisch betrachtet, ist das Thema Leihmutterschaft hochinteressant und tiefgründig, doch gelangt man auf die Schnelle zu keiner eindeutigen Antwort. Betroffene sind bei solch komplexen Themen gut beraten, einen Rabbiner miteinzubeziehen, der jedes Paar individuell betrachtet und bei der Suche nach halachisch akzeptablen Lösungen weiterhilft.

Mikez

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