Lernen

»Denk logisch!«

»Mündliche Tora«: Talmudlernen in der Yeshivas Beis Zion in Berlin Foto: Flash 90

Mitte der 20er‐Jahre kam ein junger Jude zu einem berühmten New Yorker Rabbiner und sagte, er wolle den Talmud studieren. »Sie können Aramäisch?«, fragte der Rabbi. »Nein«, sagte der junge Mann. »Und Hebräisch?« – »Leider nicht.«

»Haben Sie in Ihrer Kindheit Tora gelernt?« – »Nein, werter Rabbi. Aber keine Sorge. Ich bin Absolvent der Philosophischen Fakultät von Berkeley und habe gerade meine Diplomarbeit über die Logik in der Philosophie des Sokrates geschrieben. Und nun möchte ich, um meine Bildungslücken zu schließen, Talmud lernen.«

Der Rabbi sagte: »Du bist nicht darauf vorbereitet, Talmud zu lernen. Er ist das tiefgründigste Buch, das jemals von Menschen geschrieben wurde. Aber gut, wenn du darauf bestehst, werde ich dich einem Logiktest unterstellen: Bestehst du ihn, dann werde ich mit dir lernen.«

Schornstein Der junge Mann war einverstanden, und der Rabbi fuhr fort: »Zwei Menschen kriechen durch den Schornstein. Einer kommt mit sauberem Gesicht heraus, der andere mit schmutzigem. Welcher von beiden wird sein Gesicht waschen gehen?« Dem jungen Philosophen fielen fast die Augen aus dem Kopf. »Das soll ein Logiktest sein?« Der Rabbi nickte.

»Nun, natürlich der mit dem schmutzigen Gesicht!«, sagte der junge Mann. »Falsch«, entgegnete der Rabbi. »Denk mal logisch: Der mit dem schmutzigen Gesicht schaut sich den mit dem sauberen Gesicht an und meint, sein Gesicht sei auch sauber. Und der mit dem sauberen Gesicht sieht, dass der andere ein schmutziges Gesicht hat und wird daraus schlussfolgern, dass sein Gesicht auch schmutzig ist und es waschen.«

»Geschickt durchdacht«, wunderte sich der junge Mann. »Kommen Sie, Rabbi, geben Sie mir noch einen Test!« – »Okay, junger Mann«, sagte der Rabbiner: »Zwei Männer steigen aus dem Schornstein – einer mit sauberem Gesicht, der andere mit schmutzigem. Welcher von beiden wird sich waschen?«

»Aber wir haben doch gesehen: der mit dem sauberen Gesicht!«, sagte der junge Mann. »Falsch!«, erwiderte der Rabbiner. »Beide gehen sich waschen. Denken Sie logisch: Wenn der mit dem sauberen Gesicht den mit dem schmutzigen Gesicht sieht, schließt er daraus, dass sein Gesicht ebenfalls schmutzig sei. Und der mit dem schmutzigen Gesicht: Wenn er sieht, dass der andere sich waschen geht, wird er verstehen, dass er ein schmutziges Gesicht hat und wird sich ebenfalls waschen gehen.«

»Daran habe ich nicht gedacht«, sagte der junge Mann, »es ist erstaunlich – ich habe einen logischen Fehler gemacht. Rebbe, bitte, machen wir einen weiteren Test?«

»Okay. Zwei Männer kommen durch den Schornstein. Einer kommt mit einem sauberen Gesicht heraus, der andere mit einem schmutzigen. Welcher wird sich waschen?«

»Nun: Beide werden sich waschen.« – »Falsch! Waschen wird sich keiner von beiden. Denk logisch: Der mit dem schmutzigen Gesicht sieht den mit dem sauberen und wird sich nicht waschen. Und der mit dem sauberen Gesicht wird sehen, dass der mit dem schmutzigen sich nicht waschen geht und daraus schließen, dass auch sein eigenes Gesicht sauber sein sollte. Deshalb wird er sich auch nicht waschen gehen.«

Der junge Mann war verzweifelt. »Nun, glauben Sie mir, ich werde bestimmt in der Lage sein, Talmud zu lernen! Stellen Sie mir noch eine letzte Frage!«

»Okay. Zwei Männer kommen durch den Schornstein …« – »Oh, Himmel! Keiner von ihnen wird sich waschen!«

»Falsch. Verstehst du jetzt, dass die Kenntnisse der Logik des Sokrates nicht ausreichen, um Talmud zu lernen? Sag mir, wie kann es sein, dass zwei Menschen sich durch dasselbe Rohr quetschen, und einer von ihnen macht sein Gesicht schmutzig und der andere nicht? Versteh doch: Die ganze Frage ist ein Unsinn, und wenn du dein Leben damit verbringst, über sinnlose Fragen nachzudenken, werden auch alle deine Antworten sinnlos sein!«

Gleichnis Einer der Unterschiede zwischen einer Fabel und einem Gleichnis ist, dass am Ende nicht erklärt wird, wofür die Figuren stehen. Es ist beim Gleichnis üblich, im Anschluss zu erklären, was man sagen wollte. Also entschlüssele ich meine Botschaft, indem ich einen Bezug zum aktuellen Wochenabschnitt herstelle.

Unsere Weisen sagen (Schabbat 10b): Ausschließlich die Seide im Wert von zwei Sela, die Jakow verwendete, um ein Kleid für Josef anfertigen zu lassen, hat geholfen, G’ttes Versprechen zu verwirklichen, aus Awraham ein großes Volk zu machen (1. Buch Mose 15, 9–21 ). Denn die Brüder hegten Groll gegen Josef, nicht zuletzt wegen des schönen Gewands, womit der Vater seinen Lieblingssohn ausgezeichnet hatte.

Es ist unwahrscheinlich, sagte Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888), dass aus Jakows Familie eine Nation hätte werden können, wenn sie in Kanaan geblieben wäre. Die wachsende Familie hätte sich mit der örtlichen Bevölkerung vermischt. Um dies zu vermeiden, musste sie unter Menschen leben, deren Charakter sich deutlich von ihrem eigenen unterschied. Eine solche Nation waren die Ägypter.

Der klare Abstand, der die Unterschiede zum Vorschein bringt, war G’ttes wirksamstes Werkzeug, um den Zusammenhalt der Familie zu bewahren und häusliches Glück in unserem geschlossenen Kreis zu schützen. Um eine separate Provinz in Ägypten zu bekommen, in der unser Volk wachsen und sich entwickeln konnte, musste der junge Spross der Familie vor allen anderen ins Land gehen und Herrscher werden. Und damit kein Ägypter sagen konnte: »Das ist nicht dein Land, du bist nicht hier geboren«, wurden die Ägypter gezwungen, ihre Geburtsorte zu verlassen und sich in anderen Gegenden anzusiedeln (47,21).

Als Jakows Nachkommen Israel verließen und begannen, sich unter die Völker zu zerstreuen, wurde Europa durch die große Völkerwanderung zu einem von »Ausländern« bewohnten Kontinent. Folglich hätte man auf den Schrei der Intoleranz »Geht nach Palästina, wo ihr herkommt!« antworten sollen: »Sind etwa eure Vorfahren in diesem Land geboren?«

Antisemitismus Hier liegt der Vergleich nahe: Sowohl die erste Auswanderung – die nach Ägypten – als auch unser letztes Exil waren das Ergebnis von Eifersucht und Hass. Es war der Beginn der Vertreibung, der Tortur, die die Nachkommen Jakows durchleben sollten, um die Frage nach dem Wesen der Begriffe »Gleichheit« und »Brüderlichkeit« zu beantworten. Entweder nötigt man einen, aus Angst und Schmerz seine jüdische Identität aufzugeben, oder man bietet eine zersetzende Partnerschaft, was früher oder später die gleichen Folgen hat.

Zurück zur Parabel: Der arme Philosoph versucht, die Frage zu beantworten, auf die es, weil sie unlogisch ist, keine Antwort geben kann. Auch auf die Frage »Warum mag man uns Juden nicht?« gibt es keine Antwort, denn der Antisemitismus ist irrational. Außerdem ist »Wie ändere ich andere Menschen?« keine jüdische Frage. Aber der Frage »Was will Haschem von mir?« kann man sehr wohl logisch nachgehen. Der Frage »Wie soll ich mit meinen Brüdern umgehen?« umso mehr.

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin und an der Fachhochschule Erfurt.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Wajigasch erzählt davon, wie Jehuda darum bittet, anstelle seines jüngsten Bruders Benjamin in die Knechtschaft zu gehen. Später gibt sich Josef seinen Brüdern zu erkennen und versöhnt sich mit ihnen. Der Pharao lädt Josefs Familie ein, nach Ägypten zu kommen, um »vom Fett des Landes zu zehren«. Jakow erfährt, dass sein Sohn noch lebt und zieht nach Ägypten. Der Pharao trifft Jakow und gestattet Josefs Familie, sich in Goschen niederzulassen. Josef vergrößert die Macht des Pharao, indem er die Bevölkerung mit Korn versorgt.
1. Buch Mose 44,18 – 47,27

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