Talmudisches

Den Körper untersuchen

Manche krankhaften Veränderungen des Skeletts ließen sich schon in der Antike durch Untersuchungen am lebenden Menschen feststellen. Foto: Getty Images

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Den Körper untersuchen

Wie unsere Weisen die Anatomie des Menschen studierten

von Rabbinerin Yael Deusel  06.07.2023 11:41 Uhr

Rabbi Schim’on ben Elasar vergleicht denjenigen, der in seiner Jugend die Tora studiert, mit einem Arzt, der eine Wunde sowohl mit dem Skalpell behandelt als auch über Medikamente zur anschließenden Heilung verfügt. Doch wer erst spät mit dem Torastudium beginne, sei wie ein Arzt, der zwar die Operation durchführe, aber danach kein Medikament für die weitere Behandlung habe.

Chirurgische Eingriffe waren den talmudischen Weisen also durchaus bekannt. Nun erfordern diese von jeher eingehende Kenntnisse in der menschlichen Anatomie. Schließlich erwartet jeder Patient einen gut ausgebildeten Arzt für seine Behandlung. Allerdings waren wissenschaftliche Untersuchungen an Leichen zu jener Zeit strikt verboten.

sektionen Lediglich für Alexandria ist schriftlich belegt, dass man dort bereits in der Antike Sektionen durchgeführt hat, um das notwendige Wissen für die Heilkunst zu erwerben. Doch finden wir im Talmud beachtliche Kenntnisse in Krankheitslehre und Heilkunde, die wohl zumindest teilweise auf entsprechende anatomische Studien zurückgehen.

Einen Hinweis darauf gibt es im Traktat Bechorot 45a. Dort wird beschrieben, wie die Schüler von Rabbi Jischmael eine Untersuchung am Leichnam einer Prostituierten durchführten, die hingerichtet worden war. Wo genau diese Sektion stattfand, erfahren wir nicht. Wohl heißt es hier aber, dass dabei eine Anomalie im Körperbau gefunden wurde, was voraussetzt, dass vergleichend dazu normale Befunde bekannt waren.

Auch Abba Scha’ul studierte die Anatomie des Menschen, in seinem Fall quasi berufsbedingt durch seine Tätigkeit als Totengräber (Nidda 24b). Er beschreibt ernährungsbedingte Veränderungen am menschlichen Skelett und erweist sich damit als Vorläufer eines Pathologen. Auch Todos der Arzt kannte sich auf diesem Gebiet aus und wurde sogar als eine Art Rechtsmediziner tätig (Nasir 52a).

Fehlbildungen Freilich lassen sich manche krankhaften Veränderungen und Fehlbildungen des Skeletts durch genaue Beobachtung und entsprechende Untersuchungen auch am lebenden Menschen feststellen.

Davon erfahren wir in Bechorot 45a anhand einer Auflistung, welche körperlichen Merkmale einen Priester für den Tempeldienst disqualifizieren. Es finden sich hier neben anderen körperlichen Gebrechen einige differenzierte orthopädische Befunde. X- und O-Beine werden ebenso beschrieben wie Plattfüße und Spreizfüße. Sogar der Hallux valgus, der Ballenzeh, war schon bekannt. Er ist also keine Erscheinung der Neuzeit und war offensichtlich schon damals nicht nur auf weibliche Füße beschränkt.

Natürlich waren zur talmudischen Zeit auch Knochenbrüche und Luxationen (Ausrenkungen) von Gelenken geläufig. Diskutiert wurde dabei, ob man solche Verletzungen am Schabbat versorgen dürfe.
Dazu sagte Rav Chana von Bagdad im Namen von Schmu’el, das sei nach der Halacha ohne Weiteres erlaubt. Rabba bar bar Chana brachte diese Entscheidung anlässlich seines Besuches im Lehrhaus von Pumbedita vor und korrigierte damit Rav Jehuda, als dieser das Gegenteil lehrte (Schabbat 148a).

verletzungen In der Regel bezieht sich dies auf akute Verletzungen, die eine Gefahr für die betroffene Person darstellen, aber nicht auf chronische Skeletterkrankungen. So war die Korrektur von Hüftfehlstellungen bei Säuglingen durch spezielles Wickeln am Schabbat nicht vorgesehen. Streng war man auch bei unvollständigen Verrenkungen zum Beispiel der Hand, welche man nicht am Schabbat durch entsprechende Bewegungen im Wasser kurieren sollte.

Nun begab es sich aber, dass Rav Avya ausgerechnet an einem Schabbat ein solch durchaus unangenehmes Problem mit seiner Hand bekam, als er gerade bei Rav Josef saß. Rav Avya sagte zu ihm, indem er seine Hand hin und her bewegte: »Darf ich sie so bewegen?« »Nein?« »Oder so?« »Auch nicht?« Auf diese findige Weise gelang es ihm, am Schabbat seine Hand wieder einzurenken.

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