Bescheidenheit

Den Ball flachhalten

Gilt weit über den Fußball hinaus: Ohne Mannschaft ist der Einzelne nichts. Foto: imago

In der Menora, dem siebenarmigen Leuchter im Tempel, steht das mittlere Licht für G’tt. Man kann sagen: In einer jeden Mitte befindet sich der Ewige. Unser Wochenabschnitt steht im mittleren der fünf Bücher der Tora, Wajikra. Dessen drei mittlere Abschnitte befassen sich ausschließlich mit der Opferung. Das zeigt, wie wichtig dieses Thema ist.

Bei der Opferung trat der Mensch durch die Opfergabe und sein Sündenbekenntnis mit G’tt in Verbindung, um sich zu läutern. Mosches Bruder Aharon war der erste Hohepriester (Kohen Hagadol). Auch seine Kinder und Enkel dienten als Priester (Kohanim) im Tempel. Sie waren Botschafter, schlugen eine Brücke zwischen dem Volk Israel und dem Ewigen, leiteten den Tempeldienst und die Darbringung der Opfer.

Die Kohanim waren Privilegierte. Sie erhielten die Priester verschiedene Abgaben, wie die Truma g’dola, die die Versorgung der Priester sicherstellte.

Das Wort Korban (Opfer) kommt vom hebräischen Wort karov – nahe. Beim Opfern versuchte man, sich G’tt zu nähern und einen aktiven Beitrag zur Selbstverbesserung zu leisten. Das Opfer selbst ist nur ein Instrument. Es ging nicht darum, G’tt Geschenke zu machen und ihn damit zufriedenzustellen. G’tt ist nicht bestechlich. Auch die Größe des Opfers ist nicht von Bedeutung. Wichtig war die Bereitschaft des Sünders, sich zum Positiven zu verändern.

Die Opferung an sich ist nur ein kleiner Teil der gesamten Prozedur gewesen. Jeder, der eine Sünde beging, musste zugleich ein Konzept erstellen, wie er sich in Zukunft ändern will, damit ihm dies nicht widerfährt.

Unsere Synagoge heißt auch Mikdasch me’at, kleines Heiligtum. Wir bringen heute keine Opfer mehr dar, aber stattdessen beten wir und erwähnen die Opferungen in unseren täglichen Gebeten. Das Sündenbekenntnis kommt häufig in den Gebeten vor. Das Ziel der Gebete ist das Gleiche wie damals, als im Tempel die Opfer dargebracht wurden, deshalb auch Mikdasch me’at.

Dämpfer Am Ende des zweiten Buches Moses war der Tempel bereits errichtet, dennoch beginnt die Parascha damit, dass G’tt alle Gesetzesgrundlagen, die genauen Abläufe der Opferung, alle Anweisungen Mosche übermittelt. Der gibt sie an seinen Bruder weiter.

Es stellt sich die Frage. Wurde nicht Aharon von G’tt als Kohen Hagadol auserwählt? Warum spricht Er dann nicht direkt mit ihm und gibt ihm die Abläufe und Grundlagen der Opferprozeduren bekannt? Warum wählt er Mosche als Ansprechpartner?

Die Tatsache, dass der Ewige die Informationen an Mosche gibt, zeigt Aharon, dass er sich, obwohl G’tt ihn in den höchsten Dienst berufen hat, in seiner Position nicht als etwas Besseres fühlen soll. Er hat mit seiner Erwählung noch lange keine Sonderstellung erlangt. Ihm sollte bewusst sein, dass seine Arbeit nur im Dienste der Allgemeinheit, des Volkes Israels, steht. Er muss sich selbst als Teil des Ganzen sehen.

Asche Ein weiteres Beispiel zeigt uns, welche Stellung die Kohanim hatten. Sie waren im Tempel nicht nur für angenehme Arbeiten verpflichtet, sie mussten auch die unangenehmen verrichten. Im 3. Buch Moses 6,4 steht: »Dann ziehe er die Gewänder aus und bringe die Asche vor das Lager hinaus an einen reinen Ort.« Jeden Morgen wurde der Altar von der Asche der Opfer des Vortags gereinigt. Jedoch musste der Hohepriester seine Gewänder für diese Handlung wechseln.

Raschi erklärt hierzu: »Nutze nicht die gleichen Gewänder für das Zubereiten einer Suppe wie für das Einschenken des Weins.« Daraus lernen wir: Es gibt einen Unterschied zwischen der Tätigkeit des Vorbereitens und der des Verzehrens. Die Kohanim sollten für jede Arbeit eine bestimmte Kleidung tragen.

Es stellt sich die Frage, warum es nicht Kohanim gab, die ausschließlich für die Opferung, und andere, die nur für die Reinigung zuständig waren? G’tt wollte nicht zwei Klassen schaffen. Seine Absicht war es, ein und derselben Person die Zuständigkeit sowohl für den angenehmen als auch für den weniger angenehmen Teil der Arbeit zu übertragen.

Hieraus lernen wir, dass auch der schwere Teil zu einer Mizwa gehört. Nehmen wir als Beispiel Sukkot: Es ist eine Pflicht, in der Laubhütte (Sukka) zu sitzen und dort seine Segenssprüche (Brachot) zu sprechen. Was ist jedoch mit dem beschwerlichen Teil der Arbeit, dem Bau der Sukka? Er gehört zur Vervollkommnung der Pflicht hinzu.

Im Talmud steht über den berühmten Rabbi Chija geschrieben, dass er ein Korn pflanzte und aus der daraus entstandenen Pflanze Netze fertigte. Damit fing er Tiere. Aus deren Häuten stellte er Pergament her und fertigte eine Torarolle. Mit ihr lehrte er seine Kinder und Schüler. Wir sehen: Das Zusammenspiel aller Arbeiten führt zum Erfolg, sowohl die praktische als auch die theoretische.

Selbst G’tt überlässt die schwere, handwerkliche Arbeit keinem anderen. So steht in der Pessach‐Haggada geschrieben: »Der Ewige führte uns aus Mizrajim heraus, durch keinen Engel, durch keinen Seraph oder sonst einen Gesandten, sondern der hochgelobte Heilige selbst war es, in eigener Majestät und Herrlichkeit.«

Grenze Wir lesen in unserem Wochenabschnitt, dass dem Kohen eine weitere Grenze aufgezeigt wird. »Und der Ewige sprach zu Mosche: Dies ist das Opfer, das Aharon und seine Söhne dem Ewigen bringen sollen am Tag der Salbung: ein Zehntel Epha feinsten Mehls als ständiges Speiseopfer, die Hälfte des Morgens, die Hälfte des Abends« (3. Buch Moses 6, 12–13).

Die Zeremonie dauerte acht Tage. In den ersten sieben Tagen wurde dem Kohen Hagadol auferlegt, zweimal täglich dieses Opfer zu erbringen, die eine Hälfte am Morgen, die andere am Abend. Diese Opferung war sowieso üblich, es wurde jeden Tag morgens und abends das sogenannte Korban tamid, das tägliche Opfer, dargebracht. Aharon wurde also verpflichtet, es sieben Tage lang selbst darzubringen.

Die Vorgabe G’ttes, auch der Hohepriester müsse ein persönliches Opfer darbringen, soll ihm und uns verdeutlichen, dass er ein Teil des Volkes ist. Er hat keine Sonderstellung, er ist ein Mensch und damit vor Verfehlungen nicht geschützt. Diese Anweisungen sollen sein Bewusstsein schärfen und ihn stärken.

Hinzu kommt, dass der Wert der Opfergabe gering war. Es war Getreide. Selbst Arme in der Gesellschaft konnten es sich leisten. Der Hohepriester gehört zum Volk. Denn in seiner Funktion als Botschafter muss er in der Lage sein, alle zu vertreten. Deshalb sollen ihm ihr Leben und ihre Gedanken vertraut sein.

Vor G’tt sind alle gleich. Wichtig ist, inwieweit wir dazu bereit sind, uns zu ändern und unser Tun zu verbessern. Nur so nähern wir uns G’tt. Es ist Sein Wille, dass wir uns durch einen guten Umgang unseren Nächsten nähern und mit ihnen in Einklang leben.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Duisburg – Mülheim – Oberhausen.

Inhalt
Im Wochenabschnitt Zaw werden die fünf Arten von Opfern, die die vorige Parascha eingeführt hat, näher erläutert. Es sind dies das Brand‐, das Friedens‐, das Sünden‐ und das Schuldopfer sowie verschiedene Arten von Speiseopfern. Dem folgen die Schilderungen, wie das Stiftszelt eröffnet und Aharon mit seinen Söhnen ins Priesteramt eingeführt wird.
3. Buch Moses 6,1 – 8,36

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