Herr Rutishauser, Sie erhalten am 8. März die Buber-Rosenzweig-Medaille. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?
Die Ehrung freut mich sehr. Denn Buber und Rosenzweig sind beides jüdische Denker, die versucht haben, unter schwierigsten Bedingungen im 20. Jahrhundert Jüdischkeit und jüdisches Leben zurückzugewinnen. Das hat mich immer sehr inspiriert.
Seit mehr als 25 Jahren engagieren Sie sich im jüdisch-christlichen Dialog und haben auch seine Geschichte erforscht. Wo stehen wir heute?
Wir befinden uns in einer großen Übergangsphase. In den 70er-, 80er- und 90er-Jahren kam es zur Hochblüte des Dialogs. Er war neu in einer liberalen Gesellschaft. Man hat nach einer antijudaistischen Geschichte mit der Aufarbeitung und »Wiedergutmachung« der Schoa begonnen. Jetzt kommen wir in eine Phase der Globalisierung, durch die diese liberale, offene Gesellschaft als Rahmen wegbricht. Es wächst eine neue Generation heran, für welche die Erinnerung an die Schoa und die Aufarbeitungsgeschichte nicht mehr so nah sind. Das heißt, es braucht neue Ansätze, um die neue Generation zu erreichen. Hinzu kommt die Zäsur des 7. Oktober mit dem darauffolgenden Gazakrieg. Das sind Konstellationen, die den Dialog belasten. So sind auch für mich einige Freundschaften mit Menschen in Israel zerbrochen – aufgrund der unterschiedlichen Beurteilung der gegenwärtigen politischen Lage. Das ist etwas, was auf der persönlichen Ebene sehr schmerzt. Aber für mich ist weiterhin klar, dass wir den Antisemitismus vertieft bekämpfen müssen. Rationale Aufklärung genügt dabei nicht. Es braucht auch spirituelle Transformation und tiefere Persönlichkeitsbildung.
Das Motiv der Innerlichkeit, die Hinwendung des Individuums zur eigenen Gefühlswelt, durchzieht Ihr Leben und Wirken – steht das nicht im Spannungsfeld zur Realität?
Doch, ich würde sagen, es gibt die äußere Landschaft und die Wirklichkeit – aber genauso existiert die innere Seelenlandschaft und damit eine innere Wirklichkeit. Ich versuche mich immer auf beiden Ebenen zu bewegen. Äußerlich wahrzunehmen, was unsere Gesellschaft bewegt, im Kulturellen, in der Religion, in der Politik, in der Wirtschaft, in den verschiedenen Bereichen. Und zugleich versuche ich aber auch, weil ich einfach um die inneren Voraussetzungen weiß, mich mit Mystik, Kunst und Musik auseinanderzusetzen, weil dies Sprachen sind, die nach innen vordringen.
Sie sind im Jahr 1992 in den Jesuitenorden eingetreten. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
Der Gründer des Ordens, Ignatius von Loyola, hat die geistlichen Übungen – die Exerzitien – geschaffen, also einen inneren mystischen Übungsweg. Diese bereits angesprochene Innerlichkeit hat mich fasziniert. Auf der anderen Seite war Ignatius von Loyola ein Spanier im 16. Jahrhundert, der einen Orden gegründet hat, dem überaus viele sogenannte Conversos – iberische Juden, die im 14. und 15. Jahrhundert, oft unter Zwang, zum Katholizismus konvertierten – beigetreten sind. So haben sein Nachfolger und sein Sekretär eine jüdische Herkunftsgeschichte.
Das heißt, die frühen Jesuiten waren stark vom Judentum geprägt?
Genau, insbesondere vom Judentum des 16. Jahrhunderts auf der Iberischen Halbinsel. Zudem sind uns brisante Dokumente aus dieser Zeit überliefert, in denen dem Jesuitenorden vorgeworfen wird, er sei wie eine Synagoge innerhalb der katholischen Kirche. Intuitiv hatte ich schon immer den Eindruck, dass zwischen jesuitischem und rabbinischem Glaubens- und Weltverständnis eine Verwandtschaft besteht. Als zentralen Wert dieser gegenseitigen Annäherung erachte ich die Bildung.
Sie haben sich später intensiv im Studium mit dem rabbinischen Judentum beschäftigt und unter anderem in Jerusalem und an der Yeshiva University in New York geforscht. Woher kam dieses Interesse?
Im Theologischen fühlte ich mich zu den Ursprüngen hingezogen und habe sehr rasch gespürt, dass ich mich über das Neue Testament, über die Geschichte Jesu, zum Judentum, also zum Alten Testament vorgrabe. In diesem Sinne war das auch biografisch für mich der Weg, wie ich zum Judentum gekommen bin: um insbesondere die Jüdischkeit Jesu neu zu bedenken und deren Stellenwert in Hinblick auf den Dialog zu befragen. Da sehe ich vor allem einen Auftrag der Kirche, sich als Institution bewusst zu machen, was dieses jüdische Erbe für sie bedeutet.
Sie haben zu Josef Soloveitchik promoviert. Was hat Sie als Christen an den Schriften des Rabbiners interessiert?
Soloveitchik hat für mich in einmaliger Weise die orthodoxe Weltsicht und die von der Halacha bestimmte Lebensweise mit europäischer Philosophie gedeutet. Damit hat er sie geprägt und in der Moderne verortet. Und dies in einem unheimlich kreativen Akt, der innere Freiheit voraussetzt. Tradition wird mit der Logik und Erkenntnis der Gegenwart verbunden. So verstehe ich authentisches Glaubensleben heute.
Seit 2024 sind Sie Professor für Judaistik und Theologie sowie Leiter des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung an der Universität Luzern. Welche Visionen haben Sie für Ihr Fach?
Die Judaistik darf nicht als ein Rand- oder Orchideenfach gelten, das bei den ersten Sparmaßnahmen wegreduziert wird, sondern muss als etwas Elementares wahrgenommen werden. Sie betrifft alle theologischen Disziplinen und alle Bereiche der christlichen Existenz. Und dann stellt sich wiederholt die Frage: Was ist die Aufgabe der Christen und der Juden in dieser Gesellschaft? Jüdisch-christlicher Dialog ist nicht nur für sich selbst da, für Juden und Christen, sondern in ihm ist gleichzeitig eine Verantwortung gegenüber der Menschheit angelegt. Und so stoße ich auch zu einem Kernanliegen des Judentums vor: Letztlich geht es darum, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. So machen wir uns gemeinsam auf den Weg zum Tikkun Olam. Dieser Weg weist weit über den akademischen Bereich der Judaistik hinaus.
Welche Bedeutung sollte Religion in der gegenwärtigen Gesellschaft einnehmen?
Ich glaube, wir müssen neu über das Verhältnis von Religion und Politik nachdenken. Die Moderne glaubte, dass man Religion einfach privatisieren kann. Die Säkularisierungsthese ist für mich aber überholt. Dabei stellt sich die Frage, welchen Platz die Religion in der Gesellschaft einnimmt. Zentral dabei scheint mir der Raum zwischen der politischen Sphäre der Öffentlichkeit und jener des Privaten, insbesondere mit Bezug zur Familie. Um den wirklichen Zusammenhang herzustellen, bedarf es eines zivilgesellschaftlichen Bereichs. Nur wenn dieser zwischen der Politik und dem Privatbereich stark ist, dann ist eine Gesellschaft bildungsoffen, dann ist sie integrativ und gewährt Raum für den Dialog. So können verschiedene Religionen und Gemeinschaften miteinander leben. Deshalb platziere ich das Religiöse vor allem auf zivilgesellschaftlicher Ebene, sodass es sich letztlich als ein Kulturphänomen entfaltet. So kommt es auch nicht zu religiösem Extremismus.
Gleichzeitig leben wir in einer Zeit der Extreme. Sie haben auch formuliert, wie schwierig der Dialog geworden ist. Woher schöpfen Sie – vielleicht auch eine messianische – Hoffnung?
Die messianische Hoffnung ist für mich weniger eine eschatologische als vielmehr eine Denkfigur, eine Existenzfigur oder eine Lebensfigur, die darauf ausgerichtet ist, dass etwas wirklich heiler, gerechter, besser werden kann. Und es ist deshalb für mich so wichtig, weil ich die vielen negativen Seiten der Schöpfung sehe: sei es das große Leiden der Menschen, der nicht gelingende Dialog oder die Ungerechtigkeit, die vorherrscht. Da hilft mir die biblische Tradition, einen realistischen Blick – und eine damit verbundene Hoffnung – zu behalten, um nicht in den Fatalismus zu verfallen. Denn das Leben ist keine schicksalhafte Tragödie, wie die Griechen es letztlich formulierten, sondern ein Drama. Mein Lebensgefühl ist ein dramatisches Lebensgefühl, und das drückt sich für mich in einem messianischen Denken aus.
Mit dem katholischen Theologen und Judaisten sprach Richard Blättel.
Buber-Rosenzweig-Medaille
Die Auszeichnung wird seit 1968 alljährlich in der »Woche der Brüderlichkeit« vom Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit verliehen. Träger der Medaille sind unter anderem die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Schriftsteller Navid Kermani und der Sportverband Makkabi Deutschland. 2026 geht sie an den Jesuiten Christian Rutishauser, einen »führenden katholischen Vertreter im christlich-jüdischen Dialog weltweit«. Rutishauser agiere als intensiver Mahner gegen Rückfälle der Verständigung, so die Begründung. Der Judaist kritisierte den emeritierten Papst Benedikt XVI. öffentlich für seinen Artikel »Gnade und Berufung sind ohne Reue« und löste damit eine Debatte bis in den Vatikan hinein aus.