Bereschit

Das Ende ist der Anfang

Warum wir am Fest den letzten und den ersten Abschnitt der fünf Bücher Mose lesen

von Rabbiner Jehoschua Ahrens  13.10.2014 15:06 Uhr

An Simchat Tora werden Torarollen in feierlichen Umzügen (Hakafot) durch die Synagogen getragen Foto: Marco Limberg

Warum wir am Fest den letzten und den ersten Abschnitt der fünf Bücher Mose lesen

von Rabbiner Jehoschua Ahrens  13.10.2014 15:06 Uhr

An Simchat Tora beenden wir den jährlichen Torazyklus mit dem letzten Wochenabschnitt aus dem 5. Buch Mose (Devarim), um gleich wieder mit Bereschit, der ersten Parascha aus dem 1. Buch Mose, den neuen Torazyklus zu beginnen. Das zeigt symbolisch, dass wir nicht einfach mit dem Lesen und Lernen der Tora aufhören, sondern immer weiter und weiter lernen, uns immerwährend mit der Tora beschäftigen.

Das Ende ist nur wieder der Anfang. So erklärt es der Tur (Rabbiner Jakob ben Ascher, Deutschland/Spanien 1270–1340), der meinte, wir Juden könnten beschuldigt werden, wir seien nicht mehr wirklich daran interessiert, die Tora weiterzulesen, wenn wir einfach mit dem letzten Wochenabschnitt aufhörten und das feierten.

Das zeigt aber auch, dass wir gar nicht wirklich mit der Tora abschließen können – sie ist zeitlos und muss immer wieder neu interpretiert und in unseren Lebensalltag implementiert werden. Es wird nie den Zeitpunkt geben, an dem wir sagen können, dass wir jetzt fertig sind mit der Tora, und dass alles darüber gesagt worden sei.

Freude Daher ist Simchat Tora, wie der Name sagt, ein Tag der Freude über die Tora. Die Torarollen werden in einer Prozession aus dem Aron Hakodesch genommen und durch die Synagoge getragen. Möglichst alle sollen die Möglichkeit haben, wenigstens eine der Torarollen zu halten. Es wird viel gesungen und getanzt. Oft werden auch Süßigkeiten für die Kinder verteilt, während die Erwachsenen ein kleines Lechaim trinken. Beim Toraaufruf werden nicht nur Einzelpersonen aufgerufen, sondern ganze Gruppen, auch die Kinder – sodass symbolisch jeder eine Alija bekommt.

Doch so fröhlich und ausgelassen Simchat Tora auch ist – wir finden das Fest interessanterweise gar nicht als Feiertag in der Tora. Sie spricht an verschiedenen Stellen (1. Buch Mose 23, 4. Buch Mose 29 und 5. Buch Mose 16) darüber, dass Sukkot sieben Tage hat.

Azeret Simchat Tora wird nicht erwähnt, sondern lediglich eine »Azeret«, ein achter Tag, der Sukkot abschließt, ein Tag der Versammlung. Daraus wurde der Feiertag Schemini Azeret. Simchat Tora hingegen ist eigentlich eine recht neue Weiterentwicklung von Schemini Azeret, die es in dieser Form wahrscheinlich erst seit dem späten Mittelalter gibt.

Während der Antike wurde zwar schon in der Diaspora, die sich am Babylonischen Talmud orientierte, an Schemini Azeret/ Simchat Tora der Torazyklus beendet, und das auch in freudiger Weise, wie der Talmud in Schabbat 118 erläutert. Im Land Israel allerdings wurde die Tora nicht in einem, sondern in drei Jahren komplett durchgelesen (siehe Talmud Megilla 29b). Ein jährliches Fest gab es nicht.

In dieser Zeit war Simchat Tora also nichts weiter als Jom Tow Acharon, der letzte Tag des Festes (Megilla 31a), und erst vor etwa 1000 Jahren wurde überhaupt zum ersten Mal von »Simchat Tora« gesprochen. Dieser Ausdruck setzte sich erst langsam im Laufe des Mittelalters durch, und häufig nannte man den Tag in dieser Zeit immer noch Jom Scheni oder Jom Tow Scheni, also einfach den zweiten Tag von Schemini Azeret.

Aber warum hat sich dann Simchat Tora als Feier an Schemini Azeret, beziehungsweise in der Diaspora am zweiten Tag von Schemini Azeret, überhaupt durchgesetzt? Eine Antwort liegt vielleicht im Charakter des Feiertages. Kein Feiertag ist, was Form und Inhalt angeht, so unklar wie Schemini Azeret. Generationen von Rabbinern haben darüber gestritten, ob es ein eigener Feiertag ist – oder ob es eigentlich zu Sukkot gehört.

Talmud Der Talmud (Sukka 55b) gibt eine mögliche Antwort. Am siebten Tag Sukkot wurden im Tempel sieben Bullen geopfert, an Schemini Azeret nur einer. Rabbi Elasar erklärt, dass die 70 Bullen, die insgesamt an Sukkot geopfert werden, den 70 Nationen der Welt entsprechen, also symbolisch als Opfer für alle Völker der Welt gebracht werden.

An Schemini Azeret allerdings gibt es nur ein Opfer für ein kleines Gastmahl, das G’tt ganz intim mit Seinem Volk Israel teilt. Sukkot ist also ein universales Fest, das, wie es Zacharias (14, 16–19) prophezeit, eines Tages alle Völker feiern werden. Schemini Azeret ist jedoch nur für das jüdische Volk bestimmt, und es ist ein bescheidener Feiertag, der ausschließlich die besondere Beziehung zwischen G’tt und seinem geliebten Volk thematisiert.

Ähnlich – und doch mit einem wichtigen Unterschied – erklärt es auch Raschi in seinem Kommentar zur Tora (3. Buch Mose 23,36, »Azeret Hi«), wo er Folgendes schreibt: »Ich habe Euch bei Mir behalten, wie ein König, der seine Söhne zu einer Mahlzeit für eine bestimmte Anzahl von Tagen eingeladen hat; als die Zeit kam, sich zu trennen, bat er seine Kinder: ›Bitte bleibt noch einen Tag bei Mir, Eure Abreise ist schwer für mich‹«.

Nach diesem Verständnis ist Sukkot ein Feiertag der Freude G’ttes an Seinen Kindern Israel – und Schemini Azeret und Simchat Tora sind einfach ein Teil am Ende der Sukkottage, den Er anfügt, weil es Ihm so schwerfällt, sich von uns zu verabschieden.

Zuneigung Beide Erklärungen, die des Talmud und die von Raschi, haben trotz ihrer Unterschiede (vor allem in der Frage, ob Schemini Azeret nun ein eigener Feiertag ist oder nur Teil von Sukkot) eines gemeinsam: G’ttes Liebe für uns, sein Bedürfnis, uns nahe zu sein. Schemini Azeret ist ein bewegender Ausdruck von G’ttes Zuneigung und G’ttes spezieller Beziehung zu uns, seinem jüdischen Volk. Daher ist Schemini Azeret auch tatsächlich mehr als ein weiterer Tag von Sukkot, sondern eben ein ganz eigenständiger Feiertag.

Schließlich ist das auch die Erklärung dafür, warum im Laufe der Zeit Schemini Azeret zu Simchat Tora wurde (beziehungsweise in der Diaspora der zweite Festtag). Schemini Azeret selbst hat keine spezielle Symbolik. Was könnte da besser zum Thema der besonderen Liebe und Beziehung zwischen G’tt und uns passen als die Tora, die Er uns geschenkt hat und die unseren Lebensweg leitet und erleuchtet?

Der Autor ist Assistenzrabbiner der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich.

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