Naturschutz

Bruder Baum

Geben und nehmen: Mensch und Natur sind aufeinander angewiesen. Foto: imago

Vandalismus gilt als schlimmes Verhalten. Die sinnlose Zerstörung von privatem und öffentlichem Besitz ist verboten. Jeder vernünftige Mensch wird dafür eine passende Bestrafung fordern. Aber wo fängt Vandalismus an? Ist es sinnloses Zerstören, wenn ich ein Bekleidungsstück wegwerfe, das noch einigermaßen brauchbar ist? Handelt es sich um Vandalismus, wenn ein Restaurant übrig gebliebene Lebensmittel entsorgt? Oder ist das erlaubt, weil man den Gästen ja frisches Essen servieren möchte?

Die Einstellung des Menschen zur Umwelt hängt davon ab, wie er seinen Platz auf der Erde sieht. Aber welche Autorität hat der Mensch von G’tt erhalten? Mit der Schöpfung hat der Ewige die Menschen folgendermaßen gesegnet: »Und G’tt segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht« (1. Buch Moses 1,28).

Nachmanides kommentiert: »G’tt gab ihnen Macht über die Erde, um auch über Tiere, Ungeziefer und alle lebendigen Wesen zu herrschen. Der Mensch darf bauen, pflanzen, Pflanzen abschneiden, Bergbau betreiben ...«. Im Judentum ist der Mensch allen anderen Lebewesen gegenüber eine Autorität. Da er ein denkendes und sich entwickelndes Geschöpf ist, besitzt er Macht über alle anderen, um sie für seine Bedürfnisse zu nutzen.

Der Mensch hat G’ttes Wort sehr weit interpretiert. Der Wille des Menschen, zu zeigen, dass er stärker ist als alle anderen Geschöpfe, bringt ihn dazu, sie zu missbrauchen. So finden seit Hunderten von Jahren in Spanien Stierkämpfe statt, bei denen der Mensch seine Überlegenheit gegenüber einem starken Tier unter Beweis stellt. Zirkusleute wiederum trainieren Tiere und halten sie in Käfigen, damit sie an Kraft verlieren und zu beherrschen sind.

Einschränkung Alle Ressourcen der Erde sind geschaffen, um sie konstruktiv zu verwenden. Die Tora erlaubt uns ausdrücklich, Tiere zu schlachten und zu verzehren. Der Mensch darf Eisen, Gold, Öl und andere Schätze der Natur nutzen. Trotzdem schränkt die Tora ein: »Und G’tt nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn baute und bewahrte« (1. Buch Moses 2,15). Es stimmt, dem Menschen wurde die Erlaubnis gegeben, die Schöpfung zu beherrschen. Doch darf er sie nicht beschädigen. Das sagt die Tora ausdrücklich.

Der Mensch hat die Herrschaft über die Schöpfung erhalten, »um zu bauen und zu bewahren«, er soll also dafür sorgen, dass sie weiter existiert. Anders gesagt: Der Mensch darf alles verwenden, um etwas zur Schöpfung beizutragen, aber nicht, um sie zu zerstören.

Rabbiner Baruch ha-Levi Epstein (1860–1942) schreibt in seinem Kommentar Tora Tmima: »Was dort in der Tora steht, soll ein Hinweis für das Geschöpf auf der Erde sein. Man soll die Welt nicht nur genießen, sondern auch etwas zu ihr beitragen.« Der Mensch darf von der Erde profitieren, aber nur unter der Bedingung, dass er die Welt auch verbessern und nicht zerstören wird.

Regeln Unsere Parascha gibt einen weiteren Aspekt für der Forderung der Tora, wonach der Mensch die Schöpfung schützen soll. Die Tora beschreibt eine extreme Situation und möchte, dass wir daraus eine Lehre ziehen: Der Mensch befindet sich, G’tt behüte, im Krieg. Ist dem Menschen in dieser Zeit alles erlaubt? Oder gibt es sogar dann Verhaltensregeln gegenüber der Schöpfung?

»Wenn du vor einer Stadt, gegen die du kämpfst, lange Zeit liegen musst, um sie zu erobern, so sollst du die Bäume nicht verderben, dass du mit Äxten dran fährst; denn du kannst davon essen, darum sollst du sie nicht ausrotten« (5. Buch Moses 20,19).

Der Mensch möchte eine Stadt belagern und dazu benötigt er Baumaterial – Bäume. Aber das ist verboten! Er muss verstehen, dass diese Bäume aus zwei Gründen wichtig sind. Zum einen soll man die Schöpfung nicht sinnlos zerstören. Raschi kommentiert, dass der Baum nicht wegen des Krieges leiden soll. Zum anderen werden die Bäume nach Ende des Krieges benötigt, wenn das Leben weitergehen soll und der Mensch von der Schöpfung profitieren kann.

Dieses Verbot ist grundsätzlich. Es wird unterschieden zwischen fruchttragenden und nicht fruchttragenden Bäumen: »Welches aber Bäume sind, von denen du weißt, dass man nicht davon isst, die sollst du verderben und ausrotten und Bollwerk daraus bauen wider die Stadt, die mit dir kriegt, bis du ihrer mächtig werdest« (5. Buch Moses 20,20).

Wir können sehen, dass die Tora die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt sehr klar definiert. Die Pflicht des Menschen zum Umweltschutz ist eindeutig. Selbst wenn die Natur genutzt wird, soll es überlegt getan werden, um möglichst wenig Schaden anzurichten. Von nicht fruchttragenden Bäumen kann natürlich Holz zum Bauen oder zum Verbrennen genommen werden.

Halacha Das Verbot »Du darfst nicht zerstören« ist in der Halacha sehr grundsätzlich. Es betrifft nicht nur Bäume. Jeder, der Bekleidung zerreißt, Gebäude oder Werkzeuge zerstört, Quellen austrocknet und Lebensmittel verdirbt, verstößt gegen das Verbot (Maimonides Hilchot Melachim 6, 10). Es richtet sich nicht nur gegen Vandalismus, sondern es fordert auf, jeden Gegenstand zu respektieren. Bevor der Mensch etwas zerstört, muss er prüfen, ob die Umstände das erlauben oder ob es vielleicht besser wäre, den Gegenstand wieder zu verwenden oder ihn an andere weiterzugeben.

Gute Menschen fanden Lösungen für solche Fragen und sollten gelobt werden. Es gibt Organisationen, die gebrauchte Kleidung flicken, damit Arme sie tragen können. Oder manche Restaurants geben Lebensmittel an soziale Einrichtungen. Recycling bedeutet nicht nur, Müll zu trennen, sondern alle Materialien zu verwenden, und wenn etwas übrig bleibt, es zu verschenken.

Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) kommentiert das Verbot folgendermaßen: »Es handelt sich um eine grundsätzliche Warnung an den Menschen. Er soll seinen Stand nicht missbrauchen, um Gegenstände aus Lust und Laune oder aus Missachtung zu zerstören. G’tt gab uns die Erde, um sie mit Weisheit zu nutzen. Nur damit wurde uns erlaubt, sie zu regieren!«

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund.

Inhalt
Im Wochenabschnitt Schoftim geht es um die Organisation von Rechtsprechung und Politik. Dabei steht zunächst die Regierung im Vordergrund. Es werden Gesetze über die Verwaltung der Gemeinschaft mitgeteilt sowie Verordnungen über Richter, Könige, Priester und Propheten. Die Tora betont, dass die Kinder Israels in jeder Angelegenheit nach Gerechtigkeit streben sollen. Der Wochenabschnitt warnt vor Zauberei und Hexerei, denn das seien die Praktiken der Nachbarvölker, die Götzenanbetung betreiben. Bevor mit Verordnungen zum Verhalten in Kriegs- und Friedenszeiten geschlossen wird, weist die Tora darauf hin, dass ein Israelit, der einen anderen ohne Absicht totgeschlagen hat, sich in einer von drei Zufluchtsstädten vor Blutrache retten kann.

5. Buch Moses 16,18 – 21,9

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